Ich möchte euch Leonora Carrington vorstellen


Es kommt vor, dass ich Menschen entdecke, bei denen ich mich frage, warum ich eigentlich noch nie von ihnen gehört habe.
Leonora Carrington ist für mich so ein Mensch.

Eine Frau, die sich schon sehr früh weigerte, so zu leben, wie andere es für sie vorgesehen und vorgestellt hatten. Eine Künstlerin, Schriftstellerin, Rebellin und eine Frau mit einer Lebensgeschichte, die stellenweise selbst wie eines ihrer surrealistischen Gemälde wirkt.

Leonora Carrington wurde 1917 in Lancashire in England geboren. Ihre Familie war wohlhabend und hatte ziemlich klare Vorstellungen davon, was aus einer jungen Frau ihrer gesellschaftlichen Schicht einmal werden sollte.
Leonora hatte allerdings andere Vorstellungen. Sie galt als schwierig und rebellisch, wurde von Schulen verwiesen und interessierte sich sehr viel mehr für Geschichten, Fantasie und Kunst als für die gesellschaftlichen Regeln, denen sie sich unterordnen sollte. Schon als Kind liebte sie Märchen, irische Sagen und fantastische Geschichten.

Und irgendwann entdeckte sie den Surrealismus. Mit 19 Jahren besuchte sie in London eine grosse Ausstellung surrealistischer Kunst. Besonders die Bilder des deutschen Künstlers Max Ernst faszinierten sie. Ein Jahr später lernte sie ihn persönlich kennen.

Max Ernst war damals bereits ein berühmter Künstler und 26 Jahre älter als Leonora. Die beiden verliebten sich ineinander und zogen schliesslich gemeinsam nach Südfrankreich.

Doch dann kam der Zweite Weltkrieg. Max Ernst wurde als Deutscher in Frankreich interniert. Für Leonora brach damit ihre bisherige Welt zusammen. Sie floh nach Spanien und erlitt dort eine schwere psychische Krise.
Ihre Familie liess sie gegen ihren Willen in eine psychiatrische Klinik in Santander einweisen. Was sie dort erlebte, war traumatisch. Sie wurde mit damals üblichen, heute teilweise kaum vorstellbaren Methoden behandelt. Später schrieb sie darüber in ihrem autobiografischen Text „Down Below“.

Aber Leonora Carrington blieb nicht in dieser Geschichte gefangen. Sie entkam schliesslich dem Einfluss ihrer Familie, gelangte zunächst nach New York und 1942 nach Mexiko.
Und Mexiko wurde ihre Heimat.

Dort fand sie eine Welt, die offenbar zu ihr passte: voller alter Mythen, indigener Traditionen, Geschichten, Rituale und Magie. Sie lebte den grössten Teil ihres restlichen Lebens in Mexiko-Stadt, heiratete den Fotografen Emerico „Chiki“ Weisz und bekam zwei Söhne.

Und sie malte. Und was für Bilder sie malte!!
In Leonora Carringtons Welt begegnen einem Frauen, Pferde, Mischwesen aus Menschen und Tieren, geheimnisvolle Räume, riesige Göttinnen und fantastische Kreaturen. Ihre Bilder wirken manchmal wie Träume, bei denen man nach dem Aufwachen noch genau weiss, dass etwas Wichtiges darin passiert ist – aber man kann nicht mehr erklären, was.

Besonders spannend finde ich, dass Tiere in ihrem Werk immer wieder auftauchen. Vor allem Pferde spielten eine wichtige Rolle. Sie waren für Carrington auch ein Symbol ihrer eigenen Identität und vielleicht ebenso für Freiheit und Unabhängigkeit.

Leonora Carrington gehörte zum Umfeld der grossen Surrealisten. Aber etwas stört mich an der Art, wie Frauen aus dieser Zeit teilweise beschrieben werden. Sie waren oft (nur) die Musen berühmter Männer.
Leonora Carrington wollte genau das nicht sein. Sinngemäss sagte sie einmal, sie habe gar keine Zeit gehabt, jemandes Muse zu sein – sie sei viel zu beschäftigt damit gewesen, gegen ihre Familie zu rebellieren und Künstlerin zu werden.

Ich liebe diesen Gedanken, denn Leonora Carrington war nicht einfach „die junge Geliebte von Max Ernst“. Sie war Leonora Carrington, eine eigenständige Künstlerin mit einer ganz eigenen Bildsprache. Eine Schriftstellerin, eine Frau, die aus einer Gesellschaft ausbrach, die ihr einen bestimmten Platz zugedacht hatte. Und später engagierte sie sich in Mexiko auch für die Frauenbewegung.
Sie arbeitete über Jahrzehnte weiter und schuf ein riesiges eigenes Universum zwischen Kunst, Mythologie, Traum, Magie und Wirklichkeit.

Leonora Carrington starb 2011 im Alter von 94 Jahren in Mexiko-Stadt.

Heute gilt sie als eine der bedeutendsten Künstlerinnen des Surrealismus. Ich glaube, ihre Geschichte ist auch ein gutes Beispiel dafür, wie wir Kunstgeschichte lange erzählt haben.

Dalí kennen wir. Magritte kennen wir. Max Ernst kennen viele. Aber wie viele kennen Leonora Carrington?

Ich kannte sie bisher nicht. Aber jetzt schon. Und genau deshalb möchte ich sie euch vorstellen. Eine Frau, die sich nicht damit zufrieden gab, die Muse eines berühmten Mannes zu sein. Sie erschuf lieber ihre eigene Welt. Und was für eine! Richtig faszinierend.

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About Me

Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.