Es ist genau wie vorher, nur schlimmer

Momentan ist es ja eher schwierig, Leichtigkeit und Unbeschwertheit zu leben. Ich glaube, das sehen ganz viele so wie ich, aber aus verschiedenen Gründen.

Viele sehen sich in einer schwierigen Situation. Wenn ihr mich fragt, sind schlussendlich alle in der selben Situation. Die Situation heisst Corona. Was diese Situation aber aus uns oder mit uns macht, das hat meiner Meinung nach nicht mehr so viel mit Corona zu tun, sondern mit uns ganz allein. Mit unserem umgeschnallten Rucksack und damit, was dort drin steckt. Denn dieser Rucksack, gefüllt mit all unseren Erfahrungen entscheidet, wie wir mit Krisen umgehen können. Und dazu kommt natürlich auch unsere Sicht auf die Dinge. Die Welt oder die Situation ist genau so, wie dein Auge sie sieht. Oder ist es so, dass die Welt oder die Situation so ist, wie dein Kopf dein Auge sie sehen lässt?
Das ist irgendwie das mit dem halb leeren oder halb vollen Glas. Sehen wir das, was wir haben oder das was uns fehlt?

All die persönlichen Probleme, die wir vor Corona hatten, all die Schwierigkeiten, die Krankheiten, seien es körperliche oder psychische, die sind nicht weg. Egal, welche Phase oder welche Situation jeder von uns meistern muss in seinem Leben, all das ist immer mit dabei. Auch jetzt. Und vielleicht sind es grad die Dinge, an die wir uns nicht erinnern möchten, die wir nicht sehen wollen, an die wir nicht gern denken mögen, die besonders schwer wiegen auf unserem Rücken.

Aus diesem Grund behaupte ich, dass die meisten Dinge, die uns jetzt belasten nicht neu sind. Es kommt uns aber so vor.
In der momentanen Zeit können wir uns schlechter ablenken, sind mehr auf uns selbst zurück geworfen und damit halt auch auf diese Dinge, auf die wir uns im Normalfall nicht so gern einlassen. Das sind die Dinge, von denen wir uns gern ablenken mit allerlei Aktivitäten. Vielleicht ja auch die Dinge, die uns antreiben und nicht zur Ruhe lassen kommen.
Ja, und jetzt fallen viele von diesen Ablenkungsmanövern oder wie man sie auch nennen könnte, Überlebensstrategien weg. Und was bleibt, ist dieses Problem, diese Situation oder diese Schwierigkeit, auf die wir nun blicken können oder müssen, ohne dass da noch Dinge zwischen uns und ihr im Weg herum stehen.

Corona macht alles schwieriger. Ich glaube schon, dass das stimmt, wenn auch vielleicht nur indirekt. Vielleicht sind auch wir und unsere Einstellung es, die alles schwieriger machen. Aber schwieriger ist es schon irgendwie. Es ist aber nicht da schwierig, wo es vorher noch gar nicht schwierig war. Es ist wohl da noch schwieriger, wo es auch schon vorher ein wenig oder auch mehr schwierig war.

Was ich glaube ist, dass Corona nicht an irgendwas Schuld ist, sondern dass Corona uns unsere Schwachpunkte aufzeigt und zwar in jedem Bereich, und unter Umständen genau dort zustösst. Möglicherweise verstärkt es diese, aber nie erzeugt es sie.

Dass dies im gesundheitlichen Bereich so ist, das wissen wir ja. Das sind dann die Menschen, die zB einer sogenannten Risikogruppe angehören. Wenn man eine Lungenerkrankung hat ist es gut möglich, dass Corona sich da festsetzt und ernsthafte Probleme verursacht. Wenn man anfällig auf Nieren- oder Blasenprobleme ist, dann hat man da einen Schwachpunkt und ist angreifbarer usw.

Dasselbe gilt für andere Bereiche.

Wer vorher einsam war ist es jetzt immer noch. Corona und die Situation drum herum machen es einem ein bisschen schwierier, soziale Kontakte zu pflegen, aber Corona oder die Schutzmassnahmen haben diese Einsamkeit nicht geschaffen, die war schon vorher da, wenn auch vielleicht latent.

Wer arm ist, also finanziell gesehen, der war das schon vorher. Auch da ist es aber möglich, dass die Corona-Situation die Armut oder die finanziellen Probleme noch verstärkt.
Im finanziellen Bereicht denke ich aber doch, dass es da zu grossen Schwierigkeiten kommen kann, ohne dass vorher welche da waren.

Wer schlechte Arbeitsbedingungen hat, hat die nach wie vor, in einer Krisensituation werden sie aber deutlicher sichtbar und stressen unter Umständen mehr.

Wer krank war, ist das nun noch immer und das unter erschwerten Bedingungen. Ich denke, auch gerade Menschen, die an psychischen Krankheiten leiden, haben sehr schwere Zeiten momentan. Wir leben in einer Zeit oder nun ganz besonders in einem Jahr, in dem ich sehr froh bin, offenbar ziemlich resilient zu sein.
Menschen und gerade auch psychisch kranke Menschen zB finden in der „Normalität“, in geregelten Abläufen und Strukturen u.a. Sicherheit und das ist nun etwas, das fehlt und in ganz vielen Fällen bestimmt nur schwer aufrecht erhalten werden kann momentan. Dieser Zustand kann durchaus Instabilität auslösen.

