Briefe…

Als ich etwa 20 war, beschäftigte ich mich sehr mit dem Thema Todesstrafe, vor allem in den USA. Wenn ich mich richtig erinnere, wurde sie zu diesem Zeitpunkt noch in allen Staaten häufig praktiziert. Gaskammer, erschiessen, elektrischer Stuhl, Todesspritze… Ich hatte gelesen, dass die amerikanischen Hochsicherheits-Gefängnisse voll waren mit Gefangenen, die meist jahre- oder jahrzehntelang auf die Hinrichtung warten. Viele davon waren schlimme Verbrecher, viele waren aber auch Unschuldige, zu dieser Zeit auch vor allem Schwarze, die sich  zur falschen Zeit am falschen Ort aufhielten. Oder Menschen mit geistigen Behinderungen oder psychischen Erkrankungen, die zum Tod verurteilt wurden, obwohl das gegen das amerikanische Gesetz verstösst. Ach, ich könnte noch lang darüber schreiben, aber eigentlich will ich ja etwas anderes erzählen. 

In dieser Zeit hörte ich von Lifespark, einer Organisation, die Brieffreundschaften zu solchen Insassen vermittelt. Ich entschloss mich, das auszuprobieren und bekam die Adresse von John. Er sass zu diesem Zeitpunkt schon seit fast zehn Jahren in der Todeszelle in Huntsville, Texas. Wir haben uns über Jahre hin und her geschrieben. Ich habe nie gefragt, warum er zum Tode verurteilt ist und er hat es mir nie erzählt. Er hat auch nie gesagt, er sei unschuldig. Es war immer klar, dass er etwas sehr, sehr schlimmes getan hatte… Trotzdem habe ich ihm geschrieben, bestimmt war ich naiv. Mir tat er auch irgendwie Leid. Ich glaube, er hat sich während seiner Haftzeit verändert, er war sehr religiös geworden, er hat zwangsläufig einen Drogenentzug gemacht und ich denke, er hat sehr bereut, was er getan hatte. Aber er hat es getan, daran änderte sich nichts. 

Ich schrieb natürlich die längeren Briefe als er. Ich erlebte viel, ich lebte, war frei, erzählte ihm davon und schickte ihm immer wieder viele Fotos, das fand er super. Er hat mal geschrieben, dass er es schön findet, die Welt durch meine Augen zu sehen. Ein Satz, den ich bis heute nicht vergessen habe. Mich hat das damals sehr berührt und ich habe daraufhin noch viiiiiiiel mehr Fotos geschickt. Ich verbrachte irgendwann in dieser Zeit einen Monat in den USA und auf Hawaii. Wenn ich jetzt dieses Foto-Album anschaue, fehlt etwa die Hälfte aller Fotos, weil ich sie rausgerissen und geschickt habe. 

Ich erinnere mich auch gut daran, wie Huntsville immer wieder neue Regeln gemacht hat betreffend Briefpost. Irgendwann durften nur noch drei Fotos pro Brief mitgeschickt werden und ich hatte das Gefühl, die machen das wegen mir. 

John hatte nicht sooooo viel zu erzählen. Sein Tagesablauf war 23 Stunden in der Zelle und eine Stunde im Hof. Einige hatten im Gefängnis einen kleinen Job. Ich fand es interessant, wenn er von früher erzählte, von seiner Familie. Sie waren aus Mexiko, sehr arm. Er war verheiratet, zwei kleine Kinder. Seine Tochter hat er nur auf Fotos gesehen, denn seine Frau war mit ihr schwanger als er verhaftet und verurteilt wurden. Er war drogensüchtig, ich glaube Heroin war’s. Beschaffungskriminalität…

Ja, und irgendwann sind dann keine Briefe mehr gekommen. Als er hingerichtet wurde, habe ich das in der Zeitung gelesen. 

Ich schrieb danach noch einem anderen Mann aus Florida. Raleigh. Der hat mir gleich im ersten Brief sehr (zu!) ausführlich beschrieben, wie er mehrere Frauen vergewaltigt und getötet hatte. In meinem zweiten Brief stand dann, dass ich ihm nicht mehr schreiben werde…. ich war zutiefst geschockt und angewidert. 

Jahre später habe ich den Namen von John mal gegoogelt und im Internet mehr gefunden, als ich erwartet hatte. Ich erfuhr, was er damals getan hat, um Geld für sein Heroin zu beschaffen. Auch das hat mich zutiefst schockiert, aber ich habe ja immer gewusst, dass er eine schlimme Tat begangen hatte. Da gehts nicht um Diebstahl oder Verkehrsbussen…

Für mich war dieses Briefe schreiben eine schöne Erfahrung, auch wenn mich das alles damals emotional sehr mitgenommen hat. Wenn ich jetzt so zurück denke, bereue ich es, dass ich nie mit seiner Familie Kontakt aufgenommen habe…