
Habt ihr schon einmal vom Confirmation Bias gehört? Vielleicht ist euch der Begriff schon irgendwo begegnet, vielleicht habt ihr aber auch noch nie davon gehört. Dabei begegnet uns dieses psychologische Phänomen praktisch täglich und wir alle sind davon betroffen. Auch diejenigen unter uns, die überzeugt sind, besonders kritisch zu denken.
Aber beginnen wir von vorne. Was bedeutet Confirmation Bias überhaupt?
Der englische Begriff Confirmation Bias bedeutet auf Deutsch Bestätigungsfehler. Er beschreibt eine menschliche Denkneigung, bei der wir Informationen bevorzugt wahrnehmen, suchen oder so interpretieren, dass sie unsere bereits vorhandenen Überzeugungen bestätigen.
Das klingt vielleicht etwas kompliziert, ist aber eigentlich ganz einfach.
Stellt euch vor, jemand ist überzeugt, dass der Vollmond einen Einfluss auf das Verhalten der Menschen hat. Bei Vollmond seien die Menschen unruhiger, aggressiver oder würden schlechter schlafen.
Nun erlebt diese Person in einer Vollmondnacht tatsächlich etwas ähnliches. Vielleicht schläft sie schlecht, beobachtet einen heftigen Streit oder ihr fällt das aggressive Autofahren anderer Verkehrsteilnehmer:innen auf. Sofort denkt sie: «Siehst du! Ich habe es doch gewusst!»
Die vielen Vollmondnächte, in denen überhaupt nichts Besonderes passiert ist, geraten hingegen in Vergessenheit.
Genau das ist der Confirmation Bias.
Wir nehmen besonders gerne das wahr, was zu dem passt, was wir ohnehin schon glauben. Unser Gehirn liebt es, recht zu haben, was eigentlich ziemlich menschlich ist.
Unser Gehirn muss täglich eine unglaubliche Menge an Informationen verarbeiten. Um dabei nicht völlig überfordert zu werden, greift es auf Erfahrungen, Überzeugungen und bereits vorhandenes Wissen zurück. Das ist grundsätzlich sinnvoll. Wir könnten unseren Alltag kaum bewältigen, wenn wir jede einzelne Information immer wieder vollständig neu überprüfen müssten.
Schwierig wird es allerdings dann, wenn wir unsere bisherigen Überzeugungen kaum noch hinterfragen, denn unser Gehirn sucht nicht automatisch nach der Wahrheit. Oft bevorzugt es Informationen, die zu unserem bisherigen Weltbild passen. Das kann dazu führen, dass wir uns unserer Meinung immer sicherer werden, obwohl wir möglicherweise falsch liegen.
Ein Beispiel aus dem Alltag: Stellt euch vor, ihr habt eine Arbeitskollegin, die ihr für unfreundlich haltet. Eines Morgens grüsst sie euch nicht. Sofort denkt ihr: «Typisch! Sie ist wirklich unfreundlich.»
Dass sie euch gestern freundlich angelächelt oder letzte Woche bei einer schwierigen Aufgabe geholfen hat, spielt in diesem Moment kaum eine Rolle, denn euer Denkmuster hat sich mit eurer heutigen Wahrnehmung bestätigt.
Vielleicht hat sie euch heute Morgen schlicht nicht gesehen oder irgendetwas beschäftigt sie. Vielleicht war sie in Gedanken ganz woanders. Aber weil ihr bereits überzeugt seid, dass sie unfreundlich ist, interpretiert ihr ihr Verhalten entsprechend.
Natürlich funktioniert das auch umgekehrt. Wenn wir einen Menschen besonders sympathisch finden, neigen wir möglicherweise dazu, sein Verhalten wohlwollender zu interpretieren.
Wir sehen also nicht immer nur das, was tatsächlich passiert. Wir sehen vor allem ganz oft das, was wir erwarten.
Besonders interessant wird dieses Phänomen im Zusammenhang mit Verschwörungstheorien.
Nehmen wir beispielsweise die sogenannten Chemtrails, von welchen ich gerade vor ein paar Tagen geschrieben habe. Manche Menschen sind davon überzeugt, dass die weissen Streifen hinter Flugzeugen keine gewöhnlichen Kondensstreifen sind, sondern absichtlich versprühte Chemikalien. Wenn sie nun am Himmel mehrere solcher Streifen entdecken, sehen sie darin einen Beweis für ihre Überzeugung.
Wissenschaftliche Erklärungen über Kondensation, Luftfeuchtigkeit und Temperatur werden hingegen möglicherweise angezweifelt oder als Teil einer angeblichen Vertuschung betrachtet. Je mehr Informationen sie finden, die ihre Meinung scheinbar bestätigen, desto stärker kann ihre Überzeugung werden. Dabei spielt es oft keine Rolle, ob diese Informationen tatsächlich zuverlässig sind.
Besonders problematisch wird es, wenn sogar Gegenbeweise als Bestätigung der eigenen Theorie interpretiert werden. Dann wird es nämlich beinahe unmöglich, die eigene Überzeugung noch zu hinterfragen.
Ich finde, gerade in unserer heutigen Zeit ist es unglaublich wichtig, sich mit dem Confirmation Bias auseinanderzusetzen, denn soziale Medien können diesen Denkfehler zusätzlich verstärken.
