Vom Hin- und vom Wegschauen

Na, dann schauen wir mal hin…

Montag, 6. November 2017

Es schneit ein bisschen, naja eher eine Mischung aus Regen und Schnee. Alles normal für November.  Aber das Wetter und die Natur spielen immer öfter verrückt. Immer wieder. Und irgendwie überall. Wahnsinnige Stürme, Orkane und Hurrikane zerstören ganze Städte, Dörfer und Landesteile mit einer unvorstellbaren Wucht. Erdbeben kommen häufiger vor und stärker. Erdrutsche. Überschwemmungen.
Wir sind meistens live dabei, haben Mitleid, sind froh und dankbar, dass es nicht uns getroffen hat. Einige helfen vor Ort, einige spenden. Von Klimawandel und Erderwärmung wollen wir nicht zu viel hören…
Schon bald ist es vorbei für uns, denn der nächste Sturm tobt woanders, unsere Gedanken sind nun dort. Andere Nachrichten fordern unsere Aufmerksamkeit. Obwohl nach dem Unwetter am andern Ende der Welt oder am andern Ende der Schweiz der Kampf um ihre Existenz für viele Menschen erst begonnen hat…


Terror. Wir gewöhnen uns irgendwie an die Nachrichten des Terrors aus aller Welt. Wir wollen uns nicht dran gewöhnen. Aber müssen wir? Es verhält sich etwa gleich wie oben beschrieben. Wir sind live dabei. Manchmal ob wir wollen oder nicht, man kommt fast nicht drum herum. Wir sind betroffen, haben Angst und hoffen immer noch, dass es weit weg ist, dass wir hier sicher sind. Wir sehen die schrecklichen Bilder, leiden mit. Wir sind Paris. New York. London. Boston. Berlin. Immer ein paar Tage lang und dann sind wir wieder irgendwo anders…
In Syrien ist es eigentlich täglich so, soviel ich weiss. Die IS terrorisiert die Menschen dort seit Jahren. Wir wissen nicht soooo viel davon, es ist weit weg irgendwie. In Syrien kann man nicht immer einfach so aus dem Haus, nein. Einkaufen gehen, arbeiten gehen, auf den Spielplatz. Es ist gefährlich. Irgendwo könnte ein Schütze versteckt sein oder ein Sprengkörper. Es könnte nicht nur. Es ist. In Abfallkörben, in einem Gebüsch, in einem Auto, an einer Person, ja sogar in Spielsachen. Überall. Ich glaube, wir lesen und hören nur ein Bruchteil davon, was dort alles passiert… Habt ihr schon mal Fotos gesehen z.B. von Damaskus, wie diese Stadt mal ausgesehen hat und wie es dort jetzt aussieht? Unvorstellbar…

Die Menschen z.B. aus Syrien flüchten seit ein paar Jahren, um zu überleben, um irgendwo ohne Lebensgefahr zu leben. Sie lassen alles hinter sich. Sie haben ein Zuhause, vielleicht ein Haus, Familie, Freunde, einen Job. Einiges was sie hatten, wurde vielleicht unterdessen zerstört, Menschen getötet. Sie haben Angst und machen sich auf den Weg, sie haben wohl wenig dabei, nur das wichtigste, soviel wie sie halt tragen können. Vermutlich ist ihr Handy eines der wichtigsten Dinge, denn es bedeutet Kontakt, Orientierung und auch Sicherheit. Ich stelle mir den Weg beschwerlich vor. Und gefährlich. Manchmal hört man, dass Kinder oder Jugendliche ohne Eltern hier ankommen… Ich darf nicht dran denken… stellt euch vor, ihr werdet unterwegs in der Fremde von eurem Kind getrennt oder von eurem Mann und ihr wisst nicht, wo sie sind, ob sie noch am Leben sind, ob sie irgendwo festgehalten werden, in Gefahr sind.
Ich könnte es mir nicht vorstellen, von hier weg zu gehen, alles hier zu lassen. Eine Wohnung voller Dinge, die ich denke zu brauchen, die ich mag. Alles zu verlassen, ohne die Menschen, die ich liebe, um die ich mich sorge. Ein Umfeld, in dem ich mich wohl fühle. Was müsste passieren, damit ich das alles verlassen würde? Ich will es mir nicht vorstellen müssen…
Und dann kommen sie hier hin, in die Schweiz zum Beispiel. Es sind so viele. Menschen aus einer anderen Kultur, mit der viele von uns Terrorismus verbinden. Das macht vielen Angst. Nicht nur der Terrorismus, nein, sondern auch der Gedanke, ob für uns noch von allem genug da sein wird, wenn wir es teilen müssen. Und Angst vor der fremden Kultur, Angst vor Übergriffen, Verbrechen, Veränderungen… Alles sehr begreiflich, finde ich. Man muss nicht „rechts“ sein, um Angst zu haben. Oder man muss nicht Angst haben, um „rechts“ zu sein. Die Politik macht sich diese Angst aber natürlich zu Nutzen, das war schon immer so. Ich finde, Angst ist okay. Unbekanntes kann Angst machen. Informationen und Kennenlernen könnten z.B. helfen, diese abzubauen.
Bevor bei uns im Dorf die ersten Flüchtlinge eintrafen, erkundigte ich mich, ob ich eine Familie beim Einleben ein wenig begleiten könnte. Nicht als Job oder so. Einfach mal auf den Spielplatz mit ihnen, das Dorf zeigen usw. Nicht mit viel Aufwand, nicht mit viel Verpflichtung. Einfach damit sie ein wenig in Kontakt kommen und wir auch. Und einfach, weil ich Mitleid und Mitgefühl hatte (habe) und irgendetwas tun wollte. Ausserdem habe ich gedacht, ich könnte die Kleidung, die unserer Tochter zu klein sind, einer Flüchtlingsfamilie weiter geben. Ich wollte sie ihnen aber lieber direkt geben, sie nicht in einen Sack stopfen und in den Altkleider-Container werfen. Aber zu meiner Überraschung war das irgendwie nicht so erwünscht oder möglich, jedenfalls ist es dann nie dazu gekommen. Die Flüchtlinge werden durch die zuständige Organisation betreut.
Da muss ja keiner staunen, dass die Kontakte zu den Einwohnern hier nicht so statt finden, obwohl meiner Meinung nach genau das helfen würde, Ängste abzubauen. Beziehung aufbauen – Ängste abbauen, das wäre meine Philosophie. Und mehr Information. Aber was weiss ich schon von alldem…

