Religiöser Wahn


Wahrnehmung ist ja eigentlich eine total komplexe Sache und vermutlich geht jeder Mensch davon aus, dass seine / ihre Wahrnehmung die „richtige“ ist bzw. dass andere Menschen die Dinge genau so wahrnehmen wie sie / er. (Ich würde sagen, die meisten zwischenmenschlichen Probleme entstehen aus dieser Tatsache heraus).
Und so ist auch der Glaube. Es gibt Dinge, an die glauben wir ganz fest, andere glauben das nicht oder halt einfach etwas anderes. Glaube und Überzeugung prägen uns Menschen ja sehr. Sie geben Halt, Richtlinie und Sicherheit, beeinflussen unser Denken und Handeln und auch unsere Wahrnehmung.

Es gibt auch Zustände, in denen diese Überzeugung so stark wird, dass sie sich von der Realität löst.
Ich möchte mich heute kurz mit dem Religiösen Wahn befassen. Das ist dann eine Krankheit und hat gar nichts mehr mit Glauben zu tun.

Religiöser Wahn ist keine eigene Diagnose. Er tritt im Rahmen von Erkrankungen auf wie zB der Schizophrenie, bei einer bipolaren Störung in manischen Phasen oder bei anderen psychotischen Störungen.

Gemeint sind damit Überzeugungen mit religiösem Inhalt, die unumstösslich erscheinen, nicht mehr hinterfragt werden können und sich klar von dem unterscheiden, was andere Menschen wahrnehmen oder denken.

Ein Mensch kann glauben, dass Gott ihn begleitet. Das ist etwas, das viele Menschen kennen – das wäre dann der religiöse Glaube.
Ein Mensch im religiösen Wahn ist vielleicht überzeugt, dass er direkt von Gott beauftragt wurde, eine besondere Mission zu erfüllen, dass er auserwählt ist oder dass er Zeichen empfängt, die nur für ihn bestimmt sind. Es kann sein, dass er denkt, dass übernatürliche Kräfte ihn verfolgen oder prüfen.

Diese Überzeugungen fühlen sich nicht wie Gedanken an. Sie fühlen sich an wie Realität und die betroffene Person ist nicht mehr im Stande, dies zu unterscheiden.

Wahn ist nicht einfach ein „falscher Gedanke“. Er lässt sich nicht durch Argumente, Erklärungen oder Logik korrigieren. Auch wenn alle andern sagen, das sei nicht realistisch, das stimme nicht, bleibt er und vielleicht gehört auch gerade dieser Widerspruch von aussen dazu und bestärkt die Person in ihrer besonderen Rolle.

Wie bei vielen psychischen Erkrankungen ist es ja so, dass das uns allen auch passieren kann und ich finde diesen Gedanken wirklich nicht einfach. Wenn plötzlich meine Wahrnehmung in jedem Bereich des Lebens von allen andern Menschen als sehr komisch angeschaut wird, aber ich bin davon überzeugt, denn ich habe ja nichts anderes…

Oft hat der Wahn mit dem zu tun, was einem Menschen vertraut ist. Wer religiös geprägt ist, hat eher religiöse Inhalte im Wahn.
In stark technisierten Gesellschaften treten eher Überwachungs- oder Kontrollwahn (z. B. durch Geräte) auf.
Andere erleben Verfolgung durch Geheimdienste, durch Technik, durch fremde Menschen.
Der Inhalt verändert sich, das Erleben dahinter ist ähnlich.

Für Aussenstehende ist das manchmal schwer zu verstehen und auch schwierig, damit umzugehen. Es wirkt befremdend, manchmal beängstigend.
Für die betroffene Person selbst ist es oft intensiv, überwältigend und manchmal auch voller Bedeutung. Zwischen Angst und Grösse, zwischen Bedrohung und Auserwähltsein.

Dabei finde ich wichtig, sich darüber im Klaren zu sein, dass Wahn keine Entscheidung oder Laune ist. Es ist auch nicht „zuviel oder übertriebener Glaube“. Wahn ist ein Symptom einer Erkrankung. Etwas, das jemanden erfasst.

Und genau deshalb braucht es nicht Diskussion, sondern Unterstützung. Zu erkennen, dass etwas nicht mehr stimmt, dass etwas nicht mehr der Realität entspricht und darauf angemessen einzugehen, das ist eine Herausforderung. Intervenieren und trotzdem den Menschen dahinter nicht zu verlieren. Zu wissen, dass man das nicht alles glauben kann und den Menschen aber darin ernst zu nehmen, denn im Wahn erlebt er eine andere Realität, SEINE Realität.
Hinter jedem Wahn steht ein Mensch, der gerade den Boden unter den Füssen verloren hat, nicht zuletzt weil er nicht mehr auf seine Wahrnehmung vertrauen kann momentan…

Ich glaube, da heisst es, ganz sorgfältig mit ihm umzugehen und ihn dabei zu unterstützen, fachkundige ärztliche Unterstützung zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar

About Me

Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.