Trauer.



Manchmal überlege ich mir, welches das schlimmste Gefühl von allen ist und ich glaube, es ist die Trauer.

Andere Gefühle können auch schlimm sein, ich weiss. Und ganz bestimmt hat jeder Mensch sein ganz persönliches Gefühl, welches ihn zu Tode triggert. Ich glaube, bei ganz vielen ist es die Angst bzw irgendeine Art von Angst, denn es gibt ja unzählige.
Bei mir ist es die Trauer. Und vielleicht ist auch sie mehr oder minder entfernt sogar mit der Angst verwandt.
Die Trauer ist so ein richtiges Scheiss-Gefühl. Wenn sie da ist, ist sie so hoffnungslos und so tief in uns drin. Ich würde behaupten, dass die Trauer das intensivste Gefühl ist, neben der Liebe vielleicht. Sie wird uns zugefügt und bleibt dann erstmal für eine ganze Weile. Eiskalt und schwer sitzt sie wie so’n Klumpen auf unserem Herzen. So dass unser Herz richtig weh tut und uns das Atmen schwer fällt.
Ich verstehe die Trauer nicht so gut. Ich weiss, warum sie da ist und ich weiss auch, was es benötigt, dass sie irgendwann weniger wird. Aber verstehen tu ich sie nicht. Sie ist doch eigentlich im Kopf, wie alles andere auch und doch fühle ich sie mehr im Herzen als im Kopf.


Trauer ist auch etwas anderes als Traurigkeit.
Ich glaube, Traurigkeit ist auch schlimm. Sie wird von Ereignissen ausgelöst und verschwindet dann aber auch zeitnah wieder, womit sich die Trauer hingegen ziemlich viel Zeit lässt.
Sie wird ausgelöst durch die Erfahrung von existenziellen Verlusten. Also von Verlusten, die unser Leben so sehr beeinflussen oder durcheinander werfen, dass es uns aus den Socken haut. Trauer kann ganz tiefe Traurigkeit auslösen, Ängste und Vermissen bzw. wohl meistens gleich alle drei zusammen. Und zwar in einer Intensivität, die kaum auszuhalten ist, besonders am Anfang.

Trauer verbinde ich vor allem mit Todesfällen. Mit einem Verlust, wie oben geschrieben. Damit, dass ein Mensch oder ein Wesen, das wir lieben oder zumindest mögen, mit dem wir auf irgendeine Art verbunden sind und das ein fester Bestandteil unseres Lebens ist, aus dem Leben gerissen wird. Aus seinem und damit auch aus unserem. Das hinterlässt eine Lücke, die sich mit Schmerz fühlt.

Es ist schwer auszuhalten, wenn jemand fehlt.
Ich habe manchmal das Gefühl, dass jedesmal, wenn ein nahestehendes Wesen stirbt, ein Teil der Trauer, die man in der Vergangenheit erlebt und eigentlich als bewältigt betrachtet hat, sich auch wieder ein wenig aufwölbt und zusammen mit den ganz frischen Gefühlen nochmals auflebt. Aufbebt.


Es gibt da eigentlich nicht so wirklich vieles, was hilft. Wenn man jemanden kennt, der trauert, dann würde man ihm am liebsten all den Schmerz abnehmen und ihn wieder glücklich sehen. So geht es mir zumindest. Ich finde auch das schwer auszuhalten. Zu sehen und in etwa zu wissen, welchen Schmerz der andere gerade fühlt… Aber es nützt ja nichts. Jeder muss da für sich selber einfach durch. Mit Hilfe oder ohne. Hilfe unterstützt, nimmt aber nichts weg, wie das halt immer so ist.

Ich habe diese Woche weinend zu der Tierärztin gesagt, die mein Meerschweinchen erlöst hat, dass ich damit einfach nicht so gut umgehen kann. Weil ich mich geschämt habe, dass ich weine.
Beim nach Hause fahren kam ich an einem Haus vorbei von dem ich wusste, dass da vor kurzem eine Frau gestorben ist, die ihren Mann und (erwachsene) Kinder hinterlassen hat. Und ich dachte an einen Bekannten, der vor nicht zu langer Zeit sehr schnell gestorben ist und noch relativ kleine Kinder hinterlassen hat. Und ich habe mich fast geschämt für meine Tränen um ein Tier, als ich an diese Menschen gedacht habe.
Aber ich weiss, das ist nicht vergleichbar. Einen Menschen zu verlieren ist total etwas anderes. Ich habe es auch erlebt.
Man muss es nicht miteinander vergleichen. Es sind unterschiedliche Situationen.


