Vom Lügen und Steine werfen

Ehrlichkeit, bestimmt auch ein Begriff, den man dehnen und drehen kann, wie man will und keine 100prozentige Übereinstimmung der Bedeutung erzielt. Obwohl eigentlich alles klar ist. Ehrlichkeit bedeutet, dass man nicht lügt. Reicht das? Was ist eine Lüge? Und was ist die Wahrheit? Ich glaube, dass es verschiedene Wahrheiten gibt, weil es verschiedene Wahrnehmungen gibt. Ich kann eine Situation erleben und mir total sicher sein, dass ich wahrheitsgetreu darüber berichte, während ein anderer Mensch genau dasselbe gesehen hat und doch sein Bericht mit meinem nicht übereinstimmt. Wer lügt denn da? Einfacher ist so etwas, wenn wir eine Situation als neutrale Person beobachten. Schwieriger, wenn wir involviert sind. Gefühlsmässig. Denn Gefühle verändern die Wahrnehmung. Gefühle entstehen durch eine Bindung zu einem der Betroffenen oder auch, wenn ich mich mit der Situation identifiziere. Wenn es mich betroffen macht. Dann sehe ich alles plötzlich durch total andere Augen, oder?

Wir lügen ja dauernd. Ich glaube nicht, dass ich wirklich jemals die Wahrheit sage, wenn jemand fragt wie es mir geht. Jedenfalls ganz bestimmt nicht bis ins Detail. „Danke, gut und dir?“ so irgendwas. Obwohl ich, wenn ich dasselbe frage, die Wahrheit unbedingt erwarte.
Wir sind freundlich, fröhlich. Auch wenn das Lächeln manchmal eine Maske ist, gekonnt aufgesetzt, von niemandem durchschaut. Ich weiss, dass die Augen auch strahlen sollen, damit es glaubwürdig aussieht. Na dann, dann strahlen sie halt. Soooo schwierig ist das nicht. Ist das denn auch gelogen? Oder ist es mein gutes Recht, über meine Befindlichkeit nicht Auskunft geben zu müssen, wenn mir nicht danach ist?
Und die kleinen Notlügen? Brauchen wir die nicht einfach, um uns abzugrenzen und wir Angst haben, unser Gegenüber zu verletzen, wenn wir ehrlich sagen, dass wir heute zwar nichts vor haben aber doch keine Lust haben zum gemeinsamen Kaffeeklatsch?
Und die diplomatischen Antworten, die wir geben, wenn uns eine Frage zu heikel wird? Wenn wir lieber das sagen, was die andere Person hören will, statt das was wir wirklich denken? Oder wenn wir jemandem ein Kompliment machen, um sie glücklich zu machen oder zufrieden zu stellen? Oder um einen Vorteil zu erlangen, um zu schleimen und schmeicheln? (Ich persönlich finde das ja ekelhaft, ich mag das nicht. Ich kann nicht schleimen, es widert mich an. Ebenso wenn jemand mich an-schleimt).
Das ist auch nicht ehrlich. Aber freundlich. Irgendwie jedenfalls. Das mit den Komplimenten ist ja so eine Sache. Ich muss sagen, wenn ich das Gefühl habe, dass ein Kompliment nur so daher gesagt ist, dann bedeutet es mir nichts. NICHTS. Unternull. Eigentlich empfinde ich es sogar als das Gegenteil von Kompliment, sozusagen ein Minuskompliment und das kommt bei mir gaaaaaar nicht gut an. Also lieber gar nichts sagen, als etwas Geheucheltes.

Das sind doch unwahre Aussagen (Umschreibung für Lügen), die wir verwenden, um den Frieden zu wahren, den Ball niedrig zu halten und um uns abzugrenzen, niemanden zu verletzen. Ist wohl okay so, oder?

Ehrlich sein bedeutet auch mutig sein, finde ich. Meine Meinung zu irgendetwas sagen und dazu stehen. Etwas zugeben, was mir unangenehm ist. Etwas erzählen, das nicht das beste Licht auf mich werfen könnte. Fehler eingestehen usw.

Ich glaube, es kommt auch auf die Beziehung an, die wir zu unserem Gegenüber pflegen, ob wir die Wahrheit überhaupt hören wollen bzw. damit umgehen könnten. Die Wahrheit ist manchmal eine unschöne, giftige Hexe, die uns mitten ins Herz schiessen kann, wenn Worte nicht klug gewählt sind, wenn wir zB sowieso schon schlecht gelaunt sind oder die kritisierende Person als Gegnerin sehen… Sie weckt Unsicherheit oder Ärger, wenn wir diese Kritik in den falschen Hals bekommen.
Es gibt aber auch die Menschen, von denen können wir einfach alles annehmen. Entweder, weil sie uns nahe genug oder entfernt genug stehen. Nähe macht ja nicht immer alles einfacher, sondern manchmal auch schwieriger… Ich finde, es gibt Menschen, die sind einfach direkt und sagen, was sie denken, ohne es böse zu meinen und dann muss man schon mal leer schlucken, kann es aber von denen annehmen. So möchte ich auch sein. Bin ich aber nicht. Ich sage dann manchmal lieber nichts, obwohl ich möchte. Das ist ja noch ein Punkt, den ich oben vergessen habe! Ist es auch gelogen, wenn man etwas verschweigt? Hmmmm…..

Diese kleinen Lügen… Weh tun sie wohl meistens niemandem. Im Gegenteil. Es gibt aber auch noch die grossen Lügen, die nicht harmlos sind. Die verletzen und Dinge zerstören könnten, wenn sie auskämen. Da hörts dann auf mit dem Spass, finde ich.
Ich finde aber auch, dass jedem mal ein Fehler passieren kann und es ist klug, dazu zu stehen, bevor alles verworren und noch viel schlimmer wird. Das braucht viel Mut und Rückgrat. Verstehen und verzeihen sind dann andere Themen…
Wir sind Menschen, wir können auf beiden Seiten stehen. Mal Lügner, mal Belogener.
Werfe der den ersten Stein, der noch nie gelogen und um Verzeihung gebeten hat…

Ich werfe jedenfalls keinen.