Von verbrannten Tagebüchern, blankliegenden Nerven und Pubertätsschüben.

Langsam aber sicher gehts bei uns los mit der Pubertät. Oder Vorpubertät. Nicht bei mir, nein. Ich habe langsam aber sicher ganz andere Hormonschübe.
Natürlich beim Kind. Hormonschübe. Sie kommen und gehen dann wieder so plötzlich, wie sie gekommen sind und sie sind ein bisschen heftig manchmal. Obwohl ich jahrelang mit Jugendlichen gearbeitet habe, ist das nun trotzdem neu für mich. Mit dem eigenen Kind und in der Rolle als Mutter ist es doch ganz etwas anderes, als in einem Jugendheim, wo ich nicht ein Elternteil, sondern eine sozusagen externe Bezugsperson war. Emotional viel weniger involviert und mit irgendwann mal Feierabend und frei kann man sich viel besser abgrenzen. Als externe Bezugsperson bietet man auch nicht so viel Angriffsfläche wie als Eltern, die ja das Übungsfeld sind für alle Entwicklungsschritte ihres Nachwuchses.

Ich komme nun also als Mutter auf eine neue Herausforderung zu. Als alleinerziehende Mutter. Ich glaube schon, dass das ein Unterschied macht, obwohl nach wie vor in vielen Familien die Mutter die grösste Erziehungs- und Beziehungsarbeit leistet. Da ist dann trotzdem noch einer, mit dem man mal reden kann, der einem den Rücken stärkt oder der auch mal einspringen kann, wenn man mal aus einer Situation raus muss oder nicht rein will usw. Man ist einfach nicht allein. Die ganzen Konflikte, die auftauchen, konzentrieren sich nicht zwangsläufig nur auf eine Person.
Bei Alleinerziehenden schon. Das ist durchaus okay, ich empfinde es manchmal einfach als ziemlich anstrengend neben Job, Haushalt, Organisatorischem auch noch die Nerven, die Energie für sowas zu haben. Da liegen sie manchmal blank, die lieben Nerven.

Ein neuer Entwicklungsschritt des Kindes also, in dem sie sich nicht nur weiterentwickeln, sondern noch ein ganzes Stück von mir ablösen wird. Ich glaube, das ist für sie auch nicht nur einfach, denn wir waren uns schon immer sehr nah und seit meiner Trennung von ihrem Vater und all dem, was das bei ihr ausgelöst hat, noch viel mehr. Wir sind jetzt zu zweit eine Familie, ein Team, wir haben einiges zusammen überstanden und geschafft und das schweisst auch zusammen.
Loslösen ist aber etwas Gutes. Und auch etwas Wichtiges. Manchmal ist es aber auch schmerzhaft oder ist mit Angst und Unsicherheit verbunden. Damit versucht nun das Kind unter anderem umzugehen. Selbständiger werden, mehr Freiheit fordern und bekommen und sich manchmal doch noch klein fühlen und Angst haben vor der gewonnenen Freiheit. Es ist ein Hin und Her zwischen loslassen und festhalten, zwischen Nähe und Distanz und schauen, wie weit man gehen kann und immer wieder kontrollieren, ob die Mama noch da ist.
Und natürlich ist sie das.

In der Pubertät gibt es wohl auch so einiges an Launen auszuhalten. Für alle Beteiligten. Ich glaube, das Kind weiss manchmal selber nicht, woher diese Launen kommen und wie sie damit umgehen soll.
Ich will da jetzt aber nicht zuviel von meiner Tochter schreiben, denn das ist ihre Privatsphäre. Ich möchte auch sagen, es ist nicht besonders schlimm mit ihr, sondern einfach so, wie es normal ist in ihrem Alter. Und es ist auch okay genau so wie es ist, denn das gehört dazu zum gross werden und so soll es sein.

Trotzdem gilt es nun natürlich, auch diese Phase gut zu überstehen. Ich merke, dass es bei mir manchmal (je nach eigener Befindlichkeit) schon auch einiges auslöst.
Mir ist es sehr wichtig, eine gute Mutter zu sein. Eine liebe. Aber auch eine konsequente und vor allen Dingen eine, die ihrem Kind gute Werte und Haltungen mit auf den Weg gibt und es gut erzieht. Seitdem ich allein bin, ist das mir noch viel wichtiger geworden. Ich zweifle oft an mir und habe Bedenken, ob ich genug gut bin für all das. All das allen zu managen. Ob ich genug Zeit für sie habe neben der Arbeit, ob ich genug Nerven habe und ob ich ihr auch wirklich gerecht werde. Es ist mir auch sehr wichtig, dass mein Kind keine Nachteile erfährt, dadurch dass es ein „Scheidungskind“ ist. Ich spreche hier nun nicht vom Finanziellen, obwohl das natürlich auch ein Thema ist, aber ein anderes. Es geht ums Sozialleben, um die Erziehung, um die Unterstützung in all den verschiedenen Bereichen.