Und dennoch war ich am Dienstag sehr aufgelöst und bin auch heute noch traurig. Nur schon der Entscheid des Erlösens und dann mit dem Tierchen auf dem Arm zu warten, bis es gestorben ist… Ich finde das wirklich sehr schlimm. Und er fehlt. Uns und ganz offensichtlich auch der kleinen Meerschweinchen-Bande. Dass sie trauern, das finde ich auch nicht ganz einfach. Da kann man irgendwie nichts machen, die verstehen das alles doch gar nicht, das ist einfach so. Es braucht Zeit.

Später am Dienstagabend, als ich zuhause weiter weinte, habe ich mir weitere Gedanken darüber gemacht und ich bin zum Entschluss gekommen, dass ich damit total normal umgehe, denn trauern ist eine sehr persönliche Sache und jeder tut es auf seine Art und Weise. Da gibt es nichts zu werten oder zu beurteilen. Und weinen ist kein Zeichen, dass man damit nicht umgehen kann, sondern es ist einfach ein Zeichen dafür, dass man traurig ist. Dass das Herz so voll und so schwer ist.

Ein paar Tage später nun glaube ich, dass ich eigentlich sogar recht gut damit umgehen kann. Ich kann mich meiner Trauer stellen. Wie in jeder anderen Situation bin ich der Meinung, ich muss da einfach durch, ausweichen ist kontraproduktiv. Ich würde das auch jedem raten. In jeder Lebenslage.

Trauern ist ein Gefühl in unserer unendlich weiten Gefühlspalette und es gehört dazu wie jedes andere. Es ist nicht das Ziel, es irgendwann nicht mehr zu spüren, wenn jemand stirbt, um dann sagen zu können, man könne damit gut umgehen. Man kann damit nicht besser umgehen, wenn man nicht weint oder ausweicht und seine Trauer andern nicht zeigt.
Es ist das Ziel, es zulassen zu dürfen. Das finde ich zumindest.

Schlussendlich sind wir alle irgendwann in unserem Leben Trauernde. Und das nicht nur einmal im Leben.
Ich wünsche euch allen viel Kraft dabei, wenn sie bei euch ist, die Trauer. Es braucht viel Zeit, aber sie wird sich wieder zurück ziehen und schöne Erinnerungen und Licht hinterlassen, irgendwann. Sie hat gutes Sitzleder, es braucht Geduld.

Wir werden geboren…

Wir werden geboren, versuchen allen Erwartungen gerecht zu werden und…

Wir werden geboren, suchen jeden Tag dreimal unsere Autoschlüssel und…

Wir werden geboren, verschlafen ein Drittel unseres Lebens und…

Wir werden geboren, verlieren im Verlaufe des Lebens unser Lachen immer mehr und…

Wir werden geboren, gebären 1,75 Kinder und freuen oder ärgern uns über die und…

Wir werden geboren, möchten ewig jung bleiben, aber dann doch möglichst alt…

Wir werden geboren, posten 6548 Fotos auf Instagram und…

Wir werden geboren, erkranken an Krebs und sind viel zu jung, wenn wir…

Wir werden geboren, realisieren irgendwann, dass wir nun alt sind und…

Wir werden geboren, sagen „schlafen kann ich wenn ich tot bin“ und…

Wir werden geboren, verbringen durchschnittlich 2,5 Jahre unserer Lebenszeit im Auto und…

Wir werden geboren, bilden uns aus und weiter, um unwissend zu…

Wir werden geboren, denken zu oft „halt die Fresse“ und…

Wir werden geboren, sorgen uns um Nichtigkeiten, die nie eintreffen und…

Wir werden geboren, versuchen aktiver zu werden und gleichzeitig zur Ruhe zu kommen und…

Wir werden geboren, verbringen Jahre in unglücklichen Beziehungen und realisieren es, wenn wir…

Wir werden geboren, wollen alles erleben und die ganze Welt sehen, vergessen wie schön unser Zuhause ist und…

Wir werden geboren, sparen unser ganzes Leben lang, um dann zu…

Wir werden geboren, streiten uns, vergessen warum und bereuen alles, wenn wir…

Wir werden geboren, arbeiten zuviel, sind gestresst und verlieren die Nerven und…

Wir werden geboren, fühlen uns unfair behandelt und eingeschränkt und…

Wir werden geboren, wollen hoch hinaus und mit den Füssen auf dem Boden zu bleiben, bis wir sterben…

