Von kleinen und grossen Verlusten

Verlieren ist im Leben eines der schwierigeren Themen, glaube ich. Verlieren im Spiel, damit fängt ganz früh in der Kindheit das alles ja schon an. Man sagt ja gerne „Verlieren muss man lernen“. Aber nein, verlieren kann jeder, es passiert einfach. Aber wie man damit umgeht, das muss man sehr wohl lernen. Kleine Kinder können das noch ganz schlecht. Verlieren ist schrecklich, gewinnen ist viel schöner. Da wird dann geweint, geschrien und was auch immer hilft, den Frust loszuwerden.
Ich lasse das Kind z.B. beim Spielen nicht unbedingt gewinnen. Nur, wenn der Frust zu gross wird und ich denke, dass ein Erfolgserlebnis wieder mal notwendig wäre, mache ich das. Ansonsten tröste ich sie, zeige ihr auf dass spielen auch so Spass macht usw… das übliche halt, was alle Eltern so machen. Es gibt ja Spiele, in denen sind Kinder oft viel besser als Erwachsene. Zum Beispiel schlägt mein Kind mich beim Memory fast immer. Wohl, weil ich mich nicht 100% aufs Spiel konzentriere, den Kopf voller anderer Gedanken habe, schon an die Sitzung vom Nachmittag denke usw. Und das Kind lässt sich voll aufs Spiel ein und kann sich gut merken, wo welches Bild versteckt ist, ungestört von Alltagssorgen und -gedanken.
So gehört auch das Verlieren zum Leben und wie so manches können wir das im Spiel gut üben.

Es gibt Kinder, die verlieren dauernd irgendetwas, d.h. sie lassen es irgendwo liegen bzw. vergessen es mitzunehmen. Ihre Handschuhe draussen im Garten, die Mütze in der Schule, ein Kuscheltier bei Oma, den Rucksack im Bus. Das Schlafkuscheltier irgendwo in der Wohnung…  Im besten Fall weiss man, wo es ist und kann es holen oder sich bringen lassen und sonst wird gesucht, bis es hoffentlich gefunden wird. Und sonst endet es möglicherweise im Drama, wenn es etwas ganz wichtiges ist wie z.B. der Schnuller oder das Schlaftierchen.
Ich verliere bzw suche eigentlich jeden Tag etwa drölfzig Mal meinen Schlüsselbund. Es gehört irgendwie dazu, dass ich jedesmal, wenn ich das Haus verlasse, sage „Scheisse, wo sind meine Schlüssel“ und wenn sie nicht sofort am üblichen Ort (eigentlich gibt es drei mögliche übliche Orte, wo ich sie normalerweise hinschmeisse) finde, kommt Panik auf… und schwupps sind sie doch dort, wo sie immer sind oder in meiner Handtasche oder irgendwo.
Doof ist es ja dann nur, wenn man einen Schlüssel, eine Geldbörse, den Pass oder so etwas wichtiges überhaupt nicht mehr findet. Das ist dann wirklich mit Ärger verbunden. Ist mir, wenn ich mich richtig erinnere noch nie passiert, im grossen und ganzen bin ich ziemlich gut organisiert und strukturiert.

Man kann seinen Job verlieren und damit seine Existenz. Man kann seinen Job verlieren und einen neuen finden. Man kann das Augenlicht verlieren. Man kann das Vertrauen verlieren oder die Hoffnung. Ja gar den Kopf! Man kann die Geduld verlieren. Seine Zähne. Die Freude und die Motivation. Man kann im Krieg ein Bein verlieren. Oder den Kampf gegen den Krebs. Das Leben.

Dann wird’s schwer, ganz ganz schwer. Dann, wenn’s um ein Leben geht. Es muss nicht unbedingt unseres sein, nein. Ich würde jetzt gerne „wir“ schreiben, aber ich kann ja nur für mich sprechen. Mein eigenes Leben war noch nie direkt bedroht. Indirekt schon, als ich nicht mehr weiter wusste, weil die lebensbedrohliche Erkrankung bzw der Tod geliebter Menschen mir den Boden unter den Füssen weggerissen hatte. Ich glaube, nicht nur der Tod nimmt uns Menschen weg, das Leben tut das auch und das wird nicht als weniger schlimm empfunden. Weh tut das immer. Zum Beispiel, wenn Beziehungen auseinander gehen. Meistens bleibt einer verzweifelt, noch liebend und nicht loslassen wollend zurück. Man weiss, es braucht seine Zeit und das Leben geht weiter, es wird wieder besser blablabla. Das alles hilft in diesen Situationen gar nichts, denn man ist gefangen in diesen Emotionen. Trauer, Panik, Angst… ein suizidales Trio, wirklich.

Wenn ich das so schreibe kommt es mir vor, als würden wir vom Leben auf die schlimmen Verluste vorbereitet, eben durch kleine Verluste und das Verlieren im Spiel. Und doch ist es irgendwie anders, denn ich glaube nicht, dass man den Umgang damit lernen kann. Ich glaube noch nicht einmal, dass wir das üben müssen sollten. Und trotzdem müssen wir, denn das liegt nicht in unseren Händen. Der Tod und das Leben tun es für uns, wobei das Leben humaner darin ist. Es schenkt uns Unterstützung durch andere Menschen, Ablenkung und die Zeit, die einfach weiter läuft. Der Tod ist radikal und kalt. Er nimmt und geht…