Wer zB unter Ängsten, Zwängen, Wahnvorstellungen oder Wahrnehmungsstörungen leidet – und das sind sehr viele – denen wird zur Zeit ganz bestimmt alles sehr schwer fallen. Gewohnte Abläufe und Sicherheiten fallen weg und möglicherweise hat dies Auswirkungen auf die Psyche bzw auf unter Umständen verstärkt auftretende Symptome, welche ja dann zusätzlich auch noch ausgehalten werden müssen.

Ich interessiere mich ja immer dafür, was hinter dem Verhalten von Menschen steckt und warum Menschen handeln wie sie handeln. Ich frage mich das momentan ja auch sehr bei Menschen, die so sehr auf die Barrikaden gehen wegen den sogenannten Corona-Massnahmen. Nicht die, die kritisch sind und hinterfragen und zB denken, dass zB Masken vielleicht nicht das NonPlusUltra sind, sie aber trotzdem tragen. Oder die, sie sich fragen, wie schlimm Corona wirklich ist. Das alles finde ich normal.
Aber ich frage mich, was in Menschen vorgeht, die dazu aufrufen, „aufzustehen“ und sich zu wehren. Das verstehe ich ehrlich gesagt nicht so richtig. Vielleicht liegts auch an mir, das weiss man schlussendlich ja nie so genau. Aber ich habe das Gefühl, dass sich viele zu sehr in etwas hinein steigern und ins Extreme gehen. Das ist nicht gut, das ist nie gut.
Oder handelt es sich dabei um Menschen, die mit der Situation einfach nicht (mehr) umgehen können oder wollen und denken, wenn sie sich gegen diese Massnahmen wehren, dass dann die gesamte Situation auch weg gehen würde?

Keine Ahnung. Ich muss das ja nicht verstehen. Vielleicht bin ich ja aber auch zu naiv und zu dumm und verstehe das alles einfach nicht.
Ich habe jetzt auch aufgegeben, es zu versuchen, denn es ist nervenaufreibend und führt zu nichts.
Ich habe in der letzten Zeit immer wieder mal die Diskussion ein bisschen gesucht in sozialen Medien und den Eindruck bekommen, dass es Menschen gibt, die sehr Mühe damit haben, sich auch mal in einem gewissen Mass anzupassen und Rücksicht zu nehmen. Für mich hat das irgendwie auch etwas mit Teamfähigkeit zu tun.
Zum Teil kam es mir so vor, als ob man sich generell gegen alles, was der Bundesrat sagt oder beschliesst, auflehnen muss, ohne nachzudenken.
Widerstand. Als ob es ein Krieg wäre oder eine Schlacht. Aber gegen wen? Worum geht es überhaupt? Haben sie das aus den Augen verloren?
Wirklich stichfeste Argumente und konstruktive Diskussionen habe ich nie erlebt. Wenn man nichts mehr zu sagen weiss, macht man ein tränenlachendes Smiley darunter und fertig.
Das überzeugt mich nicht. Und auch nicht Aussagen, die „ich, ich, ich….“ lauten. Da geht es nämlich nun nicht nur um mich oder dich, sondern um uns. So habe ich das zumindest verstanden.

Es ist ja durchaus so, dass die Menschheit oder Teile davon von Zeit zu Zeit schwierige Zeiten hatten, haben und haben werden. Hungernöte, Krankheiten, Umwelt- oder Wetterkatastrophen, Kriege….
Krisen gehören zum Leben wie alles andere auch. Und die gehen nicht weg, nur weil man will dass sie gehen. Die muss man überstehen, so hart es vielleicht auch ist.

Wenn man als einzige eine Krise hat, kann man die ja durchleben, wie es für einem stimmt. Jeder auf seine Art. Nun ist es aber dieses Mal so, dass eine grosse Gruppe von Menschen von dieser Krise betroffen sind und da ist es zwingend notwendig, dass jemand diese Gruppe anleitet und führt. Wenn das nicht der Fall wäre, würden alle durcheinander rennen und so könnte kein Ziel erreicht werden. Und das machen wir nun.
In diesem Fall kann nicht auf die Meinung eines jeden geachtet werden, es kann auch nicht darüber diskutiert werden, denn so verlöre man zu viel Zeit. Das ist auch manchmal in einem Team so oder in einer Familie und ich finde, da macht man zum Wohl der Gesamtheit mit.

In so einer Situation zeigen sich meiner Meinung nach verschiedene Fähigkeiten, die in diesem Prozess von uns verlangt werden…. Durchhaltevermögen…. Vertrauen…. Anpassungsfähigkeit…. Empathie… Bescheidenheit… und Rücksicht.
Und es zeigt sich, dass es gar nicht so einfach ist, dass alle an einem Strick ziehen. Die Mehrheit tut es. Einigen ist der Strick zu rauh, einigen passt es nicht, dass man Handschuhe anziehen soll, um die Hände zu schützen und die dritten sehen gar keinen Strick…

Und schlussendlich geht es gar nicht um diesen Strick. Oder um Corona. Schlussendlich geht es um uns und um Zusammenhalt.
Ich sags ja immer. Schon vor Corona. Togetherness, das ist für mich das Wichtigste in ganz vielen Bereichen des Lebens. Schade, dass es gerade da überall happert.

Schön aber auch, dass es an ganz vielen Orten und bei ganz vielen Menschen gut klappt.
Das Glas ist halbvoll und wir sind auf dem Weg….