Wir werden geboren, finden die Liebe und Freunde, um sie irgendwann trauernd zurück zu lassen / zurück gelassen zu werden und…

Wir werden geboren, sammeln allerlei, entsorgen alles wieder und…

Wir werden geboren, trinken zuviel Kaffee und…

Wir werden geboren, verbringen unser Leben und Aufräumen und Putzen und…

Wir werden geboren, lassen andere im Stich, werden allein gelassen und sterben…

Wir werden geboren, schauen Netflix-Serien, könnten die allerletzte nicht zu Ende gucken und…

Wir werden geboren, leben forever back in the 80s und…

Wir werden geboren, suchen unser ganzes Leben lang, um gefunden zu werden und…

Wir werden geboren, klagen im Winter über die Kälte und im Sommer über die Hitze und…

Wir werden geboren, suchen überall WLAN und…

Wir werden geboren, machen Erinnerungen und bleiben so am Ende noch ein wenig hier, wenn wir…

Wir werden geboren, wundern uns und…

Wir werden geboren, sehen vor lauter Bäumen den Wald nicht und…

Wir werden geboren, finden unser eigenes Schicksal das härteste und…

Wir werden geboren, sind mit uns unzufrieden und…

Wir werden geboren, nörgeln rum und…

Wir werden geboren, arbeiten zuviel und…

…sterben

Oder wir werden geboren,
gestalten unser Leben selbst,
sind so oft es geht, glücklich,
fokussieren uns auf das Schöne,
lösen Probleme und steigen über Steine,
bauen keine Mauern, sondern einander auf,
kreieren allerlei,
finden andere Ansichten interessant,
helfen einander,
hinterlassen leuchtende Spuren in andern Herzen

und sterben irgendwann.

Ende.

Dinge gehen zu Ende, es ist unweigerlich so. Immer. Unendlichkeit existiert in einem menschlichen Leben nicht und wenn doch, dann nur in unseren Wünschen und Träumen.

Enden sind manchmal ganz okay und manchmal überhaupt nicht.

Was bin ich jedes Mal traurig, wenn ich ein gutes Buch (eigentlich viel zu schnell) zu Ende gelesen habe und es irgendwie nicht genügend genossen habe? Verschlungen, Sätze überlesen, um möglichst schnell alles in mir aufzusaugen. Und am Ende bleibt immer ein kleines Bisschen Leere und es dauert eine kleine Weile, bis ein nächstes Buch diese wieder auszufüllen vermag.

Wir freuen uns auf einen besonderen Augenblick oder einen Tag, auf Weihnachten, Urlaub und Geburtstage und wenn wir ehrlich sind, ist vielleicht die Vorfreude viel ergiebiger als der Moment selbst, denn sie dauert unter Umständen viel länger und lässt uns erschaudern, glücklich sein und uns alles in den schönsten Farben ausmalen. Wenn der besondere Moment dann da ist, ist er auch schon wieder vorbei und was bleibt, sind Erinnerungen.

Gerade gestern habe ich darüber geschrieben, wie es ist wenn ein Leben endet. Ein Ende und ein Abschied für immer und auch für ewig, obwohl ich gerade eben geschrieben habe, dass es die Unendlichkeit gar nicht gibt. Und doch scheint es sie zu geben, nämlich im Tod. Im Nichts. Oder auch nicht. Niemand weiss es, einige glauben irgendetwas.

Freundschaften enden, Menschen leben sich auseinander, finden neue, interessantere Menschen, mit denen sie sich verbinden und Zeit verbringen möchten. Das ist der Lauf der Zeit. Normal. Und doch ist auch das manchmal mit loslassen verbunden und loslassen ist vielleicht mit losreissen verbunden und vielleicht tut das dann einem von beiden mehr weh als dem andern.
Und manchmal ist längst nicht alles ein Ende, was wie ein Ende aussieht. Manchmal ist es nur ein Warten, ein Zwischenraum und die Angst vor dem Ende, die uns etwas zusammenphantasieren lässt.

Ich glaube, wir füllen so manche innere Leere mit einem Menschen. Einem, der ganz genau das ist, was wir brauchen. Ganz genau das, was uns glauben macht, wir wären nicht leer, nicht zerbrochen. Es ist schön, dass es das gibt. Und aber auch unschön, wenn dieser Mensch dann nicht mehr da ist, denn dann werden wir auf unser inneres Leer-Sein zurück geworfen und das ist vielleicht das allerschlimmste Gefühl von allen.
Leere ist schwer auszuhalten. Für mich jedenfalls.
Und dennoch tu ich es, wenn sie mal da ist. Muss.

