Zusammen statt gegeneinander

Das Thema Feminismus steht momentan irgendwie über allem, habe ich das Gefühl. Obwohl es im Moment wohl ein wenig abgelöst wurde vom Klimawandel und auch vom Coronavirus. Trotzdem möchte ich heute über Feminismus schreiben. Es ist kein einfaches Thema für mich, muss ich gestehen. Es ist riesig. An diesem einen Thema hängen hundert Rattenschwänze mit anderen  Themen und Aspekten, die daraus entstehen, damit verwandt sind.

Feminismus ist irgendwie ein negativ behafteter Begriff. Zu unrecht.
Es wird Angst gemacht, es wird extremisiert. Wir sehen und hören vor allem die Stimmen der extremen Befürworter und aber auch der extremen Gegner. Extremismus ist nie gut, egal um welches Thema es geht. Beide reden schlussendlich am  Thema vorbei.
Ich möchte behaupten, dass die wenigsten Menschen wissen, was genau mit Feminismus gemeint ist und was mit Feminismus erreicht werden möchte.

Die Grundanliegen des Feminismus sind ja Selbstbestimmung, Freiheit und Gleichheit für alle Menschen. Er kritisiert die geschlechtliche Ungleichheit innerhalb einer Gesellschaft und möchte Chancen-Gleichheit herbeiführen. Das ist nun bestimmt sehr vereinfacht ausgedrückt und alles ist viel komplexer. Ich erkläre es einfach so, wie ich es verstehe.

Es gibt Bereiche im Leben, da waren für eine sehr lange Zeit die Frauen sozusagen an der Macht. Da geht es um Bereiche wie z.B. der Haushalt und auch die Kindererziehung. Meiner Meinung nach sind das Bereiche, die auch heute noch total unterschätzt werden, zum einen vom Aufwand und der Verantwortung her und zum andern auch von der Wichtigkeit her. Die Vermittlung von Werten, Normen und Umgangsformen macht einen nicht unwesentlichen Teil unserer Gesellschaft aus. Wie möchten wir, dass miteinander umgegangen wird? Welche Werte sind uns wichtig? Wie verhält man sich mit anderen Menschen, mit Tieren und der Natur? Aber auch mit Dingen? All dies gehört u.a. zur Erziehung.
Also waren die Frauen, zumindest die Mehrheit der verheirateten, die Innenministerinnen ihrer Familie. Dazu hielten sie wohl ihrem Mann den Rücken frei, damit dieser sich im Beruf entwickeln konnte. Das musste er auch tatsächlich, denn seine Rolle war, die Familie zu ernähren, d.h. das Geld zu verdienen. Auch eine Aufgabe, die von immenser Wichtigkeit und bestimmt oft mit viel Druck verbunden ist. Der Mann war also der Aussenminister dieser Familie. Ausserhalb des Kinderbetreuung und des Haushaltes ordnete sich die Frau dem Mann weitgehend unter. In all diesen Bereichen waren mehrheitlich Männer an der Macht. Die Politik und das Arbeitswesen war fest in Männerhand. Männer haben Gesetze gemacht und zum Teil waren die Gesetze auch für Männer gemacht. Man kann es sehen wie man will.

Nun sind wir mitten in einer Veränderung. Frauen möchten sich zum Teil verändern, Männer auch. Männer möchten aktiver teilhaben an der Erziehung ihrer Kinder. Sie möchten sich kümmern, sie möchten Zeit mit ihnen verbringen und auch im Innenministerium Verantwortung übernehmen.
Ich glaube, es gibt immer mehr Männer, die das möchten. Und einige müssen. Weil…
Es gibt auch Frauen, die nicht ausschliesslich im Innenministerium tätig sein möchten. Sie haben einen Beruf gelernt und möchten nicht verzichten, diese Tätigkeit ebenfalls auszuüben. (Oft ist dies auch vonnöten aus finanzieller Sicht, dass die Frau dazu verdient.) Sehr viele Frauen arbeiten heutzutage zB Teilzeit und managen zusätzlich das gesamte Innenministerium. Zum einen, weil wie oben erwähnt, das Innenministerium gegenüber dem Aussenministerium als Pillepalle-Zeugs angeschaut wird. Vor allem Menschen, die noch nie im Innenministerium gearbeitet haben, beurteilen dies. Es ist eine Arbeit, die nicht direkt entlöhnt wird, also ist sie wertlos. Denn wir lernen das ein bisschen vom Aussenministerium… Je mehr Lohn, desto wichtiger. Ich finde, auch dies ist zum Teil ein Trugschluss, aber diese Meinung ist nun mal trotzdem immer noch weitverbreitet.
Es gibt aber schon auch Männer, die finden es richtig toll, dass ihre Frau auswärts arbeitet und nicht zuletzt auch gutes Geld verdient. Einige von ihnen möchten im Aussenministerium weniger arbeiten, um im Innenministerium besser mithelfen zu können. Es gibt Arbeitgeber, die das unterstützen, leider gibt es aber auch sehr viele Arbeitgeber, die dies nicht unterstützen, so ist es dem Mann nicht möglich, sein Arbeitspensum zu reduzieren. Und es gibt auch Männer, die wollen das alles nicht, weil das für sie einfach gemütlicher ist.

