Juni 2026


Den Mutigen gehört die Welt.
Den andern aber auch!

Diesen Spruch habe ich Ende Jahr gewählt für mein Kalenderblatt Juni.
Den ersten Teil kennen wir ja vermutlich alle.
DEN MUTIGEN GEHÖRT DIE WELT.
Das ist einer von vielen Sprüchen, die man in Whatsapp-Status (jaja, das auch die Mehrzahl von Status… es heisst nicht Statusse oder so, ich habs nachgeschaut 😄, also keine Sorge) oder bei Facebook so liest. Durchaus schön und eine Aufmunterung, mutig zu sein. Da spricht ja nichts dagegen.
Dennoch finde ich es gut, solche altbackenen Sprüche, die ja sehr auf Stereotypien und alten Rollenbildern basieren, zu hinterfragen. Ihr kennt mich ja… Sowas mache ich ganz gern. Ich kann gut reflektieren und mache das auch gern.
Also, los!

Also.
Den Mutigen gehört die Welt.
Da habe ich DEN ANDERN ABER AUCH hinzugefügt, denn wir wollen ja niemanden diskriminieren oder ausgrenzen und schon gar nicht werten, gäll.

Ehrlich gesagt, finde ich dass MUTIG sowieso eines der bescheuertsten Worte der Welt ist. Und so antiquiert. Jedenfalls in unserem Gebrauch.
Schauen wir uns das Wort MUT doch mal genauer an:
Mut gehört zu den altern Wörtern unserer Sprache. Es stammt vom hochdeutschen MUOT und bedeutete ursprünglich nicht nur Tapferkeit oder Courage, sondern die gesamte innere Verfassung eines Menschen. Seine Gedanken, Gefühle, Wünsche, seinen Willen und seine Stimmung.
Erst im Laufe der Jahrhunderte wurde die Bedeutung enger. Aus der inneren Haltung wurde zunehmend das, was wir heute unter Mut verstehen: die Fähigkeit, trotz Angst, Gefahr oder Unsicherheit zu handeln. Mutig ist also jemand, der etwas tut, obwohl es schwierig, riskant oder beängstigend ist.
Spannend finde ich, dass das Wort heute oft sehr bestimmte Bilder hervorruft. Viele denken an Heldentaten, an Menschen, die sich in Gefahr begeben, an Soldaten, Feuerwehrleute, Bergsteiger oder Abenteurer. Oft sind das Bilder, die historisch eher männlich geprägt wurden. Mut erscheint dann laut, sichtbar und spektakulär. Dabei war die ursprüngliche Bedeutung viel weiter.

Vielleicht liegt genau dort ein Denkfehler unserer Zeit. Wir bewundern den Menschen, der in ein brennendes Haus läuft, und nennen ihn mutig.
Den Menschen, der mit einem Fallschirm aus einem Flugzeug springt oder (ohne Fallschirm, dafür mit Badhose) vom Dreimeter-Brett.
Einer, der eine Riesenspinne, eine Schlange oder ein Krokodil einfängt.
Und das ist ja alles auch sehr mutig.

Aber wir übersehen ganz vieles, das sehr mutig ist, und bewerten es in einem altertümlichen Denken oft noch als schwach, überfordert oder was auch immer. Wir haben in unseren Köpfen Bilder von Heldentaten, die wir gerne mit noch ganz vielen neuen Bildern ergänzen dürfen:

Die junge Frau, die nach einem Unfall im Rollstuhl sitzt und an manchen Tagen so sehr hadert und fast nicht mehr kann, aber trotzdem immer wieder in der Physiotherapie Bewegungen übt, die noch sehr anstrengend sind. Sie ist traumatisiert, geschwächt und möchte an vielen Tagen nur noch weinen…
Mutigste Frau ever!