Ich glaube, wenn wir vermögen, alle diese leeren Stellen in unseren Herzen selbst auszufüllen und wir mit uns selbst zufrieden und glücklich sind, dann sind wir bereit für die Liebe. Denn dann brauchen wir nicht mehr, kompensieren wir nicht mehr, sind wir nicht mehr abhängig, sondern sind wirklich frei für jemanden.

Der Tag, an dem meine Mutter starb.

Mein Grossvater ist gestorben, als ich sechs war. Ich kann mich daran erinnern, dass er zuhause im Bett lag und sehr krank war und meine Patentante mit mir ins Zimmer ging, damit ich mich von ihm verabschieden sollte. Ich wollte nicht, auch daran erinnere ich mich, musste aber.
Das war der Vater meines Vaters. Der andere Grossvater ist vor meiner Geburt gestorben. Ich glaube, er war so um die 50 und hatte einen Herzinfarkt. Das war ein paar Tage vor der geplanten Hochzeit meiner Eltern und so kam es, dass an diesem Tag statt eine Hochzeit eine Beerdigung stattfand.
Meine Grossmütter wurden beide sehr alt und obwohl ich sie sehr geliebt habe und natürlich traurig war, war ihr Tod irgendwie okay für mich. Das klingt jetzt bestimmt falsch. Ich will damit sagen, dass wenn jemand über 90 ist, der Tod halt nicht mehr so unerwartet und plötzlich kommt wie dann, wenn jemand jünger ist. Wir kennen die Lebenserwartung des Menschen in ungefähr und müssen damit leben, dass keiner 150 oder 200 wird. Traurig ist das natürlich trotzdem, man versteht es aber vielleicht einfach besser.
In vielen meiner Kindheitserinnerungen kommen meine Grossmütter vor, besonders die eine, und ich denke auch Jahre nach ihrem Tod noch viel an sie. Nicht mehr so vermissend, aber liebevoll und dankbar. Das sind einfach super Erinnerungen.

Eine ganz andere Erfahrung machte ich mit dem Tod, als er sich meine Mama holte. Sie war seit etwa einem Jahr krebsfrei. Ich glaube, wir gewöhnten uns langsam daran, uns keine Sorgen mehr zu machen und entspannter zu sein, als sie starke Rückenschmerzen unbekannter Herkunft bekam. Die gingen nicht mehr weg. Als es immer schlimmer wurde, half ich ihr viel im Haushalt, nahm ihr Arbeiten wie z.B. das Einkaufen und die Wäsche ab.
Ich glaube, ich hatte damals das Thema Krebs total ausgeblendet, was mir jetzt sehr schräg vorkommt. Es war doch irgendwie offensichtlich, dass er zurück war… Aber ich wusste es nicht oder wollte es nicht wissen. Oder vielleicht erinnere ich mich total falsch an all das, ich weiss es nicht. Leider kann ich niemanden mehr fragen, der das wüsste.
Irgendwann musste sie dann ins Krankenhaus, war etwa zwei Wochen dort und verliess es nicht mehr lebend. So schnell ging das. Dort erfuhr ich, dass sie wieder Krebs hat und zwar jetzt einfach überall, es war zu spät für alles. Es war ein Schock. Und alles ging viel zu schnell.

Die letzten drei Tage lag sie auf der Intensivstation. Am Abend bevor sie starb waren mein Vater, mein Bruder und ich noch bei ihr. Sie stand unter Morphium und war aber noch bei Bewusstsein. Sie sagte, dass sie noch nicht sterben will.
Am nächsten Morgen hätte ich eigentlich Schule gehabt. Ich hatte dieses komische, unruhige und ungute Gefühl schon beim Aufwachen, diese Vorahnung… und statt in die Schule fuhr ich früh morgens schon ins Krankenhaus. Dort wurde ich von einer Ärztin empfangen und in ein Zimmer geführt, wo sie mir erklärte, dass sich der Zustand meiner Mutter sehr verschlechtert habe und ich nun entscheiden müsse, ob man sie künstlich beatmen soll oder nicht. Sie empfahl es nicht, denn eine Chance aufs gesund werden gäbe es nicht und der Beatmungsschlauch könnte zusätzliche Infektionen hervor rufen.

Aber gestern Abend hat meine Mama ja noch gesagt, sie wolle nicht sterben….