Ich hinterfrage mich viel und habe auch das Gefühl, dass andere schauen, wie ich das mache und wie meine Tochter sich benimmt usw. Das stimmt vermutlich nicht mal. Trotzdem ist es so. Mir wurde während der Trennung an der Schule des Kindes gesagt, dass sie die KESB (Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde) einschalten würden, wenn sie merken würden, dass es dem Kind nicht gut geht. Diese Aussage hat in diesem Moment bei mir Panik ausgelöst, muss ich sagen. Aber ich habe natürlich schon kurze Zeit später realisiert, dass so etwas totaler Unsinn ist. Die KESB hätte bei uns jederzeit reinschauen können und hätte einfach eine Familie in Trennung gesehen, die eine Krise hat, diese aber überwinden wird.

Und dennoch habe ich seitdem das Gefühl, als Alleinerziehende Mutter müsste ich doppelt so gut sein wie eine andere.
Ich sehe manchmal Eltern, Kinder oder Familien und höre Dinge, wo ich staune oder geschockt bin und merke im Vergleich zu uns, dass ich mit mir selbst wirklich sehr streng bin.

Aber kommen wir zur Pubertät zurück.
Ich habe gemerkt, dass es manchmal gar nicht einfach ist, ruhig zu bleiben, wenn so ein Pubertätsschub im Anmarsch bzw schon da ist. Und wenn ich dann auch noch sauer werde und auch noch energisch oder laut werde, bewirkt das eigentlich nur, dass es eskaliert und total schwierig wird. Haben wir auch schon erlebt.
Aber das Ziel wäre ja Deeskalation. Ich habe mir angewöhnt, wenn ich merke, dass mein Explosionspotential steigt, auf die Terrasse zu gehen und tiiiiiiiiief durchzuatmen. So lange wie es braucht. Und dann etwas für mich zu machen und das Kind in Ruhe zu lassen für eine Weile. Meistens kommen wir dann in dieser Zeit beide wieder runter, oft gehen wir dann noch spazieren und dann ist alles wieder gut.

Ich habe für mich noch überlegt, was mir dabei helfen würde, ruhig zu bleiben und das ganze gelassener und nicht so persönlich zu nehmen. Zum einem habe ich mir das Buch „Miteinander durch die Pubertät“ von Inke Hummel gekauft (Buch-Empfehlung!!!) und zum andern habe ich mich dazu entschlossen, Tagebuch zu schreiben.

Ja, Tagebuch. Aber richtig. Von Hand. In ein schönes Buch. Nicht jedes Detail und blabliblabla, seitenlange Romane, dafür habe ich keine Zeit. Aber doch immer wieder mal etwas reinschreiben, denn Schreiben entspannt.
Vielleicht bekommt meine Tochter dieses Tagebuch oder bis dann sind es dann vielleicht mehrere, irgendwann einmal wenn sie erwachsen ist und möchte sie lesen. Vielleicht aber auch nicht, das weiss ich noch nicht.

Damals als Jugendliche habe ich jahrelang Tagebuch geschrieben. Seitenweise, bücherweise, handschriftlich. Leider habe ich all diese vielen vollgeschriebenen Tagebücher aber dann irgendwann im jungen Erwachsenenalter mal verbrannt. Ja tatsächlich, das durfte man damals noch. Tausende Briefe, viele Tagebücher… einfach ein Feuer gemacht und rein damit. Würde ich also heute nicht mehr tun. Heutzutage schreddert man sowas natürlich und entsorgt es fachgemäss an einer Entsorgungsstelle.
Eigentlich finde ich es heute schade, dass ich all diese Sachen nicht mehr habe. Ich glaube, all dies wieder zu lesen, wäre ziemlich unterhaltsam, aber vielleicht sogar auch interessant für meine Tochter. Obwohl ich nicht so sicher bin, ob ich möchte, dass sie weiss was ich alles so erlebt und gemacht habe… 🙂

Also, auf in neue Abenteuer!