
Wenn wir an den 11. September 2001 denken, denken wir an die Bilder, die sich vermutlich für immer in unser Gedächtnis eingebrannt haben. Den Schock. An die twin towers in New York. Feuer, Rauch… Menschen, die auf den Strassen von New York nach oben schauten.
An etwas, das zunächst niemand wirklich begreifen konnte…
Ich möchte euch eine Frau vorstellen. Sie hiess Melissa Marie Harrington-Hughes.
Melissa wurde am 29. Mai 1970 in West Springfield im US-Bundesstaat Massachusetts geboren. Sie war 31 Jahre alt, als sie starb. Wenn man etwas über ihr Leben liest, bekommt man ziemlich schnell das Gefühl, dass Melissa jemand war, der unglaublich neugierig auf die Welt war. Sie studierte am Dickinson College und verbrachte während dieser Zeit ein Jahr in Bologna in Italien. Danach hätte sie eigentlich wieder nach Hause zurückkehren können.
Melissa hatte offenbar andere Pläne. Sie blieb in Europa, arbeitete als Au-pair in Frankreich, verbrachte zwei Monate in Paris und einen weiteren Monat an der französischen Riviera. Und irgendwann erfuhr ihr Vater bei einem Anruf, dass seine Tochter gerade nach Afrika gereist war. Nach Marokko. Dort ritt sie auf Kamelen.
Ich mag dieses kleine Detail sehr, weil plötzlich aus einem Namen auf einer viel zu langen Liste ein Mensch wird. Eine junge Frau irgendwo in Marokko auf einem Kamel, weit weg von zu Hause, neugierig darauf, was die Welt noch für sie bereithält.
Melissa war überhaupt gerne unterwegs. Ihr Vater sagte später über sie, sie sei eigentlich nie besonders lange an einem Ort geblieben.
Sie liebte Opern, guten Wein und Reisen. Und, etwas überraschend zwischen all diesen Dingen, American Football. Sie war Fan der Green Bay Packers.
Aber Melissa war nicht nur abenteuerlustig. Sie war auch ausgesprochen ehrgeizig. Sie arbeitete mehrere Jahre in Washington beim amerikanischen Handelsministerium und beschäftigte sich dort als Handelsspezialistin mit China. Später zog sie nach Kalifornien und arbeitete unter anderem am Stanford Research Institute. Zuletzt war sie Director of Business Development bei Slam Dunk Networks in Redwood Shores. Sie hatte mehrere Hochschulabschlüsse und schloss ihren Master an der George Washington University sogar magna cum laude ab.
Daneben engagierte sie sich in San Francisco ehrenamtlich. Besonders wichtig war ihr die Junior League of San Francisco. Ihr Vater erzählte später, dass sie sehr stolz auf diese Arbeit gewesen sei. Wenn je ein Artikel über sie geschrieben werde, so meinte er, müsse die Junior League unbedingt darin vorkommen. Also kommt sie auch hier vor, weil es ihr wichtig war.
Melissa hatte auch die Liebe gefunden: Sean Hughes. Die beiden heirateten auf einem Weingut im Napa Valley. Irgendwie passt auch das zu einer Frau, die guten Wein und schöne Orte liebte. Nach der Hochzeit fügte Melissa seinen Nachnamen ihrem eigenen hinzu. Aus Melissa Harrington wurde Melissa Harrington-Hughes.
Und dann kam der 10. September 2001… Dieser schicksalshafte Tag, der die Leben von so vielen Menschen auslöschen und die Leben anderer für immer verändern würde.
Melissa flog für eine Geschäftsreise nach New York. Nur für kurze Zeit. Am nächsten Morgen hatte sie einen beruflichen Termin im World Trade Center.
Am 11. September sass Melissa im 101. Stock des Nordturms, als um 8.46 Uhr American-Airlines-Flug 11 in das Gebäude einschlug. Sie war oberhalb der Einschlagstelle eingeschlossen. Melissa telefonierte mit ihrem Vater Robert. Er wusste zunächst selbst kaum, was passiert war. Während des Gesprächs schaltete er den Fernseher ein und sah die Bilder aus New York.
Er versuchte seiner Tochter zu helfen. Sagte ihr, sie solle nach einem Treppenhaus suchen. Was beide zu diesem Zeitpunkt nicht wissen konnten: Es gab von dort keinen begehbaren Fluchtweg mehr nach unten.
Am Ende des Gesprächs sagten Vater und Tochter einander, dass sie sich liebten. Melissa bat ihn, Sean anrufen. Ihr Mann war tausende Kilometer entfernt in San Francisco. Dort war es noch früh am Morgen. Er schlief noch.
Melissa versuchte auch ihn zu erreichen, aber er ging nicht ans Telefon. Also sprach sie auf seinen Anrufbeantworter. Eine Nachricht, die später auf der ganzen Welt bekannt werden sollte.
«Sean, it’s me … I just wanted to let you know I love you …»
Sie sagte ihm, dass sie in einem Gebäude in New York festsitze. Dass sie nicht wüssten, ob ein Flugzeug eingeschlagen oder eine Bombe explodiert sei und dass überall Rauch sei.
Und dann sagte sie ihm noch einmal, was ihr offenbar wichtiger war als alles andere: dass sie ihn liebe. Immer.
Melissa Marie Harrington-Hughes überlebte den Einsturz des Nordturms nicht. Mit 31 Jahren starb sie.
Mir ist es wichtig, über sie zu schreiben. Eigentlich stellvertretend für alle anderen Menschen, die dort ihr Leben verloren. Bei grossen Katastrophen sprechen wir irgendwann nur noch über Zahlen. 2977 Menschen starben bei den Anschlägen vom 11. September 2001. Eine Zahl, die so gross ist, dass man sie eigentlich gar nicht erfassen kann.
Aber diese 2977 Menschen waren nicht einfach 2977 Opfer. Das waren Menschen, die noch Pläne hatten. Menschen, die jemandem versprochen hatten anzurufen. Menschen, auf die zuhause jemand wartete. Menschen, die an diesem Tag wohl ganz vieles vorhatten. Unter schrecklichen Umständen zu sterben, gehörte da nicht dazu…
Eine von ihnen war Melissa, die am 10. September 2001 für einen ganz gewöhnlichen Geschäftstermin nach New York flog…
Das ist nur EINE Geschichte von 2977. Erinnern wir uns daran, dass hinter jeder einzelnen Zahl einer Katastrophe ein ganzes Leben steckt…


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