Schöne Worte — Opathian


Opathian…
Ein Wort, das sich anfühlt wie ein Blick aus dem Fenster an einem Abend, an dem man plötzlich merkt, wie gross die Welt eigentlich ist und wie klein ein einzelnes Leben darin manchmal wirkt.

Das Wort Opathian beschreibt dieses stille, hohle Ziehen im Inneren, wenn einem bewusst wird, dass man gewisse Gefühle, Erfahrungen oder Formen von Glück vielleicht niemals erleben wird, warum auch immer. Vielleicht auch einfach, weil ein Menschenleben begrenzt ist und nicht jede Erfahrung darin vorgesehen ist.

Die Herkunft des Wortes ist nicht eindeutig historisch belegt wie bei alten lateinischen oder griechischen Begriffen. Es gehört eher zu diesen modernen, poetischen Kunstwörtern, die geschaffen wurden, um Gefühle zu benennen, für die es bisher kaum ein richtiges Wort gab. Gerade deshalb finde ich es irgendwie besonders. Es versucht etwas zu beschreiben, das viele Menschen kennen, aber selten laut aussprechen, weil es sehr, sehr persönlich ist und an einem ganz verletzlichen Ort in uns wohnt.

Vielleicht ist es die Erkenntnis, dass man nie alle Länder sehen wird, die man sehen wollte.
Dass man nie jede Version von sich selbst kennenlernen kann.
Dass manche Menschen nie zurückkommen.
Dass gewisse Träume irgendwann still werden.
Oder dass manche Formen von Liebe, Nähe oder Freiheit für einen selbst vielleicht immer unerreichbar bleiben.

Und trotzdem geht das Leben weiter und ist deswegen bestimmt nicht schlechter, ausser wir machen es dazu.

Ich glaube, genau dieser letzte Teil macht das Wort so berührend.
Opathian bedeutet nicht nur Traurigkeit. Es bedeutet auch Annahme.
Verstehen, dass ein erfülltes Leben nicht bedeutet, alles erlebt zu haben. Vielleicht geht es vielmehr darum, das Eigene wirklich zu fühlen.
Die kleinen Momente im Alltag, die uns näher zu uns selbst führen. Der Kaffee am Morgen. Ein vertrautes Lied. Eine Umarmung. Regen am Fenster. Das Lachen eines Menschen, den man liebt.
Vielleicht liegt die Tiefe des Lebens gar nicht darin, alles mitzunehmen, sondern darin, bei gewissen Dingen wirklich da zu sein. Ich denke das ganz oft, wenn ich sehe, wieviele Menschen nach überall in der Welt reisen, um sich selbst zu finden, um Ballast hinter sich zu lassen, um Lücken zu füllen, ohne zu realisieren, dass es umsonst ist.

Manchmal denke ich, erwachsen zu sein bedeutet auch, Frieden mit den ungelebten Möglichkeiten zu schliessen.
Mit all den Wegen, die man nicht gegangen ist.
Mit den Leben, die man nie leben wird.

Hinterlasse einen Kommentar

About Me

Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.