Brandzeichen auf der Seele

Kennt ihr das? Es gibt Ereignisse im Leben, die brennen sich in unser Gedächtnis ein, so wie ein Brandzeichen auf lederner Kuhhaut. Das können Momente sein, aber auch ganze Abläufe, Tage, Gefühle, Gesagtes, Blicke… Und das geht nicht mehr weg. Ich glaube, das sind die Ereignisse, die uns am meisten kaputt gemacht haben. Wie ein Film stecken sie in unserem Kopf fest, recorded, abgespeichert im Langzeit-Archiv. Unlöschbar. 

Und ja, wir möchten sie löschen, denn jedesmal wenn dieser verdammte Film abläuft, erleben wir das Ganze irgendwie nochmals, denn nicht nur die Geschichte ist gespeichert, nein. Sondern auch die ganzen Gefühle, die wir damals gefühlt haben. Und sie kommen hoch. Wie Leichen, die ans Ufer geschwemmt werden. Leichen, die wir zigmal wieder mit Steinen beschwert, zurück ins Wasser stossen. Leichen, die wir uns manchmal, wenn wir zu den Mutigen gehören, packen, aus dem Wasser ziehen und sie uns ansehen. Sie verschwinden deswegen aber nicht unbedingt, aber wir lernen, besser mit ihnen umzugehen, uns von ihnen nicht den Teppich unter den Füssen weg reissen zu lassen. Das ist aber Arbeit. Harte. Und schmerzhafte. Über Jahre hinweg und vielleicht mit Hilfe von Therapien.

Ich schreibe „wir“ und spreche von mir, so ist es ja immer. Was weiss ich schon von euren Traumata und wie ihr mit ihnen umgeht? Es gibt schon den einen oder anderen, von dem ich so etwas weiss und auch solche, denen ich Dinge erzählt habe. Schlussendlich glaube ich aber, das was wir erzählen, ist nur die Spitze des Eisberges. Vieles wollen wir nicht hervor holen und erzählen, vieles ist schwierig in Worte zu fassen, vieles würde sowieso niemand verstehen, oder? 

Es ist zu hoffen, dass wir mehr Positives als Schwieriges erleben. Bestimmt ist das bei den meisten Menschen so. Aber nicht bei allen. Es gibt Menschen, die haben Bürden, die schwerer sind als meine. Meine, die gehören einfach zum Leben, solche Dinge erlebt jeder. Aber zwischen den Krisen haben wir im besten Fall Erholungsphasen, erleben Dinge die uns stark machen. So überstehen wir das, auch wenn‘s uns manchmal zu Boden wirft. Mir ist es bewusst, dass das nicht ganz selbstverständlich ist. 

Ich glaube, Krisen brennen sich tiefer ein als tolle Erlebnisse. Ich weiss nicht, ob das nur bei mir so ist oder bei allen. Es ist auch kein Zufall, dass ich gerade jetzt darüber schreibe. Es ist diese Zeit im Jahr… am 13. November jährt sich der Todestag meines Vaters zum 10. Mal. Das ist wirklich ein Tag, den ich nie mehr vergessen werde, so sehr ich das auch möchte. Dieses flaue Gefühl am Morgen, dieses unerklärbare Wissen, dass etwas passiert ist. Ich habe gewusst, dass er tot ist, nur wollte ich es nicht wahr haben. Es gab keinen Grund das zu denken. Er hatte gerade eine Chemo- und Bestrahlungspause. Er fühlte sich ein wenig besser. Und doch war da dieses untrügliche Gefühl… Unruhig bin ich hin gefahren und habe ihn tot im Bett gefunden. Und alles nahm seinen Lauf, wie in Trance erlebte ich alles… irgendwie neben mir stehend und doch viel zu intensiv, um es überhaupt aushalten zu können. Wenn jemand stirbt, gibt es wahnsinnig viel zu tun und man wird mitgerissen von einem zum andern und es hört gar nicht mehr auf. Obwohl  die Zeit irgendwie stehen geblieben ist und durch den Tränenschleier alles unwahr wirkt. Ich erinnere mich an jede Scheiss-Sekunde dieses Tages. Was wann passiert ist, wer was gesagt hat, wer was getan hat usw. Auch noch nach 10 Jahren. 

Nur lasse ich diese Erinnerungen nicht immer zu. Sie machen mich immer noch traurig, aber nicht mehr so tief wie am Anfang. Normal, denke ich.