Eine Familie bedeutet für mich Togetherness. Eigentlich bedeutet für mich sogar das ganze Leben Togetherness. Die Welt. Dieses Gegeneinander habe ich noch nie verstanden, das war noch nie meins. Man hat zusammen die Verantwortung. Für alles. Diese Verantwortung beinhaltet verschiedene Punkte und die kann man untereinander aufteilen, so wie es einem entgegenkommt. So, wie es den Ressourcen entspricht. So, dass alle glücklich sind.
Ich finde, das sollte unterstützt werden in unserer Gesellschaft. In jedem Bereich unserer Gesellschaft. In der Beziehung. Im der Familie. Im  Team. Es ist überall anwendbar.

Das ist ja nur ein Aspekt des Feminismus, vor allem anhand der Familie erklärt. Es gibt noch viele andere.

Ich bin ja der Meinung – und ich finde, das sollten wirklich alle sein – dass es keine Unterschiede im Wert von verschiedenen bzw. unterschiedlichen Menschen gibt bzw. geben soll oder darf. Es gibt sie aber, ich weiss. Aber ich verstehe nicht, warum. Ein Mensch ist ein Mensch. Es wertet niemanden ab oder auf, woher er kommt, welche Hautfarbe er hat oder welchen Beruf oder was auch immer. Oder welches Geschlecht. Welche sexuellen Vorlieben.

Wir leben nicht im 18. Jahrhundert irgendwo in den USA, nicht im 19. Jahrhundert in Südafrika und auch nicht 1939 in Deutschland.
Wir schreiben das Jahr 2020. Es kommt nicht auf die Jahreszahl an, ich weiss. Es kommt drauf an, was wir von der Geschichte gelernt haben. Von diesen Zeiten in der Geschichte, in der Teile der Menschheit aufgrund den oben genannten Merkmalen diskriminiert, verfolgt, gefoltert, ausgegrenzt oder umgebracht wurden. Schwarze, Juden, Frauen, Behinderte, Homosexuelle…
Vieles davon haben wir längst hinter uns gelassen, jedenfalls wohl die meisten von uns. Aber doch noch nicht alles, wie man sieht.

Feminismus geht für mich in das genau gleiche Thema hinein. Es geht um den Wert und auch um die Wertschätzung des Menschen. Welchen triftigen Grund gäbe es, dabei z.B. zwischen Frauen und Männern zu unterscheiden?
Es geht nicht nur um Haushalt und die Arbeitswelt, bei weitem nicht. Es geht um die Wertschätzung des Innenministeriums. Es geht um die Wertschätzung von Männern, die eine neue, vielen noch etwas befremdliche Rolle in der Familie einnehmen wollen. Es geht darum, dass Frauen in der Gesellschaft mitbestimmen wollen und sollen, in der Arbeitswelt, in der Politik.

Wir müssen umdenken. Und keiner muss Angst haben.
Es geht nicht darum, dass jede Familie das nun so wie beschrieben handhaben muss. Es geht darum, dass jede Familie die Wahl hat, wie sie es machen möchten. Bzw. Personen. Es geht ja nicht nur um Familien, ich habe dies nur als Beispiel genommen.
Es geht nicht darum, Männer schlecht zu machen, sie zu benachteiligen oder sie gar als Feind zu sehen. Wer dies denkt, hat genau gar nichts verstanden. Es geht darum, die Frau auf die Stufe des Mannes zu holen. Beide sollen auf Augenhöhe sein. Beiden sollen die selben Möglichkeiten haben und die Wahl, wie sie diese nutzen möchten.
Es geht darum, die Wertschätzung der Frau und ihrer Leistung zu steigern, bis sie der Wertschätzung des Mannes und seiner Leistungen ebenbürtig ist.