Der Mann, der jeden Tag seine Frau in der Demenzabteilung des Pflegeheimes besucht, obwohl es ihn viel Überwindung kostet. Denn sie erkennt ihn seit Monaten schon nicht mehr, redet wirres Zeugs und kann sich nicht mehr selber waschen oder auf die Toilette gehen. Es tut ihm weh, sie so zu sehen. Seine Frau, die mal seine Partnerin war, die alles gemanagt hat, Kinder geboren und aufgezogen hat… Jedesmal, wenn er wieder geht, weint sie und hält ihn am Arm fest, bittet ihn, nicht zu gehen. Er weint innerlich und geht trotzdem. Zuhause, wo er nun ganz allein und ohne sie ist, weint er auch äusserlich… und morgen besucht er sie wieder.
Sooooo mutig und soooo stark.

Die Mutter eines Kindes mit einer Beeinträchtigung, die jeden Tag zwischen Therapien, Schule, Behörden, Sorgen und Hoffnung jongliert. Die vielleicht beruflich zurücksteckt, weil ihr Kind sie braucht oder auch das noch unter diesen kleinen Hut bringt irgendwie. Die immer wieder für Unterstützung kämpfen muss, für Verständnis, für Nachteilsausgleiche, für die Rechte ihres Kindes – dabei oft selbst an ihre Grenzen kommt, Befürfnisse zurücksteckt, ganz viel funktioniert, Ängste aushält, die andere, nicht betroffene Menschen nicht so gut nachvollziehen können.
Queen!

Wir übersehen den Menschen, der sich Hilfe holt, obwohl er Angst hat. Die Frau, die nach einer Trennung noch einmal von vorne beginnt und viele andere.

Vielleicht haben wir Mut lange Zeit vor allem dort gesucht, wo Gefahr sichtbar ist. Dabei gibt es auch einen stillen Mut. Einen Mut, der keine Schlagzeilen macht. Einen Mut, der nicht applaudiert wird. Einen Mut, der sich nicht in Minuten, sondern in Jahren zeigt.

Wenn man zur Herkunft des Wortes zurückkehrt, gefällt mir dieser Gedanke besonders. Denn ursprünglich hatte Mut viel mit der inneren Haltung eines Menschen zu tun. Nicht mit Heldentaten. Nicht mit Stärke. Sondern mit dem, was in einem Menschen vorgeht und was ihn trotz allem weitermachen lässt.

Vielleicht sollten wir Mut deshalb nicht nur dort suchen, wo jemand gegen Drachen kämpft. Sondern auch dort, wo jemand einen ganz gewöhnlichen Dienstag übersteht. Das ist vielleicht die unspektakulärste Form von Mut und gleichzeitig eine der grössten.

Ich finde auch, dass es manchmal wahnsinnig mutig ist, in den Augen anderer nicht mutig zu sein… Ganz gut auf seine eigenen Grenzen und Bedürfnisse zu achten und zu ihnen zu stehen.
Nicht immer müssen Grenzen ausgelotet und überstiegen werden (aber natürlich manchmal schon), nein. Grenzen sind nicht dafür da, immer ausgeweitet und ausgereizt zu weden. Manchmal sind sie dazu da, uns zu schützen und uns zu ermöglichen, bei uns zu bleiben.
Seine Grenzen zu kennen und sie manchmal auch zu verteidigen, gehört zu den wichtigsten Eigenschaften eines Menschen, würde ich behaupten. Menschen, deren Grenzen dauernd übergangen werden, gehen daran kaputt — egal ob das andere tun oder wir selbst.

Den Mutigen gehört die Welt.
Den andern aber auch.
Niemand hat das Recht, sich über andere zu stellen, die stiller sind oder weniger mutig erscheinen auf den ersten Blick.

2 Antworten zu „Juni 2026“

  1. Diesen Artikel zu schreiben, erforderte nicht unbedingt Mut, aber sehr viel Einfühlungsvermögen, Klugheit, Einschätzung von Gefühlen anderer Menschen – und vor allem der deutliche Gedanke, dass Mut so, so oft weiblich ist.

    Danke!

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About Me

Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.