
Wenn wir den Namen Kafka hören, denken die meisten von uns wohl sofort an den Schriftsteller Franz Kafka. Doch heute möchte ich euch nicht ihn vorstellen, sondern seine jüngste Schwester: Ottla Kafka.
Es ist ihre Geschichte und sie soll nicht im Schatten ihres Bruders stehen, denn sie verdient es, auch gehört zu werden.
Ottla Kafka wurde am 29. Oktober 1892 in Prag geboren, das damals noch zu Österreich-Ungarn gehörte. Von ihren Geschwistern galt sie als die Unabhängigste. Sie war lebensfroh, mutig und liess sich nicht gerne vorschreiben, wie sie ihr Leben führen sollte. Während ihre Familie andere Pläne für sie hatte, arbeitete sie lieber auf einem Bauernhof, weil sie sich dort freier fühlte.
Zu ihrem Bruder Franz hatte sie eine besonders enge Beziehung. Er vertraute ihr wie kaum jemand anderem. In seinen Briefen wird deutlich, wie wichtig Ottla für ihn war. Sie verstand ihn, hörte ihm zu und unterstützte ihn, wenn er an sich selbst zweifelte.
Später heiratete Ottla den Josef David, der nicht jüdisch war. Gemeinsam bekamen sie zwei Töchter. Um ihre Familie vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu schützen, liess sie sich schliesslich sogar scheiden. Sie hoffte, dass ihre Kinder dadurch bessere Chancen hätten.
Sie selbst konnte der Verfolgung jedoch nicht entkommen.
Im Jahr 1942 wurde Ottla nach Theresienstadt deportiert. Dort arbeitete sie unter anderem in der Betreuung von Kindern. Trotz der unmenschlichen Bedingungen versuchte sie, ihnen etwas Geborgenheit und Wärme zu schenken.
Im Herbst 1943 traf eine Gruppe von rund 1200 jüdischen Kindern aus dem Ghetto Białystok in Theresienstadt ein. Die Kinder hofften auf Rettung und glaubten, sie würden in ein sicheres Land gebracht. Stattdessen sollten sie nach Auschwitz deportiert werden.
Ottla meldete sich freiwillig, die Kinder auf diesem Transport zu begleiten. Historiker gehen heute davon aus, dass sie wusste, wie gefährlich dieser Schritt war. Dennoch entschied sie sich, die Kinder nicht allein zu lassen.
Am 7. Oktober 1943 erreichte der Zug Auschwitz. Ottla Kafka und fast alle Kinder wurden unmittelbar nach ihrer Ankunft von der SS in die Gaskammern geschickt. Dort wurden sie mit dem Giftgas Zyklon B ermordet. Ihre Leichen wurden anschliessend in den Krematorien verbrannt.
Weder sie, noch eines der Kinder, die Ottla auf dieser letzten Reise begleitet hatte, kehrte jemals zurück.
Ich finde, das ist eine berührende Geschichte, weil Ottla sich in einer Zeit, in der so viel Menschlichkeit verloren gegangen war, bewusst dafür entschied, an der Seite der Schwächsten zu bleiben.
Wir wissen nicht, welche Gedanken ihr auf dieser letzten Reise durch den Kopf gingen und wie sie sich gefühlt hat. Aber wir wissen, dass sie den Kindern in ihren vermutlich schwersten Stunden voller Angst nicht den Rücken zukehrte.
Ich finde, genau deshalb sollten wir uns an ihren Namen erinnern.
Nicht wegen ihres berühmten Bruders, sondern wegen ihres eigenen Mutes.
Ottla Kafka war eine Heldin.


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