Louise — 1962


Louise ist dreissig Jahre alt.
Jeden Morgen wacht sie kurz vor sechs Uhr auf, meistens noch bevor der Wecker klingelt. Für einen kleinen Moment bleibt sie liegen und lauscht der Stille. Neben ihr schläft ihr Mann Hans noch tief und fest. Im Kinderzimmer liegen Peter, acht Jahre alt, und Ruth, fünf Jahre alt, eingekuschelt unter ihren schweren Decken.

Dann beginnt ihr Tag.
Sie zieht sich leise an, heizt den Ofen ein, setzt den Kaffee auf und schmiert Brote. Während das Wasser kocht, legt sie Hans’ frisches Hemd bereit und weckt danach die Kinder. Peter geht in die zweite Klasse, Ruth bleibt noch ein Jahr zu Hause. Einen Kindergarten gibt es im Dorf erst ab sechs Jahren und eine Spielgruppe kennt damals noch niemand.

Wenn Hans kurz nach halb sieben das Haus verlässt, hat Louise bereits mehr als eine Stunde gearbeitet. Nur nennt das niemand Arbeit.
Sie räumt die Küche auf, macht die Betten, wäscht Wäsche oftmals von Hand und hängt sie draussen auf. Es gibt im Haus eine Waschmaschine, auch die benutzt sie manchmal. Sie putzt das Haus, geht einkaufen und kocht das Mittagessen. Ruth läuft ihr den ganzen Vormittag hinterher, stellt Fragen, spielt mit ihren Puppen oder hilft ihr, indem sie Wäscheklammern reicht.

Louise liebt ihre Kinder von ganzem Herzen.
Und trotzdem gibt es Momente, in denen sie am Küchenfenster steht, hinaus auf die Strasse schaut und sich fragt, ob das wirklich alles gewesen sein soll.
Vor ihrer Heirat arbeitete sie in einem kleinen Stoffgeschäft. Sie mochte den Kontakt mit den Kundinnen. Das Beraten, das Rechnen und das Gefühl, am Abend nach Hause zu gehen und zu wissen, was sie an diesem Tag geleistet hatte.
Heute fragt sie niemand danach.
Ihr Mann Hans arbeitet als Mechaniker in einer Maschinenfabrik. Er ist ein fleissiger Mann. Er bringt den Lohn nach Hause, kümmert sich um den Garten und sorgt dafür, dass es der Familie gut geht. Er ist kein schlechter Mensch. Aber er lebt in einer Zeit, in der kaum jemand hinterfragt, dass oder warum der Mann alles entscheidet.

Eines Abends sitzt Louise ihm gegenüber am Küchentisch.
«Hans» sagt sie vorsichtig, «wenn Ruthli nächstes Jahr in den Kindergarten kommt, könnte ich vielleicht wieder ein paar Stunden arbeiten.»
Hans legt seine Zeitung zur Seite und schaut sie überrascht an.
«Weshalb denn?»
«Ich würde einfach gerne wieder unter Leute kommen. Und ein eigenes kleines Einkommen wäre schön.»
Er lächelt verständnislos.
«Ich verdiene doch genug. Das brauchst du doch gar nicht.»
Louise nickt.
Sie weiss, dass das Gespräch damit eigentlich beendet ist.
1962 kann eine verheiratete Frau nicht einfach selbst entscheiden, wieder arbeiten zu gehen. Der Mann hat rechtlich das letzte Wort, sie als Frau braucht also sein Einverständnis. Was heute selbstverständlich erscheint, ist damals alles andere als selbstverständlich. Louise hat un ihrem Bekanntenkreis keine einzige verheiratete Frau, die arbeitet. Sogar ihre Schwägerin Emma, deren Ehe kinderlos geblieben war, ist Hausfrau.