Ich wollte zu ihr.
Sie war noch bei Bewusstsein, konnte aber nicht mehr sprechen. Ich fragte sie, ob die Ärzte es ihr erklärt hätten und sie nickte. Und dann fragte ich sie, ob sie einverstanden sei und sie nickte wieder…. Ich bin auch nach 22 Jahren noch wahnsinnig dankbar dafür, dass sie noch zustimmen konnte.
Ich rief meinen Vater an, der bei der Arbeit war und gleich los fuhr. Und dann fuhr ich nach Hause zu meinem Bruder, um ihm alles zu erklären und ihn abzuholen. Er hatte drei Jahre zuvor einen ganz schlimmen Motorradunfall mit bleibenden Schäden erlitten und war zu dieser Zeit noch in Rehabilitation.
Als wir im Krankenhaus ankamen, war meine Mutter nicht mehr bei Bewusstsein.

Ich hatte mal gelesen, dass Menschen manchmal ganz lange nicht sterben bzw. loslassen können, weil sie denken, es ginge nicht ohne sie. Meine Mutter hat wahnsinnig gelitten, als mein Bruder den Unfall hatte und an den Folgen fast gestorben war. Es war eine unerträglich schlimme Zeit für die ganze Familie und ganz besonders für meine Mutter.
Er hatte sich unterdessen einigermassen erholt, war aber noch in Rehabilitation. Viele Therapien usw. Und sie begleitete und unterstützte ihn bei allem, denn er konnte alleine nirgends hin und war noch sehr eingeschränkt in seinen Bewegungen und auch sonst. Ich wusste, dass sie sich grosse Sorgen um ihn machte.
Ich fragte meinen Bruder, ob ich ein paar Minuten allein mit ihr sein dürfe und sagte ihr in dieser Zeit, dass Papa und ich auf meinen Bruder aufpassen werden, dass sie sich keine Sorgen machen solle und dass sie gehen darf.
Danach dauerte es nur noch ein paar Minuten bis das Gerät, an dem sie hing, anfing zu piepen und den Herzstillstand anzeigte.
So tapfer wie das alles klingen mag, ich war nicht tapfer. Nur vernünftig und ich wollte sie nicht mehr leiden sehen, ich hielt das nicht aus. Ich wollte nicht, dass sie stirbt. Ich wollte, dass alles wieder gut wird, dass sie gesund wird und alles einfach vorbei ist. Aber ich wusste, das wird nicht geschehen, also sollte sie loslassen und in Frieden sterben können.

Mein Vater kam erst kurz nach ihrem Tod an und das war gut so. Ich glaube, meine Mutter hat gewusst, dass er das nur schlecht hätte ertragen können.

Nun war sie also tot, meine Mutter. Viel zu früh.
Irgendwie war das immer mein Alptraum und etwas, was ich mir nie vorstellen konnte. Ein Elternteil zu verlieren. Ich wurde mit dieser Situation relativ früh in meinem Leben konfrontiert und ich muss sagen, ich war nicht bereit dafür. Es hat wirklich sehr lange gedauert, bis ich da einigermassen drüber hinweg gekommen bin.

Ostern 1995 war der Unfall meines Bruders und im September 1998 ist meine Mutter gestorben. Mich hat das beides durchgeschüttelt und ich glaube, ich hatte nach dem ersten Ereignis gar nicht genug Zeit, wieder richtig Boden unter den Füssen zu bekommen, als er mir erneut weg gezogen wurde. Ich wusste es damals nicht, aber jetzt denke ich, dass ich traumatisiert war. Ich hatte Angstzustände. Verlustängste. ich erinnere mich gut daran, wie ich jedesmal Panik hatte, wenn ich die Sirene der Ambulanz durchfahren hörte. Diese Angst, es sei meinem Bruder oder meinem Vater etwas passiert und die ging erst weg, wenn ich anrief und fragte, ob alles okay ist. Natürlich war immer alles okay, nur ich nicht, ich war gestört. (Mit der Zeit ging das dann aber wieder weg, unterdessen bin ich wieder ziemlich normal.) Ich hatte auch jahrelang Schuldgefühle, weil ich sie damals nicht aufgefordert habe, zu kämpfen, zu überleben und nicht aufzugeben… Sehr, sehr lange. Unterdessen nicht mehr. Es war alles richtig, so wie es war.
Mein Bruder konnte damit viel besser umgehen als mein Vater und ich, ich glaube, das hat mit seiner Hirnverletzung zu tun. Papa hat nicht viel darüber geredet, aber ich weiss, dass er es schwierig fand.

