Sorgen sind wie Hefeteig

Es gibt so vieles, was schwierig ist. So vieles, woran ich manchmal, wenn der Alltag mich mit Haut und Haaren droht aufzufressen, fast verzweifle. Manchmal sogar ohne „fast“.
Und dann höre ich, was sonst noch so los ist… überall ist irgendwas. Und plötzlich scheinen meine Sorgen doch nicht mehr sooooo gross. Alle sind gesund und unsere Schwierigkeiten gehen vorüber, es ist das Leben. Es ist nur das Leben, das ist manchmal so.

Es gibt Sorgen, die kann man nicht einfach so lösen. Ich schaue dabei nicht mal gross in die Welt hinaus jetzt. Nicht nach Syrien. Nicht nach Eritrea. Nicht in Gebiete, wo Flüchtlinge unterwegs sind, im Elend, am Sterben. Nicht in Krisengebiete. Nicht in die USA, wo Trump provoziert und sein Ding durchzieht. Nicht nach China, wo Kinderarbeit ganz normal ist. Nicht in Länder, wo noch immer homosexuelle Menschen nicht heiraten dürfen. Nirgendwohin wo Attentate und Morde verübt oder Menschen gequält werden.

Nein. Ich bleibe hier. In meinem Umfeld.
Wenn eine Mama von kleinen Kindern an Brustkrebs erkrankt…
Wenn ein Baby bei der Geburt stirbt…
Wenn ein alter Mann, vereinsamt, schon am Morgen in der Kneipe vor seinem Bier sitzt…
Wenn sich jemand an einer Frau mit einer geistigen Behinderung bereichert…
Wenn eine alleinerziehende Mutter ihrem Kind kein Weihnachtsgeschenk kaufen kann, weil das Geld fehlt…
Wenn zwei sich finden und soooo glücklich sind und dann stirbt er an Herzversagen ganz plötzlich…
Wenn sich eine junge Frau so sehr freut, dass sie schwanger ist und das Kind nach ein paar Monaten tot gebären muss….
Wenn ein Elternteil erkrankt und stirbt…
Verkehrsunfälle mit Verletzten oder Toten…

Viel trauriges geschieht tagtäglich. Das Schicksal schlägt unerwartet zu, es kann jeden treffen. Und es trifft tatsächlich jeden. Irgendwann. Mit irgendwas. Und so etwas steckt niemand einfach weg.

Nun gilt es, Kraft zu tanken für schlechte Zeiten. So wie wir in guten Zeiten versuchen zu sparen, so sollten wir es mit unserer Energie auch handhaben. Das heisst ja nicht, dass wir immer daran denken sollen, dass etwas passieren könnte. Im Gegenteil. Förderlich ist Angst ja nicht. Aber ich glaube, wie wir leben wenn es uns gut geht, das hat auch Auswirkungen darauf, was passiert, wenn es uns schlecht geht.
Zum Beispiel können wir nicht erwarten, dass Leute uns beistehen, für uns da sind, wenn wir vorher Freundschaften nicht gepflegt haben. Oder wenn wir nicht bereit sind, dasselbe auch für sie zu tun. Also, wenn mal etwas ist und niemand da ist, sind wohl nicht die andern schuld, sondern wir selbst, so hart es auch ist.

Und nicht vergessen, auch das Schöne zu sehen. Mir passiert es so oft, dass all das Gute, all das was funktioniert, zwischen Sorgen und Ängsten irgendwie verschwindet. So wie all die kleinen Dinge, die in die Ritzen zwischen den Sofakissen schlüpfen. Man sieht sie nicht mehr und irgendwann vergisst man sie. Aber es sind die Dinge, die wichtig sind. Nicht die in den Sofaritzen. Die andern. Es gibt Dinge, die gut laufen! Dinge, die uns glücklich machen, wenn wir sie sehen. Dinge, die unsere Sorgen vielleicht nicht kleiner machen, sie aber daran hindern, zuviel Raum einzunehmen. Denn das tun sie. Sorgen sind wie Hefeteig, der grösser und grösser wird und alles andere verdrängt.

Und man (ich) könnte (will) auch mal „Danke“ sagen…

… für meine Familie. Jedenfalls für den Teil meiner Familie, der hier ist, bei mir.
… für ein gesundes, glückliches Kind.
… für meine Freundinnen, die irgendwie auch zu Familie geworden sind.
… für Freunde / Freundinnen / Bekannte, die da sind.
… für ein sicheres Zuhause
… für Nachbarn, mit denen ich mich wohlfühlen kann
… für meinen Job. Einen Job, den ich sehr mag.
… für unsere Gesundheit.
… dafür, dass wir uns leisten können, was wir brauchen und sogar noch mehr.

Ich wünsche mir, dass das so bleibt. Für mich und für euch.