Was das Leben aus uns macht

Die Jahre 1995 bis 1998 waren für meine Familie ziemlich schicksalsträchtig. Mein Bruder verunglückte mit dem Motorrad sehr schwer, erlitt lebensbedrohliche Kopfverletzungen, überlebte aber. Drei Jahre später starb unsere Mutter nach einer Krebserkrankung. Zu dieser Zeit hatte mein Bruder die Reha noch nicht abgeschlossen. 

Irgendwie waren das drei Jahre, die mein Leben total auf den Kopf gestellt und mich bestimmt sehr verändert haben, obwohl mir selbst ja nichts passiert ist. 

Mir wurde bis jetzt drei Mal in meinem Leben so richtig der Boden unter den Füssen weggerissen, diese Ereignisse gehören da dazu. Krisen.  Riesengrosse Krisen waren das. Aber es ging weiter. Wie immer. Es geht ja immer weiter, ihr alle kennt das. Das Leben nimmt seinen Lauf und es schleppt uns mit, auch wenn wir uns dagegen wehren. Ein Teil der Wunden wird einfach mit der Zeit geheilt, andere sind hartnäckiger, reissen immer wieder auf. Ich habe jahrelang immer wieder Therapien gemacht, um die erlebten Dinge verdauen zu können und um zu verhindern, dass sie zuviel negativen Einfluss auf mein Leben nehmen. 

In dieser Zeit habe ich meinen alten Beruf an den Nagel gehängt und mich entschlossen, Sozialpädagogin zu werden. Für diesen Schritt habe ich ein bisschen (viel!) Mut gebraucht, denn ich wusste, zurück werde ich nicht mehr können. Unterdessen ist das viele Jahre her und war die absolut richtige Entscheidung. 

Was bei mir aber auf jeden Fall auch geblieben bzw daraus entstanden ist, ist Verlustangst. Ich kann es auch sehr schlecht aushalten, wenn jemand in meiner Familie krank ist oder wenn es jemandem nicht gut geht. Dann kommen die alten Gefühle aus dem Unterbewusstsein gekrochen wie schwarze, eklige Schattengespenster. Ich mache mir dann unglaublich grosse Sorgen und habe viel zu viel Angst, dass es etwas schlimmes sein könnte. Unterdessen weiss ich gut damit umzugehen. Auch mit den Albträumen. Ich bin mir sehr bewusst, was da abläuft, meine Vernunft und der gesunde Menschenverstand übernehmen das Steuer und bringen mich auf den Boden zurück. In der Zeit nach dem Tod meiner Mutter war das richtig schlimm. Ich hatte so ein Ding mit der Ambulanz. Wenn ich sie hörte, drehten bei mir alle Sicherungen durch, die Angst um meine Familie und komische Gedanken übernahmen mein Gehirn. Ich konnte mich erst beruhigen, nachdem ich zuhause angerufen hatte, um mich zu vergewissern, ob alles okay ist. Und zwar jedes verdammte Mal!!! Total Psycho, ich weiss. Das war wie ein Zwang. Es wurde dann mit der Zeit aber besser und ging weg. Heute hinterlässt die Sirene bei mir einfach noch ein schales Gefühl, aber ich glaube, das ist nicht ganz unnormal. 

Im grossen und ganzen habe ich mich mit allem versöhnt, obwohl ich solche Dinge natürlich nie, nie mehr erleben wollen würde. Ich bin froh, dass es vorbei ist und ungeschehen machen kann man ja nichts. Ich glaube, so hart es war, ich habe mich auch dadurch sehr entwickelt, bin reifer und erfahrener, vielleicht auch empathischer geworden… 

Ich glaube übrigens nicht, dass meine Erlebnisse besonders schlimm waren. Doch… eigentlich waren sie das. Aber ich denke, das gehört zum Leben. ALLE erleben solche und noch viel schlimmere Dinge.