Neun Jahre später starb er ja dann auch an Krebs. Von dieser Begegnung mit dem Tod erzähle ich ein anderes Mal, es ist genug für heute. Als ich kurz nach seinem Tod die Wohnung räumte, waren all die Anziehsachen usw. von meiner Mama immer noch im Kleiderschrank und das tat mir damals so Leid. Ich glaube, er fand das alles viel schwieriger als ich wusste und ich hätte mehr für ihn da sein sollen, habe es aber nicht gemerkt und nicht gekonnt zu dieser Zeit.

Das alles ist 22 Jahre her und mir geht es sehr gut. Ich vermisse meine Mutter an manchen Tagen oder in manchen Situation noch, aber nicht mehr so oft und nicht mehr so schmerzlich wie am Anfang. Aber seit ich selber Mutter bin und halt seitdem ich alleinerziehend bin. Ich hätte es meinem Kind so gegönnt, Grosseltern zu haben und meinen Eltern, mein Kind zu kennen, weil es so ein tolles ist.
Aber im grossen und ganzen habe ich mich längst daran gewöhnt, dass sie nicht mehr da sind. Ich muss ehrlich gestehen, dass die Erinnerungen an meine Mutter langsam verblassen. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie sie jetzt wäre, 22 Jahre älter…

Und so heilt die Zeit vielleicht doch ein wenig die Wunden, wenn wir sie nur lassen…







Sie wären ja sowieso gestorben…

Zwei Monate Corona und es fällt schwer, weiterhin durchzuhalten. Es geht uns allen so, ich weiss. Ich tu’s trotzdem. Durchhalten. Ich bin froh, dass die Zahlen der Neuinfizierten momentan nicht mehr hoch sind und mir wäre es recht, wenn sie nicht nochmal drastisch ansteigen würden. Ich vermisse vieles, denn ich bin ein Mensch, der nicht soooo einfach auf soziale Kontakte verzichten will. Mach ich aber. Natürlich. Für alleinstehende bzw alleinlebende Menschen bedeutet dies, dass man jetzt seit mehr als 8 Wochen keinen so gut wie keinen direkten Kontakt zu andern erwachsenen Menschen hatte. Mir fehlt das sehr. Die Aktivitäten, auf die wir momentan ebenfalls alle verzichten, fehlen mir nicht.

Mich ärgern am ganzen Corona-Zeugs momentan eigentlich die Reaktionen bzw Aussagen von einigen, die ich null nachvollziehen kann. Und ich bin tatsächlich ein Mensch, der vieles versteht und vieles nachvollziehbar findet, auch wenn’s nicht meine Meinung ist.

Heute habe ich zB gelesen „Ich glaube nicht an Corona“. Also was? Was bedeutet das? Ich glaube nicht an Corona? Glaubt man da auch nicht an Ohrenschmerzen oder den Noro-Virus? Denkt man, Dinge an die man nicht glaubt, existieren nicht? Wie praktisch! Wenn man also nicht an Krebs glaubt, ist man safe. An all die psychischen Krankheiten muss man auch nicht zwangsläufig glauben, denn sie sind eh nicht immer klar ersichtlich.

Oder meinte diese Person, Corona werde nur vorgetäuscht? Da gibt es ja dann so einige zum Teil sehr interessante (bescheuerte, durchgedrehte, psychotische, gestörte, extrem fantasievolle) Geschichten und ich möchte behaupten, jemand mit einem gesunden Menschenverstand und ohne Wahnvorstellungen weiss, dass das alles Kacke ist.

Nach wie vor ist auch die Meinung, Corona sei nicht so schlimm und es würden daran viel weniger Menschen sterben als an einer Grippe, weit verbreitet.

Heute hat mir eine Frau in einer dieses Thema betreffende Facebook-Diskussion geschrieben, dass diese Menschen ja sowieso gestorben wären. Diese Aussage finde ich noch dümmer als andere. Und sehr pietätlos. Ich habe darauf geantwortet, dass man das dann ja auch bei Krebs- oder Unfalltoten sagen kann. Oder bei Suiziden, bei Totgeburten und eigentlich grad immer, wenn jemand stirbt. Denn jeder wird sterben. Irgendwann… Haupsache, es sterben andere. Fremde. Dann kann uns das getrost egal sein? Sie bejahte diese Aussage.