Ein paar Wochen später sieht Louise im Dorf eine Frau aus dem Nachbarort mit einem kleinen hellblauen Auto.
Sie verfolgt sie mit den Augen, bis das Auto hinter der nächsten Kurve verschwindet.
Am Abend spricht sie noch einmal mit ihrem Mann.
«Ich würde gerne den Führerschein machen.»
Hans schaut überrascht auf.
«Wozu denn?»
«Zum Einkaufen. Zum Arzt. Oder um meine Schwester zu besuchen.»
Er schüttelt langsam den Kopf.
«Das kostet nur Geld. Ausserdem brauchst du das doch gar nicht. Ich fahre ja.»
Louise sagt nichts mehr.
Sie weiss, dass ihre Wünsche immer zuerst durch seine Zustimmung müssen und er sieht nicht ein, warum sie arbeiten oder Auto fahren möchte.

Am schönsten ist für Louise immer der Dienstag. Jeden Dienstagnachmittag treffen sich vier Frauen aus der Nachbarschaft.
Louise, Käthi, Annerös und Rita.
Sie sitzen abwechselnd bei einer von ihnen in der Stube, trinken Kaffee, essen manchmal ein Stück Kuchen und stricken oder häkeln. Auf dem Tisch liegen Wollknäuel, Stricknadeln und angefangene Socken für den Winter.
Die Kinder spielen draussen oder sitzen auf dem Boden und bauen Türme aus Holzklötzen.
Die Frauen lachen viel. Sie sprechen über Rezepte, über die Schule, über Krankheiten, über den Gemüsegarten und manchmal auch über ihre Träume.

An einem Dienstag sagt Käthi plötzlich ganz leise: «Manchmal hätte ich gern einfach etwas eigenes Geld.»
Es wird still.
Dann nickt Annetös.
«Ja. Einfach, damit man nicht immer fragen muss.»
Louise schaut auf ihre Häkelarbeit. Sie denkt an den Stoffladen. An den Führerschein. Und daran, wie schön es wäre, einmal einen Pass zu besitzen. Sie hatte nicht vor, zu verreisen, aber sie hätte einfach das Gefühl, selbst über ihr Leben bestimmen zu dürfen.

Diese Nachmittage bedeuten ihr mehr, als irgendjemand ahnt.
Hier fühlt sie sich nicht nur als Ehefrau oder Mutter. Hier ist sie einfach Louise.
Als Hans am Abend nach Hause kommt, fragt er: «War wieder euer Kaffeekränzchen?»
«Ja», antwortet sie lächelnd.
Für ihn sind das einfach ein paar Frauen, die zusammen Kaffee trinken und stricken und über belangloses Zeugs reden.
Er ahnt nicht, dass diese wenigen Stunden für Louise wie ein kleines offenes Fenster sind. Ein Fenster in eine Welt, in der Frauen ihre Gedanken aussprechen dürfen und selbstbestimmt darüber entscheiden möchten, was sie möchten und was nicht.

Spät am Abend steht Louise allein am Küchenfenster. Das Geschirr ist abgewaschen, die Kinder schlafen und draussen ist es dunkel geworden. Im Fensterglas sieht sie ihr eigenes Spiegelbild.
Sie ist erst dreissig Jahre alt. Und doch hat sie manchmal das Gefühl, als wäre ihr Leben längst festgeschrieben. Manchmal schiebt sie all diese Gedanken einfach weg und lenkte sich ab mit Schlagern aus dem Plattenspieler. Sie liebt die Hits von Catherine Valente.

Oft denkt an die kleine Ruth. Vielleicht wird ihre Tochter eines Tages einfach entscheiden können über ihr Leben.
Arbeiten.
Auto fahren.
Reisen.
Ohne jemanden um Erlaubnis zu fragen.
Louise weiss nicht, ob sie diesen Tag noch erleben wird. Aber sie hofft es. Nicht unbedingt nur für sich, sondern auch ganz fest für Ruth und für alle Mädchen, die nach ihr kommen.

Und soooo schlecht ist ihr Leben ja nicht, sagt sie sich manchmal….

Hinterlasse einen Kommentar

About Me

Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.