Was haben eigentlich Schoggidinger mit Schaum drin mit Rassismus zu tun?

Das Jahr 2020 hat es in sich. Wo es vor kurzem noch vor selbsternannten Virus-Experten wimmelte, wimmelt es nun vor Rassismus-Experten. Ich bekenne mich als Interessierte und Lernende, beide Themen gehören jedoch nicht zu meinen Fachgebieten.

Nun ist es so, dass durch den von Polizisten fahrlässig herbeigeführten Tod eines schwarzen Mannes in den USA das Thema Rassismus in unser Blickfeld gerückt ist. Es ist ja kein neues oder besonders aktuelles Thema. Es war schon immer aktuell, es hat uns in der Schweiz nur nicht interessiert. Schon vor 20 Jahren, als ich Briefe in die Todeszelle schrieb war es ein offenes Geheimnis, dass dort unzählige Schwarze jahrzehnte lang auf ihre Hinrichtung warten, obwohl bei vielen nicht nachgewiesen war, ob sie tatsächlich schuldig sind. Als Schwarzer zur falschen Zeit am falschen Ort, das konnte verheerende Folgen haben.

An dieser Stelle möchte ich dir den Film „Hidden Figures“ empfehlen (das Buch gibt es auch). Er handelt von schwarzen Frauen, die in den 50er Jahren bei der Nasa eingestellt wurden. Sehr interessant. Man bekommt da auch ein bisschen einen Einblick, wie es in den 50ern war, als schwarzer Mensch zu leben. Und auch von der Diskriminierung. Tagtäglich.

Ich denke schon, dass seitdem ein grosser Fortschritt gemacht wurde und vermutlich mit einem äusserst rassistischen US-Präsidenten nun aber auch wieder ein grosser Rückschritt.

Das Thema ist diese Woche nun also in der Schweiz angekommen. Eine unserer grössten Ladenketten, die Migros, setzt ein Zeichen, bezieht Position und wirft ein Schweizer Produkt aus dem Sortiment. Mohrenköpfe heissen sie. Ihr Hersteller weigert sich standhaft, ihnen einen anderen Namen zu geben, nachdem alle andern dies bereits vor Jahren taten.

Ich bin mit dem Begriff Mohrenköpfe auch aufgewachsen und mir wäre es nie in den Sinn gekommen, diesen auf jemanden mit schwarzer Haut zu beziehen und schon gar nicht beleidigend. Aber ICH habe das nicht zu entscheiden, wer sich wovon diskriminiert fühlen darf oder eben nicht. Ich als weisse Person kann das gar nicht beurteilen. Dass wir denken, wir dürften das tun, ist wohl ein Teil des Problems.

Stell dir vor wie das ist, wenn Männer finden, dass das einer Frau, die das nicht möchte, an den Hintern fassen oder Kommentare zB über ihre Brüste keine Übergriffe sind, sondern nur Spass. Das passiert übrigens sozusagen jeder Frau immer wieder. Das soll keinesfalls männerfeindlich wirken, mir ist das einfach in den Sinn gekommen als Beispiel.

Das ist alles nur Symptombekämpfung, wobei ich nicht finde, dass es nicht notwendig ist. Es sind Zeichen. Und die sind auch wichtig. Ich finde, wir alle sollten unsere Werte und Haltungen viel mehr nach aussen tragen und dahinter stehen. Das Problem liegt aber viel tiefer. Alles was wir sehen ist immer nur die Spitze des Eisberges.

Ich bin weiss geboren worden. In einer weissen Welt. Ich habe nie einen Nachteil erfahren wegen meiner Hautfarbe. Ich habe nie einen Job nicht bekommen, weil ich weiss bin. Oder eine Wohnung. Die Leute im Bus halten ihre Handtasche nicht automatisch fester an sich gedrückt, weil sie mich sehen. Und ich wurde nie ausgelacht. Zumindest nicht wegen meiner Hautfarbe. „Mein weisses Volk“ blickt nicht auf Sklaverei, Unterdrückung und Misshandlung zurück. Natürlich leben wir im Jetzt und wir meinen, Schwarze und Weisse oder welche Farbe auch immer seien gleichberechtigt. Das bedeutet, sie hätten die gleichen Rechte und Möglichkeiten. Dem ist bei weitem nicht so. Wir in der Schweiz wissen davon einfach nicht so viel, denn wir sitzen auf der Spitze dieses Eisberges und regen uns über Kleinigkeiten auf.

Ich kann das schon verstehen, dass man empfindlich ist, wenn man in den Läden Mohrenköpfe sieht, wenn man eine Vergangenheit hat voller abgehackter Köpfe von schwarzen Sklaven, die nichts und wieder nichts wert waren. Das ist ein empfindliches Thema. So wie es für Juden ein empfindliches, schmerzliches Thema ist, was im Zweiten Weltkrieg mit ihnen gemacht wurde. So käme es niemandem in den Sinn, ein Grillwürstchen „verbrannte Mauschel“ zu nennen (*Mauschel ist ein abschätziges Wort für Jude, wurde früher verwendet). Das wäre total Pietätlos. Unangebracht. Aber Mohrenkopf geht, ja?

Ich finde, jeder muss für sich entscheiden, welche Meinung und Haltung er hat. Diese ergibt sich aus unserem Menschenbild, das sich im Verlauf unseres Lebens geprägt und entwickelt hat.

Ich lese auch immer wieder, dass mit dem Mohrenkopf zB auch das Weissbrot aus dem Sortiment genommen werden soll. Ich gehe davon aus, dass das Ironie ist, denn ein Weissbrot ist aus weissem Mehl gemacht. Deshalb heisst es so. Ist ein Mohrenkopf aus einer schwarzen Person gemacht? Nein.

Ein Wienerli, Berliner oder Hamburger ist auf die Stadt bezogen und nicht auf die Eigenschaft oder einen Körperteil eines dort lebenden Menschen. Wäre ein Wienerli ein Cippolata-Würstli und wäre auf den Penis der Wiener Männer bezogen, würden die das eventuell auch als diskriminierend empfinden. 😁

Ungarisches Gulasch, Züri Gschnetzletes oder Luzerner Chügeli-Pastetli heissen so, weil sie in dieser Stadt Tradition haben und nach Rezept noch genau so gekocht werden, wie sie es dort tun.

Ein Mohrenkopf ist ein Kopf eines Mohren, also einer dunkelhäutigen Person. Aber ein Mohrenkopf ist eigentlich ein Schoggidings mit Schaumzeugs drin. Warum muss der denn unbedingt Mohrenkopf heissen? Wenn er anders heisst, ist er immer noch derselbe und immer noch lecker. Es würde ganz bestimmt, niemand einen Schaden daraus ziehen. Nicht mal der Herr Dubler.

Wir bauen jährlich unbemerkt immer wieder neue Ausdrücke in unseren Wortschatz ein. Anglizismen zum Beispiel. Sprache verändert und entwickelt sich und das war schon immer so. Wenn nicht, würden wir uns noch immer mit Grunzlauten und ugga ugga verständigen. Weit weg davon sind wir manchmal auch im Jahr 2020 nicht, wie mir scheint. Manchmal gehts halt auch einfach darum, sich über irgendwas aufzuregen.