Ich finde auch, wenn jemand 95 ist, dann wird er vermutlich nicht noch weitere zehn Jahre leben. Und dennoch hat er ein Recht auf seine restliche Lebenszeit, es ist nicht egal, wenn er morgen an Corona stirbt. Es ist nie egal. Eigentlich war ich immer der Meinung, dass ein Menschenleben so ziemlich das wertvollste sei, das es gibt, oder? Mir hat jetzt eben noch eine geschrieben, dass dass die „natürliche Selektion“ sei. Die Schwachen nimmts. (Siehe Bild unten)

Da frage ich mich, in welcher Phase der moralischen Entwicklung solche Menschen stecken geblieben sind… Da gehört wohl dann auch die Meinung mit hinein, dass zB behinderte Menschen, die ja irgendwie zu unseren Schwächsten gehören, auch keine Berechtigung zum Leben haben? Und wir ist es mit Aborten? Und Kranken? Ist ja egal, wenn die jetzt an Corona erkranken und evtl sterben, natürliche Selektion. HAUPTSACHE, ES TRIFFT NICHT MICH. Gehts noch dümmer und taktloser? Was ist da falsch gelaufen in der Erziehung? In der Vermittlung von Werten? So ziemlich alles, oder?

Leute, ganz ehrlich. Personen mit einem solchen Menschenbild machen diese Welt zu einer schlechten. Das ist meine Meinung. Genau so ein Mensch hat vor 90 Jahren mal Deutschland angeführt. Ein menschenhassendes Arschloch, dem Menschenleben nichts wert waren. So einer regiert momentan die USA. Ich würde nicht sagen, dass er menschenhassend ist, aber ganz bestimmt ist er gleichgültig ihnen gegenüber. IHM gehts ja gut.

Diese Gleichgültigkeit und diese Abwertung von Menschen… Ich finde das nicht nur unschön, sondern auch erschreckend. Und dann wundert man sich, warum die Welt ist, wie sie ist!

In Clubs gehen, ausgehen, sich seiner Freiheiten nicht berauben lassen wollen, auf Kosten der „Schwächsten“… Ich rege mich über so etwas wirklich sehr auf. Vielleicht weil ich weiss, wie Verluste sich anfühlen, vielleicht aber auch einfach, weil ich kein Misanthrop bin.

  • Diese Facebook-Unterhaltung von heute… Ich habe betr. „natürliche Selektion“ dieser Dame geantwortet, dass also ihrer Meinung nach zB behinderte Menschen auch keine Daseins-Berechtigung hätten usw. Ihre Antwort, siehe Foto (ich werde es unten übersetzen). Danach habe ich nicht mehr zurück geschrieben…:
  • Übersetzung: Klar ist ein Menschenleben wertvoll, aber wenn eine Krankheit kursiert, nimmts halt immer zuerst die Schwachen. 🤷🏼‍♀️ Und nur, weil jemand behindert ist, heisst es nicht, dass er zu den Schwachen gehört oder zu denen, die sterben müssen, aber mit unserem Gesundheitssystem, wo die Leute immer älter werden, braucht es irgendwie auch einen natürlichen „Feind“, der die Population in Zaun (sie meint Zaum) hält… weil erschiessen wie bei den Tieren darf man sie ja nicht und auch wenn man dürfte, würde ich zuerst die Dummen holen. (Also sich selbst…)

    Ich weiss auch nicht, was ich da noch sagen soll… Aber mit dieser Einstellung wird das nichts mit einer besseren Welt und ich hoffe von Herzen, dass diese Frau zu einer winzig kleinen Minderheit gehört.

    Lichter

    Heute ist ein grauer Tag im November. Ende November schon bald. Manche mögen sagen, dass der November so ist. Nur so. Ich würde mal behaupten, dass der November der Montag unter den Monaten ist. Eigentlich nicht ganz zurecht, wie ich finde. Wir hatten dieses Jahr extrem viele heisse Tage und wirklich viel Sonne. Auch im Oktober und November. Sooooo schlecht war es bis jetzt wirklich nicht.

    Und trotzdem ist es abends früh dunkel. Ich kann es schon verstehen, dass es Menschen gibt, die das nicht mögen. Wenn es draussen dunkel ist, ist man irgendwie von der Umwelt abgeschnitten, so kommt es einem jedenfalls fast vor. Vorhänge werden zugezogen, damit nicht jeder hinein sieht und schon ist man allein in seinen vier Wänden.
    Ich finde das nicht schlimm. Eigentlich ganz im Gegenteil. Ich mache es uns gemütlich. Mit Licht zum Beispiel, egal ob elektrisch oder Kerzenlicht. Oder mit beidem. Ich mag das auch ganz gern, muss ich sagen. Aber ich bin auch nicht allein und mir geht es gut. Vielleicht ist es das, was den Unterschied macht.

