Erwartungen

Es gibt ja Leute die sagen, dass man erwartungsfrei sein bzw werden müsse, um auch frei von Enttäuschungen zu werden. Ja und ich muss zugeben, vermutlich ist es tatsächlich so. Wer gar nichts erwartet, der wird nicht enttäuscht. 

Falls das aber das Ziel sein sollte, bin ich meilenweit davon entfernt. Ich erwarte viel. Von mir, aber auch von meinem Umfeld. Dauernd. Dass meine Bekannte pünktlich erscheint, wenn wir zum Kaffee trinken verabredet sind. Dass mein Lohn rechtzeitig auf dem Konto erscheint. Dass mein Auto morgen anspringt. Dass das Kind ohne zu meckern die Zähne putzt. Dass ich geduldig bin, wenn das nicht klappt. Ich habe vielleicht mehr Erwartungen an mich selbst als an andere. Alles richtig machen, funktionieren, keine Schwäche zeigen, Familie, Haushalt, Arbeit, soziales Leben… irgendwie ist es ganz schön viel Druck, den man sich so auferlegt. 

Aber nein, es ist nicht im entferntesten mein Ziel, keine Erwartungen mehr zu haben. Erstens glaube ich überhaupt nicht, dass man das kann. Erwartungen bilden sich meiner Meinung nach unbewusst. Steuern kann man es bestimmt, aber verhindern nicht. Wie ist es wohl, wenn man keine Erwartungen mehr hätte? Ist man dann total abgestumpft oder steht man über allem? Ich weiss es nicht und ich kann es mir wirklich auch nicht vorstellen. Und zweitens finde ich, dass wir sehr wohl Dinge erwarten und verlangen dürfen! Von andern, aber auch von uns selbst. 

Die Erfahrung, dass unsere Erwartungen nicht erfüllt werden, kann unter Umständen schmerzhaft sein. Wir sprechen dann von Enttäuschungen. Ich finde jedoch nicht, dass wir deswegen keine mehr haben sollten. Das wäre, als gäbe es nur schwarz und weiss. Vielleicht ist es einfacher, unsere Erwartungen anzupassen, ein wenig runter zu schrauben, zu  verändern. Wenn wir eine Erwartung nicht erfüllen können oder wollen, gibt es auch eine Begründung. Statt enttäuscht und sauer zu sein, kann ich mich fragen, warum das so ist und ob meine Erwartungen nicht zu hoch waren. Das würde den Druck verringern und vielleicht auch bewirken, dass „Erwartungen“ nicht ein so negativ besetzter Begriff wäre.