Ich bin ja manchmal etwas sensibel, wenn es um das Bewerten und das Be- und Verurteilen von Menschen geht, egal wer es ist. Ich finde, da müssen wir einfach umdenken.
Ein paar Beispiele?
Als Mutter wird man z.B. wirklich schnell von andern beurteilt, finde ich. Da geht es jetzt nicht unbedingt um mich als Beispiel, sondern was man überall so liest, Medien, Facebook. Ich glaube, wenn eine mal im Fokus des Interesses anderer ist, gibt es plötzlich fast nur noch entweder / oder.
Da wird entweder bevormundet und die Kinder zu sehr beMUTTERt oder die Mutter ist zu lasch, zu wenig streng und vernachlässigt ihre Pflicht. Hat schon mal jemand davon gesprochen, dass Kinder viel zu sehr beVATERt werden? Oder dass der Vater zu wenig streng ist in der Erziehung?
Oder seit kurzem lesen wir immer mal wieder über das Helikoptern. Wenn ich mich jetzt grad richtig erinnere, liest man da vor allem von HelikopterMÜTTERN. Gibt es den Begriff HelikopterVÄTER eigentlich auch?
Wenn ein Kind Mühe hat, in den Kindergarten zu gehen oder wohin auch immer, heisst es noch schnell mal vom ganzen Umfeld „MUTTER, du musst halt loslassen, dann kann es das Kind auch“. Also indirekt wird da suggeriert, Mama, das liegt nur an dir, du bist schuld. Werden Väter eigentlich auch mit solchen Aussagen konfrontiert oder sind es fast nur die Mütter?
Heute habe ich gerade einen Kommentar unter einem Facebook-Post gelesen, wo eine Mutter als RabenMUTTER bezeichnet wurde. Es ging darum, dass die Mutter das Kind dem Vater entfremdet. Es geht mir nun nicht darum, diese Situation zu beurteilen. Entfremdung ist natürlich falsch und super-schlimm, darüber muss man nicht diskutieren. In solchen Fällen soll der Kinderschutz eingreifen und sich professionell kümmern. Mir ist einfach die schnelle Beurteilung aufgefallen. Eine RabenMUTTER. Das ist schnell gesagt. Weiss man etwas über die Hintergründe? Einseitige Berichterstattung oder wurden beide Seiten objektiv berücksichtigt? Und wird eigentlich ein Vater, der vor dem Kind die Mutter schlecht macht und sie sabotiert auch als RabenVATER bezeichnet? Ich persönlich habe z.B. diesen Begriff noch nie gehört.
Noch immer ist es von der Gesellschaft ziemlich akzeptiert, wenn ein Mann z.B. eine Affäre hat oder wechselnde SexpartnerInnen. Eine Frau hingegen ist ganz schnell eine Schlampe, es wird geredet. Und wenn es sich um eine verheiratete Frau, eine Mutter handelt, erst recht. Wie kann sie nur? Aber beim Mann ist das noch immer etwas anderes….

Bestimmt ist es zum Teil unsere Sprache und das wäre auch ein interessantes Thema. Ausdrücke, die wir sehr wertend wahrnehmen wie z.B. HERRlich und DÄMlich. Ich muss aber sagen, ich bin jetzt nicht jemand, die sehr auf so etwas achtet. Für mich ist das Haarspalterei. Und dennoch prägt auch die Sprache unseren Umgang miteinander bzw. wie man sie füllt und nutzt.

Abschliessend möchte ich sagen, dass es beim Feminismus halt – so wie ich es interpretiere – um ein Miteinander geht. Am Beispiel von Mann und Frau. Ich finde es total wichtig, dass man noch Frau sein darf. Oder Mann. Dass es Dinge gibt, die halt ein bisschen mehr als männlich oder als weiblich betrachtet werden. Verhaltensweisen, Fähigkeiten und nicht zuletzt auch Äusserlichkeiten. Und dass aber nicht alle gleich sind. Dass ich persönlich als Frau z.B. wirklich handwerklich eine Nuss bin. Andere Frauen sind da sehr begabt. Und handwerklich begabt zu sein ist vielleicht eine Ressource, die wir vor allem Männern zusprechen. Bei einigen stimmt das und bei andern aber nicht. Und genau so soll es doch sein. Ich habe sowas z.B. ja auch nie wirklich gelernt. Als ich ein Kind war, hatten die Mädchen in der Schule Handarbeit und die Jungs Werken. Heute ist das anders bei uns, beide haben beides. Und so haben alle die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten und Interessen in verschiedenen Bereich kennenzulernen und zu fördern.
Ist es nicht schön, wenn man als Frau die Waschmaschine nicht reparieren kann (oder will), aber seinen Mann oder Vermieter fragen darf und der macht das? Oder wenn man als Mann z.B. nicht so gewandt ist beim Kochen und eine Frau hat oder kennt, die das gerne macht? Und manchmal ist es auch ganz umgekehrt… Wie schön ist es, wenn eine Frau den ganzen Tag arbeitet und abends nach Hause kommt und ein leckeres Abendessen auf dem Tisch steht? Oder ein Mann zum Geburtstag eine Rührmaschine geschenkt bekommt, weil er so gerne bäckt?

Es könnte alles so einfach sein, wenn wir es zusammen machen würden.
Einander ergänzend.

Klingt friedlich.