    Und doch bin auch ich in dieser Zeit nachdenklicher. Ich denke mehr nach und das tu ich auch sonst schon ziemlich viel. Das ist ja nichts negatives. Aber ich denke da schon auch öfter an Dinge, die mich traurig machen. Über meine Verluste zum Beispiel.
    Am 13. November ist der Todestag von meinem Paps. Es war vor 12 Jahren, als er am 13. November meinen Anruf nicht beantwortete und ich intuitiv wusste, dass er nicht mehr lebt. So habe ich ihn dann tot in seinem Bett gefunden. Erlöst vom Speiseröhrenkrebs. Für mich zu früh und zu plötzlich.
    Ich habe schon ein paar Mal davon geschrieben, ich werde mich nicht wiederholen. Und trotzdem. Wenn ich an meinen Vater denke, denke ich natürlich im gleichen Atemzug auch an meine Mama. Sie ist schon so lange tot, dass ich mich kaum an sie erinnern kann. 21 Jahre. Unterdessen wäre sie eine ältere Frau, die Grossmutter meines Kindes. Ich kann mir das nicht vorstellen, wie das wäre. Wie sie 21 Jahre älter wäre, wie sie aussehen würde und all das. Es ist zu lange her. Und vielleicht ist auch all das tief in meinem Herzen irgendwo versteckt, denn ich wollte dass Gras drüber wächst und ich weiterleben kann, ohne dass die Trauer und die Fragen über den Sinn des Todes mich zu sehr beschäftigen würden.

    Verluste sind ja nicht nur Todesfälle. Es gibt auch viele andere und ich habe keinen Bock darauf jetzt einzugehen. Im November hört man langsam auf, nachgewachsenes Gras zu mähen. Der Winter wird kommen und wird eine dicke Schneeschicht drauf legen und das ist gut so.

    Für mich war in diesem Jahr der Tod meines Meerschweinchens ein grosser Verlust, so lächerlich es klingen mag, nachdem ich vom Tod meiner Eltern erzählt habe, nachdem meine Ehe letztes Jahr bachab gegangen ist. Das sind Schicksalsschläge, die ich verarbeitet habe. Ich bin jedesmal durch tiefe Krisen gegangen, war mir jedesmal nicht sicher, ob und wie ich es überstehen soll.
    Aber ich habe. Und ich habe all das hinter mich gelassen. Mehr oder weniger jedenfalls. Natürlich ist all das immer wieder mal ein Thema. Ich denke nach wie vor recht viel an meine Eltern und ich vermisse beide ziemlich oft, besonders auch seit dem ich mit dem Kind nun allein bin. Und dann meine Ehe nicht funktioniert hat, darüber bin ich vermutlich noch nicht hinweg. Ich habe mich vom Mann gelöst und alles einigermassen verarbeitet. Aber verstehen tu ich nicht. Und dass ich das Konstruktion „Familie“ und damit ganz viel Sicherheit, auf verschiedenen Ebenen, verloren habe, das tut mir immer noch weh. Das vermisse ich immer noch. Aber so einfach ist es dann doch auch nicht. Ich möchte es zurück. Und doch nicht. Nicht mit diesem Mann. Und mit einem anderen Mann kann ich es mir auch nicht vorstellen. Und aus diesem Grund wird es wohl gut sein, so wie es ist.

    Und eben dieses Meerschweinchen. Luna.
    Man möge mich jetzt auslachen, aber sie war mir eine wichtige Begleiterin in der Trennungszeit. In einer Zeit, in der ich gefühlt alles was ich hatte, verloren habe. Ich kann es mir auch nicht erklären, aber Luna hat mich gespürt. Ihr Fell hat meine Tränen aufgesogen und sie hat mir ganz viel zurück gegeben. Vor allen Dingen wohl Wärme und das Gefühl, mit meinen Tränen nicht allein zu sein.
    Diesen Frühling ist sie dann gestorben, das war ganz schrecklich für mich.

    Das Kind und ich haben für Luna eine Blume auf dem Balkon und ein bunt bemaltes Glas, in dem jeden Abend ein Licht für Luna und für all die andern im Himmel brennt. Für die, die durch die Dunkelheit hindurch sehen sollen, wo wir sind, damit sie wissen dass wir sie nicht vergessen haben.

     

    Luna ❤