Wenn wir uns beispielsweise häufig Videos zu einem bestimmten Thema anschauen, erhalten wir von den Algorithmen oft immer mehr ähnliche Inhalte vorgeschlagen.
Wer sich regelmässig mit einer bestimmten politischen Meinung, einer Verschwörungstheorie oder einer gesellschaftlichen Überzeugung beschäftigt, kann dadurch zunehmend mit Informationen konfrontiert werden, die genau diese Sichtweise unterstützen. Irgendwann entsteht möglicherweise der Eindruck, dass sehr viele Menschen derselben Meinung sind, dass es kaum Gegenargumente gibt oder dass die eigene Überzeugung längst bewiesen sei. Dabei bewegen wir uns möglicherweise einfach in einer sogenannten Filterblase.
Das Gefährliche daran ist, dass wir diese Blase oft gar nicht bemerken.
Ich habe mich gefragt, ob das nur leichtgläubige Menschen betrifft. Es ist ganz und gar nicht so und genau das finde ich an diesem Thema so spannend. Der Confirmation Bias hat nichts damit zu tun, ob jemand intelligent oder weniger intelligent ist. Auch gut ausgebildete, wissenschaftlich interessierte und kritisch denkende Menschen können diesem Denkfehler unterliegen.
Vielleicht sogar gerade dann, wenn sie besonders überzeugt davon sind, dass sie selbst nicht darauf hereinfallen, denn niemand von uns betrachtet die Welt vollkommen objektiv. Wir alle haben Erfahrungen gemacht, Meinungen entwickelt und Überzeugungen aufgebaut. Und natürlich möchten wir gerne glauben, dass unsere Sicht auf die Dinge richtig ist. Es ist schliesslich nicht besonders angenehm, feststellen zu müssen, dass man sich geirrt hat.
Ich nehme mich da übrigens überhaupt nicht aus. Auch ich habe meine Überzeugungen. Auch ich habe Themen, bei denen ich ziemlich sicher bin, dass ich richtig liege. Genau deshalb finde ich es wichtig, mich immer wieder zu fragen, ob ich vielleicht etwas übersehe und mich gut und möglichst objektiv zu informieren.
Den Confirmation Bias vollständig auszuschalten, ist kaum möglich. Schliesslich handelt es sich um eine ganz normale menschliche Denkneigung. Aber wir können lernen, bewusster damit umzugehen.
Zum Beispiel, indem wir uns gelegentlich fragen:
● Warum bin ich eigentlich dieser Meinung?
● Woher habe ich meine Informationen?
● Sind meine Quellen zuverlässig?
● Gibt es auch Informationen, die meiner Überzeugung widersprechen?
● Was müsste passieren, damit ich meine Meinung ändere?
Gerade die letzte Frage finde ich besonders interessant, denn wenn wir darauf überhaupt keine Antwort finden, könnte das ein Hinweis darauf sein, dass wir an einer Überzeugung festhalten, unabhängig davon, welche Fakten uns begegnen.
Es bedeutet übrigens nicht, dass wir jede Meinung gleich ernst nehmen müssen. Nicht jede Behauptung ist gleich gut belegt. Und nicht jede wissenschaftlich widerlegte Theorie verdient es, immer wieder als gleichwertige Alternative präsentiert zu werden.
Kritisches Denken bedeutet nicht, grundsätzlich alles anzuzweifeln. Es bedeutet vielmehr, bereit zu sein, die eigenen Überzeugungen anhand zuverlässiger Informationen zu überprüfen und gegebenenfalls auch zu verändern.
Ich denke, wir sollten uns öfter einmal selbst widersprechen und unser Denken reflektieren. Ich finde, wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen sehr schnell eine Meinung haben und diese dann mit grosser Überzeugung vertreten. In Diskussionen geht es manchmal weniger darum, etwas dazuzulernen, sondern vielmehr darum, recht zu behalten.
Dabei ist es doch eigentlich etwas sehr Wertvolles, wenn wir unsere Meinung aufgrund neuer Erkenntnisse verändern können.
Das ist keine Schwäche. Im Gegenteil. Es zeigt, dass wir bereit sind, dazuzulernen und dies auch tun.
Deswegen sollten wir gelegentlich ganz bewusst nach Informationen suchen, die unserer eigenen Meinung widersprechen. Es geht dabei nicht darum, uns selbst zu verunsichern, sondern um herauszufinden, wie gut unsere Überzeugungen tatsächlich begründet sind. Denn nur weil wir etwas schon lange glauben, muss es noch lange nicht stimmen. Und nur, weil uns eine Information gefällt, ist sie nicht automatisch wahr.
Vermutlich beginnt wirklich kritisches Denken genau dort, wo wir bereit sind, nicht nur die Überzeugungen anderer Menschen, sondern auch unsere eigenen in Frage zu stellen.
Und jetzt würde mich interessieren:
Habt ihr euch selbst schon einmal dabei ertappt, dass ihr vor allem das wahrgenommen habt, was eure eigene Meinung bestätigt?
Vermutlich kennen wir alle solche Themen oder Momente. Aber sind wir uns dessen auch bewusst?


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