Ich glaube, ich bin beim Thema Terror ein wenig zu ausführlich geworden, vermutlich weil es mich besonders beschäftigt… Ich komme nun aber mal zum Thema zurück, bzw. zum nächsten Thema…

Es gäbe noch vieles zu schreiben. Z.B. könnte ich noch über Präsident Trump schreiben… Aber ehrlich, das kotzt mich an. Der bekommt in meinem Blog keinen Raum, nein, DER ganz bestimmt nicht. Dasselbe gilt für Erdogan, Putin und wie sie alle heissen… Und ich halte mein Niveau, sonst würde ich eventuell FUCK YOU schreiben. Aber nein, das tu ich natürlich nicht…   😉

Ich muss auch gar nicht unbedingt so weit in die Welt hinaus schauen. Bleiben wir doch einfach mal hier. Ich glaube, es geht immer mehr Menschen wirklich schlecht. Ich rede nicht vom Finanziellen, ich spreche vom Gesundheitszustand. Körperliche Beschwerden nehmen zu, Krebs- und andere Erkrankungen, ganz besonders auch Psychische… Umwelteinflüsse, Druck, Stress, Ängste…
Behinderte oder kranke Menschen haben immer weniger Platz in unserer Gesellschaft, obwohl wir von Inklusion sprechen. Daraus entstehen Menschen am Rande der Gesellschaft oder sogar noch ausserhalb des Randes… Und Menschen, die weiter machen, sich nichts anmerken lassen und kämpfen, obwohl sie nicht mehr können, weil sie müssen, weil die in diesem sich immer schneller drehenden Hamsterrad namens Gesellschaft feststecken…

Manchmal – oder auch oft – ist wegschauen einfacher als hinschauen. Wegschauen ist vermutlich genau so wichtig wie hinschauen, denn wir wollen uns schützen. Müssen uns schützen.

Ich will mit diesem Text nicht moralisieren. Ich sage das nur, falls es bei jemandem so rüber kommt. Aber nein, ich schreibe ja von mir.  Auch ich lese die Nachrichten, schaue die Tagesschau, rege mich auf. Und mache nichts. Manchmal möchte ich. Aber wie? Ich habe nicht wirklich die finanziellen Mittel dafür. Viele Leute hätten das. Ich glaube, ich habe mal gelesen, dass die paar reichsten Leute der Welt zusammen einen Grossteil der Probleme eigentlich lösen könnten mit ihrem Geld. Tun sie aber nicht. Einige von ihnen profitieren womöglich sogar vom Elend anderer…
Und manchmal schaue und lese ich tagelang keine Nachrichten, weil ich nichts mehr hören mag.

Ich glaube noch immer, dass die Welt nicht so schlecht ist wie wir immer sagen. Sie ist das, zu dem wir sie machen. Ich verstehe wirklich nicht, wie z.B. Trump in den USA überhaupt Präsident werden konnte und sich nun ja eher schlecht als recht in seinem Amt schlägt bzw. um sich schlägt. Mit unmöglichen, taktlosen Aussagen, Handlungen, Lügen und einer Unfähigkeit, die eines Präsidenten ganz bestimmt nicht würdig sind. Aber das ist nun einfach so. Und warum schauen so viele zu, haben Angst, ärgern sich, lachen wegen ihm…  und machen nichts? Wer soll das verstehen? Und wie kann man überhaupt etwas dagegen machen?
Trump absetzen, das kann ich nicht. Den Weltfrieden herstellen auch nicht.
Aber ich versuche irgendwie in meinem Umkreis freundlich zu den Menschen zu sein, hinzuhören, wenn etwas ist und da zu sein. Es gelingt mir bestimmt nicht immer und ganz oft bin ich mit meinen eigenen Dingen beschäftigt, habe keine Zeit, keine Energie… Ja, ich weiss das und es geht wohl allen so.
Niemand kann überall sein und muss auch nicht. Aber ich glaube, wenn jeder ein wenig drauf achtet und sich bei ein, zwei Menschen ein bisschen kümmert, dann wäre niemand auf der Welt allein, oder?