Ich habe mich mit dem Mond unterhalten…

Jeder mag die Sonne, keine Frage. Ohne sie wäre es dunkel, kalt und leblos. Der Winter gibt uns jedes Jahr eine kleine Vorahnung davon, wie es ohne sie wäre. Ich finde, es gibt auch fast nichts schöneres, als einen Wintertag mit richtig viel Schnee, strahlend blauem Himmel und Sonnenschein. Das ist sooooooo schön! Fürs Auge, aber auch für die Seele. Wie gut es dann tut, die Sonne im Gesicht zu spüren. Die längst vermisste Wärme! Die Sonne scheint unsere Energietanks im Nullkommanichts (wie schreibt man das überhaupt? 0,nichts? 0,     ?) bis zum Rand aufzutanken. Wunderbar.

Oder im Frühling, wenn wir nach dem langen, kalten Winter wie ausgehungert sind. Und dann kommen die ersten schönen Tage, verwöhnen uns mit Sonnenschein, Wärme und Licht. Wir staunen, wieviel Kraft die Sonne dann schon hat und wir strecken ihr unsere bleichen Gesichter entgegen, um sie anzubeten, um unsere längst leeren Licht-Vorratskammern wieder zu füllen. Und es nützt!

Die Sonne ist eine Göttin, ja das ist sie wirklich.
Und dann gibts da noch den Mond. Wenn die Sonne eine Göttin ist, dann ist der Mond ein Gott, ohne Zweifel. Ihr blasser, aber nicht minder beeindruckender Geliebter. Jede Nacht steht er am Himmel, erhellt die Nacht für uns. Im Gegensatz zur Sonne strahlt er eher Kälte und Distanz aus. Er hat keine Strahlen, die uns in der Nase kitzeln oder auf unserer Haut warm werden, sogar brennen. Es ist uns möglich, ihn direkt anzuschauen, ohne unsere Augen schützen zu müssen. Er hängt am Himmel, majestätisch und still und schaut auf uns hinunter, sehr wohl um seine unaufdringliche, zauberhafte Schönheit wissend.

Eine traurige Liebesgeschichte ist es, die der Sonne und des Mondes. Ich glaube, sie lieben sich seit immer, seitdem es sie gibt. Seit Milliarden von Jahren. Obwohl sie sich nie sehen. Immer wenn die Sonne kommt, geht der Mond und wenn der Mond geht, kommt die Sonne. Es gibt Momente, da ist wohl die Sehnsucht zu gross, da wird er schwach, der liebe Mond. An diesen Tagen können wir ihn bis tief in den Morgen hinein, ja fast bis zum Mittag am Himmel sehen und Abends kommt er schon früh wieder, um seine Liebste aus der Ferne zu betrachten.
Und manchmal lachen sie ein kleines Bisschen über uns Menschen, wo wir doch bei ein paar Kilometern Entfernung von einer Fernbeziehung sprechen und jammern. Sie schauen beide zu uns hinunter, sie am Tag und er in der Nacht, und sie haben uns alle im Blick. Sie sehen, wie ich hier in Luzern an meinem MacBook sitze und über sie schreibe und gleichzeitig sehen sie dich, wo auch immer du bist, was auch immer du tust. Und wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich jetzt gerade den Mond. Vor ein paar Tagen war Neumond, heute sehe ich eine zunehmende, dünne Sichel. Wenn du aus dem Fenster schaust, irgendwo in der Schweiz, in Deutschland oder Österreich, dann siehst du genau den gleichen Mond. Und er sieht dich.

Letzte Nacht habe ich mich mit dem Mond unterhalten.
Er hat mir von der Sonne erzählt und ich ihm von dir.

So erzählt er mir immer allerlei, wenn ich mich mit ihm unterhalte. Nachts, wenn ich nicht schlafen kann. Meistens jedoch erzähle ich und er hängt still dort oben, hört zu und versteht. Ich finde, dass er sehr weise ist. Und seine Distanz ist durchaus ein Vorteil, auch wenn ich mir manchmal wünschen würde, er nähme mich schützend in seine Arme. Nein, das tut er nicht und wenn, dann nur mit Worten, was aber nicht minder tröstend ist. Oft sagt er zu mir, dass das alles von ihm aus betrachtet nicht sooo gross und wichtig sei, wie ich es empfinde. „Liebes Mondmenschlein“, sagt er dann, „du bist zu nah dran! Trete ein paar Schritte zurück, atme tief durch und schau nochmals hin“.
Und dann sehe ich plötzlich, dass all das, was mich gerade so sehr belastet, mit ein wenig Distanz betrachtet, zwar noch da ist, aber kleiner wird, weniger Platz einnimmt, anderen Dingen Platz macht.

Seit einiger Zeit fällt mir auf, dass der Mond oft traurig zu uns hinunter schaut. Er hat schon viel gesehen, für uns unvorstellbar viel. Und doch erschüttert es ihn, wie wenig Sorge der Mensch trägt. Zu sich selbst, zu andern und zur Erde. Und dann höre ich ihm schweigend zu, denn ich weiss keine Antworten auf seine Fragen…