Soziale Kontakte

Ich bin alleinerziehend seit einem Jahr. Eine Erfahrung, ein Lebensstil, den ich mir nicht gewünscht hatte. Und dennoch ist es so. Es ist okay. Besser als in einer Beziehung, in der man unglücklich ist.

Alles hat sich in diesem Jahr verändert. Statt wie vorher die Hälfte des Familieneinkommens nach Hause zu bringen, ist diese Hälfte nun mein ganzes Einkommen. Meine 60%. Es reicht auch. Ich bin mir bewusst, dass es andere gibt, die weniger haben. Wir gehören nicht zu den Armen, obwohl wir uns Ferien und so manch anderes nicht leisten können. Und dennoch schaue ich mir täglich meinen Kontostand an und rechne aus, wieviel ich diesen Monat noch ausgeben darf. Ich versuche, möglichst wenig beim Kind zu sparen, sondern bei mir.

Ich habe wenig Zeit. In meiner Freizeit mache ich die Haushaltsarbeiten, organisiere, plane, nehme Termine wahr, mache mit dem Kind irgendwas. Ich empfinde alles als viel, bin müde und unentspannt. Irgendwie immer. Mit der alleinigen Verantwortung kam bei mir auch die Angespanntheit. Die Unfähigkeit, abzuschalten, runter zu fahren. Irgendwann werde ich wieder lernen müssen, zu entspannen. Irgendwann, wenn ich die Zeit dazu habe.

Ich habe wenig Kontakte. Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal von mir sagen würde. Soziale Kontakte waren für mich immer wichtig und ich hatte viele. Menschen sind Inspiration pur für mich. Das hat sich verändert. Schon in meiner Ehe, da mein Ex-Mann soziale Kontakte nicht so braucht. Ich habe mich jahrelang angepasst, um die Familie zusammen zu halten. Freunde und Bekannte fielen zum Teil weg, man lebte sich auseinander. Mein Freundeskreis wurde kleiner.

Ich komme nach Hause und nie ist jemand da, dem ich von meinem Tag erzählen könnte. Oder was mich beschäftigt, mir Sorgen macht oder worüber ich mich freue. Das fehlt mir manchmal schon. Gespräche mit einer erwachsenen Person.

Ich habe wenig Zeit, wenig Geld und bin vermutlich uninteressant geworden für andere. Oder unsichtbar. Ich glaube, viele haben uns einfach vergessen. Ich habe auch immer wieder das Gefühl, dass es Leute gibt, die mit meinen Themen Mühe haben, nicht verstehen und deswegen nicht mehr interessiert sind. Und auch viele, die das Kind und mich irgendwie gar nicht mehr wahrnehmen, weil wir nicht so präsent sind. Das soll nicht vorwurfsvoll rüber kommen, überhaupt nicht. Jeder hat sein Leben und ist beschäftigt. Jeder hat seine Sorgen und Nöte, Verpflichtungen usw.

Ich habe natürlich Kontakte. Bei der Arbeit zum Beispiel. Oder für mal einen Kaffee trinken zu gehen und das ist wunderbar. Ich geniesse das sehr. Ich habe viele Bekannte. Totaaaaal liebe Menschen!! Aber Freunde, wirklich nahestehende Menschen, habe ich nur noch ganz wenige. Weisst du, Verbindlichkeit und richtige Verbundenheit meine ich. Für diese bin ich sehr dankbar. Denn noch nie war ich mehr auf soziale Kontakte angewiesen wie jetzt und noch nie in meinem Leben habe ich mich einsamer gefühlt als jetzt.

Gefühlte Realität und die Wirklichkeit, das ist nicht immer dasselbe, ich weiss das. Und trotzdem. Es löst Angst in mir aus, wenn ich darüber nachdenke.

Ich weiss, dass ich nicht die einzige bin. Ich weiss, dass es vielen alleinerziehenden Frauen so geht. Es ist nur schwierig, darüber zu sprechen. Es ist nicht so, dass ich nicht zurecht käme. Ich habe alles im Griff. Wirklich. Und es geht uns gut. Das ist das wichtigste.

7 Comments on “Soziale Kontakte

  1. Huhu, du sprichst mir aus der Seele. Nachdem mein Mann mich im September verlassen hat fühle ich mich ähnlich wie du…. Danke für deinen Beitrag….

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  2. Ja, genau so empfinde ich es. Danke für die lieben Worte.
    Ich würde es übrigens nicht „Probleme“ nennen, sondern einfach Lebens-Situation. 🙂

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  3. Dass sich angeblich so enge Freunde bei bestimmten Lebensereignissen zu entfremden beginnen, ist leider gar nicht so selten. Kinderlose Bekannte haben plötzlich kein Verständnis mehr, wenn sich durch den eigenen Nachwuchs die Lebensprioritäten verschoben haben, anderen ist eine Trennung oder ein Jobverlust Anlass genug, sich mehr und mehr zurückzuziehen. Das Onlinephänomen „Ghosting“ in analog sozusagen.

    Wenn man nun als Alleinerziehende täglich einen Kampf mit den Tücken des Alltags auszufechten hat, strahlt man natürlich nach außen nicht jene unverbindliche Ungezwungenheit aus, die viele als Basis einer Freundschaft ansehen. „Du hast Probleme? Ich aber auch, das reicht mir.“ Empathie oder Hilfsbereitschaft ist da Mangelware und man ist selbst auch in der Regel zu stolz, Schwäche zu zeigen oder um Hilfe zu bitten. Dabei reicht manchmal ein offenes Ohr oder eine Schulter zum Anlehnen. Schade, dass es das immer seltener gibt.

    Dir alles Gute, bleib tapfer!

    Roald

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  4. Das stimmt so nicht, nein. Ich hole mir meine sozialen Kontakte nicht im Internet. Ich pflege die, die ich habe so gut es mir möglich ist, den Umständen entsprechend.
    Achtung vor Interpretationen.

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  5. Das geht vielen Menschen so, auch wenn Mütter in dieser Situation schwerer und häufiger betroffen sind.
    Du aber benennst sie und gehst damit in die Welt, holst dir deine sozialen Kontakte im virtuellen Raum. Keine Dauerlösung, aber eine gute Zwischenlösung! Du hast schon einen Zipfel des Schopfes ergriffen um dich aus dem Sumpf zu ziehen. Hut ab!

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