Anker

Vor 19 Jahren habe ich meinen Anker, oder zumindest die Hälfte davon, verloren. Ich war in einem Alter, wo ich alt genug war, um auf eigenen Beinen zu stehen und doch noch nicht bereit dafür. Ich bezeiche es immer als „Anker“, weil es sich für mich so anfühlte. Und weil mir das dieses Bild gefällt. Dieser Anker, der im Boden des Lebens versenkt, Stabilität und Halt gibt. Wenn die Kette lang genug ist, kann man sich weit, weit weg bewegen und weiss, dass man irgendwo festgehalten wird, irgendwohin zurück kann. 

Das Leben ging weiter, mit der Zeit ging es mir besser, wieder positiver und fröhlicher. Und dennoch hatte ich danach immer das Gefühl, nirgendwo mehr richtigen Halt zu haben. Ich flatterte herum, überall und nirgends. Das bedeutet nicht, dass es mir nicht gut ging. Es ging mir weitgehend gut. Ich glaube auch nicht, dass jemand etwas von meiner inneren Zerrissenheit gemerkt hat. Ich fühlte mich ruhelos. Ich war am Suchen und wusste vermutlich nicht mal, wonach. Nach Gründen, nach Antworten, nach Sinn, nach Halt…

Im Nachhinein überrascht es mich, wie gut es mir immer bei der Arbeit ging. Sie lenkte mich ab, gab mir einen Inhalt und Ausgleich. Obwohl ich mich selber als herumflatternd empfand, gelang es mir immer, den von mir betreuten Menschen Sicherheit zu vermitteln. Ich bin froh, dass das so war, denn sonst hätte ich meine Arbeit nicht gut machen können. Ich finde auch, dass dies zu einer professionellen Haltung gehört, von der eigenen Befindlichkeit nicht zuviel einfliessen zu lassen. Aber vermutlich ist es in richtig grossen Krisen nicht immer selbstverständlich, dass man das immer gut im Griff hat.  

In dieser Zeit wurde meine Freundin zu meiner Familie. Bei ihr war (und ist) alles möglich. Erzählen, still sein, lachen, weinen, fragen, hinterfragen… Ich gehör(t)e dort einfach dazu, war für viele Jahre in ihrer Familie willkommen, wenn ich meine vermisste. Bis ich dann selber eine hatte. 

Das war vor sieben Jahren, als meine Tochter geboren wurde. Interessant, was mit einem kleinen Baby im Bauch und später im Arm mit uns passiert. All die Liebe, Ängste, Verantwortung, Stolz, Freude… und ich wurde zum Anker. Unterdessen hatte ich beide grossen Ankerteile verloren, war aber auch älter und reifer unterdessen, stand mitten im Leben. Und ja, ich bin nun selbst zum Anker geworden. Für meine Familie, mein Kind und auch für mich selbst.