Laut Duden gibt es für das Verb „anpassen“ folgende Bedeutungen:

jemandem, einer Sache anmessen; für jemanden, etwas passend machen
(zB müssen Türrahmen und Türe aufeinander angepasst werden oder Schüssel und Deckel, die Schneiderin misst einen Klienten aus, um ihm die passende Hochzeitskleidung zu nähen)

etwas einer Sache angleichen; etwas auf etwas abstimmen
(zB achten wir uns darauf, dass Hose und Shirt farblich aufeinander abgestimmt sind, dass die Beilage zum Hauptteil des Menüs passt)

sich jemandem, einer Sache angleichen; sich nach jemandem, etwas richten
(zB passen wir uns zu einem gewissen Teil unserem Partner, unserem Team, der Familie oder unserem Umfeld an, wir richten uns nach gewissen Uhrzeiten oder nach andern Menschen)


Wir leben ja eigentlich immer in einem Spannungsfeld zwischen Individualität und Anpassung. Die meisten von uns leben mehr oder weniger in der Norm. Ich finde, das ist auch bei weitem nicht so langweilig, wie es klingen mag. Es gibt ja Menschen, die behaupten von sich, verrückt und unangepasst zu sein, schräg und strange.
Glaubt mir, die sind es meistens nicht. Und wenn doch, wieviel Spass macht es, mit denen zusammen zu sein und wieviel davon ist anstrengend?

Wir passen uns in unzähligen Bereichen der Gesellschaft oder der Situation an und erleben dies mehrheitlich positiv. Wir bewegen uns in den Strukturen der Gesellschaft, die uns umgeben wie Leitplanken. In vielen Bereichen vermitteln diese uns Sicherheit und aber auch Grenzen, welche wiederum als Sicherheit dienen und nur von einzelnen als einengend wahrgenommen werden. Das sind zum Beispiel unsere Gesetze und auch gewisse Regeln und Umgangsformen. Ohne geht nicht. Ohne würde das Chaos herrschen.
Wir passen uns eigentlich ununterbrochen an, ohne es überhaupt zu merken. Ich passe mein Tempo beim Auto fahren dem erlaubten Limit, aber auch den Strassen- und Verkehrsverhältnissen an. Ich passe meine Kleidung dem Wetter an. Ich passe meine Lautstärke meinem Umfeld an. Ich passe meine Termine meinen Arbeitszeiten an. Ich passe mein Gesprächsthema meinem Gegenüber an. Ich passe meinen Tagesrhythmus den Uhrzeiten und Tageszeiten an. Ich passe meine Freizeitbeschäftigungen zB den Jahreszeiten an. Ich bringe niemanden um, ich stehle nicht und ich parke nur dort, wo ich darf, weil ich mich an unsere Gesetze halte usw.

Die Kunst des Lebens ist es wohl, innerhalb dieser Norm, innerhalb dieser Leitplanken und Regeln sich selbst zu (er)finden, sich selbst zu sein und sich selbst zu bleiben.

Ich persönlich finde, dass wir innerhalb der eben genannten Leitplanken sehr frei sind. Wie immer gibt es nicht nur schwarz oder weiss, nicht nur alles oder nichts, sondern so etwas wie ein Mittelmass, etwas dazwischen.
Und darin bewegt sich jeder so, wie es ihm gefällt oder es ihm wohl ist.

Ich finde die Fähigkeit, sich anpassen zu können eine wunderbare Fähigkeit. Sie setzt Empathie voraus und nicht zuletzt auch das Wissen, wer man ist und was man will. Was wäre unsere Gesellschaft, unser Leben mit ausschliesslich Menschen, die nur für sich schauen können, die ihren Weg gehen ohne rechts und links zu schauen? Ellbogen an Ellbogen. Es gibt viele von ihnen und das geht, weil all die andern, die es anders machen, in der Mehrzahl sind.
Ich meine die, die auch ihren Weg gehen, die aber auch bereit sind, Kompromisse einzugehen, mal auf etwas zu verzichten zum Wohl von andern. Die, die einander helfen. Die, die nicht nur auf ihren eigenen Profit abzielen, die wissen wohin sie wollen, aber unter Umständen einen Umweg in Kauf nehmen, wenn nötig. Die, die sich nicht nur für sich, sondern auch für andere einsetzen. Die, die links und rechts schauen, zusammenhängend und ganzheitlich denken.

Somit ist für mich Anpassung auch Flexibilität und Freiheit. Hilfsbereitschaft und Liebe.

Wir hatten in der Schweiz vor ein paar Wochen eine Abstimmung zum Verhüllungsverbot, welches knapp angenommen wurde. Ich will jetzt hier nicht darüber diskutieren oder debattieren, aber in einer „Diskussion“ kam von einer Frau das Argument „wer hier in der Schweiz sein will, soll sich anpassen“.
Darüber habe ich mir dann Gedanken gemacht.

Ich finde auch, dass man sich zu einem gewissen Grad anpassen soll dort wo man wohnt. Aber wieviel ist das? Empfinden wir vielleicht Menschen aus andern Nationen allgemein schneller als unangepasst, einfach weil? Und verlangen wir diese Anpassung nur von Menschen ausländischer Herkunft oder von uns selbst auch?

Dieses Anpassen kommt ja auch irgendwie von irgendwo hinein passen. Also zB in unsere Gesellschaft, zB in der Schweiz. Passt da also eine Frau im Niqab weniger gut hinein als eine, die arbeitslos ist, Sozialgelder bezieht und den ganzen Tag dafür Zeit hat, bei Facebook überall unkonstruktive Kommentar hinzuschreiben, aber gebürtige Schweizerin ist? Oder passt ein Flüchtling aus Syrien, der seit fünf Jahren hier wohnt, weniger gut hinein als der Nachbar, der in der Schweiz geboren ist? Aber warum? Und sind wir eine Gemeinschaft, die es jemandem überhaupt ermöglicht, sich anpassen zu können?

Mir fällt auf momentan, dass man sich betreffend Anpassung zur Zeit manchmal doch ziemlich widerspricht. Wo man doch von Menschen anderer Herkunft eine stärkere Anpassung an uns und unsere Gewohnheiten und unser Leben wünscht bzw ihnen deren Mangel ankreidet, finden zum Teil dieselben Menschen zB bei den vom Bund vorgeschriebenen Corona-Massnahmen Anpassung das Letzte und fordern zur Un-Anpassung auf. Ich habe schon oft Sprüche und Beiträge gesehen und gelesen, in denen die, die sich an die genannten Massnahmen halten, als Schafe oder Schafherde bezeichnet werden. Ich finde das zwar nicht passend, aber es stört mich jetzt auch nicht wirklich. Das kann man ja sehen wie man will und man muss nicht immer alles so ernst nehmen, finde ich.
Aber wie kann man von andern verlangen, solch dumme Schafe in der Herde zu werden, wenn man es in einem anderen Kontext so daneben findet? Das geht dann für mich dann doch nicht ganz auf.

Und wie ist das mit dem Anpassen? Wie sehr sind wir Schweizerinnen und Schweizer eigentlich angepasst? Könnten wir vielleicht noch ein bisschen Schweizerischer sein oder reichts? Und wer bestimmt dieses Mass an Schweizerischkeit?

Und ihr Deutschen und Österreicher? Das ginge bestimmt noch besser! 🙂


*Schafe bleiben übrigens alle schön beisammen in der Herde, weil es zusammen sicherer ist. Mit dumm hat es wohl wenig zu tun, sondern Instinkt und mit dem Willen zu überleben.