
Es ist ein Donnerstag im Oktober 1965. In einem Dorf im Luzerner Hinterland steht Theres am Küchenfenster und schaut hinaus. Über den Wiesen liegt noch etwas Nebel. Die Kirchenglocke hat gerade zwei Uhr geschlagen.
Theres ist 32 Jahre alt, verheiratet und Mutter von drei Kindern. Der älteste Sohn geht bereits zur Schule, die beiden jüngeren sind fünf und zwei Jahre alt.
Seit dem frühen Morgen ist sie auf den Beinen. Sie hat das Frühstück vorbereitet, die Kinder versorgt, Wäsche aufgehängt, gekocht und die Küche aufgeräumt. Nach dem Mittagessen hat sie den Kleinsten zum Schlafen hingelegt.Nun streicht sie ihre Schürze glatt und schaut auf die Uhr.
Heute Nachmittag findet die Zusammenkunft des katholischen Müttervereins statt.
Ihre Nachbarin Rosa hat versprochen, für zwei Stunden nach den Kindern zu sehen. Ihr Mann hat am Morgen noch gefragt, ob sie denn unbedingt gehen müsse, schliesslich gebe es zu Hause genug zu tun.
Theres hat nur geantwortet, dass sie bald wieder zurück sei. Sie freut sich auf diesen Nachmittag. Auf die anderen Frauen, auf die Gespräche und darauf, für eine kurze Zeit nicht nur Mutter und Hausfrau zu sein.
In vielen katholisch geprägten Gemeinden der Schweiz gab es damals eigene Frauen- und Müttervereine. Sie waren häufig eng mit der örtlichen Pfarrei verbunden und gehörten zum gesellschaftlichen Leben eines Dorfes.
Die Frauen trafen sich zu religiösen Feiern, Vorträgen, Versammlungen und gemeinsamen Unternehmungen. Sie organisierten Hilfsaktionen, unterstützten bedürftige Familien und engagierten sich für kranke oder ältere Menschen.
Dabei spielten die damals vorherrschenden Vorstellungen von Ehe, Mutterschaft und Familie eine wichtige Rolle. Eine gute katholische Mutter sollte gläubig sein, ihre Kinder im christlichen Glauben erziehen, ihrem Mann eine verlässliche Ehefrau sein und für ein ordentliches Zuhause sorgen.
Doch diese Vereine waren weit mehr als Orte, an denen traditionelle Werte vermittelt wurden. Sie boten Frauen auch die Möglichkeit, sich ausserhalb ihrer Familien zu begegnen, Freundschaften zu pflegen und eigene Aufgaben zu übernehmen. Manchmal die einzige Möglichkeit.
Gerade in ländlichen Gemeinden war das von grosser Bedeutung.
Als Theres das Pfarreiheim betritt, sind bereits einige Frauen da. Auf den Tischen stehen Kaffeetassen, eine grosse Kanne und Teller mit selbst gebackenem Kuchen.
Sie stellt den Apfelkuchen, den sie am Morgen gebacken hat, dazu und setzt sich neben Lisbeth, eine ehemalige Schulfreundin, die ebenfalls gekommen ist.
Eine ältere Frau aus dem Vorstand begrüsst die Anwesenden. Nach einem gemeinsamen Gebet berichtet sie von einer geplanten Sammlung für bedürftige Familien.
Anschliessend spricht eine eingeladene Referentin über die christliche Erziehung der Kinder. Sie erzählt von Geduld, von der Bedeutung des Familienlebens und davon, wie wichtig die Mutter für das Wohl ihrer Kinder sei.
Theres hört aufmerksam zu. Vieles davon findet sie richtig. Sie möchte ihren Kindern eine gute Mutter sein. Sie möchte ihnen Geborgenheit geben, ihnen zuhören und sie zu anständigen Menschen erziehen.
Als die Referentin davon spricht, dass eine Mutter ihre eigenen Wünsche hinter die Bedürfnisse der Familie stellen solle, schweifen ihre Gedanken ab.
Wann hat sie eigentlich das letzte Mal etwas nur für sich getan? Sie kann sich nicht erinnern. Neben ihr sitzt Lisbeth und nickt zustimmend.
Theres sagt nichts.
In der katholisch geprägten Schweiz der 1950er- und 1960er-Jahre galt die Familie als wichtiger Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens. Die Rollen waren häufig klar verteilt. Der Mann war für das Einkommen zuständig, die Frau für Haushalt, Kinder und das familiäre Wohlbefinden.
Dieses Familienmodell wurde nicht ausschliesslich von der Kirche vertreten. Es entsprach auch weitverbreiteten gesellschaftlichen Vorstellungen.
Von einer guten Mutter wurde erwartet, dass sie geduldig, fürsorglich, bescheiden und möglichst selbstlos war.
Die Arbeit, die Frauen täglich leisteten, war enorm. Sie kochten, putzten, wuschen, erzogen die Kinder, pflegten Angehörige und halfen nicht selten zusätzlich im landwirtschaftlichen Betrieb oder im Familiengeschäft mit. Trotzdem wurde diese Arbeit oft als selbstverständliche weibliche Aufgabe betrachtet und keineswegs als Arbeit.
Auch die katholischen Müttervereine bewegten sich innerhalb dieser gesellschaftlichen Vorstellungen. Religiöse Vorträge und Veranstaltungen konnten traditionelle Rollenbilder festigen. Gleichzeitig eröffneten die Vereine den Frauen aber auch Möglichkeiten, die ihnen im übrigen Alltag häufig fehlten.
Nach dem Vortrag wird Kaffee ausgeschenkt. Theres unterhält sich mit einer jüngeren Frau, die erst vor wenigen Monaten ins Dorf gezogen ist. Sie heisst Ursula, hat zwei kleine Kinder und erzählt, dass sie vor ihrer Heirat in einem Büro gearbeitet habe.
«Manchmal vermisse ich die Arbeit schon» sagt sie.
Theres schaut sie überrascht an. «Wirklich?»
Ursula nickt. «Nicht immer. Aber manchmal wäre es schön, wieder etwas anderes zu machen.»
Theres überlegt. Sie selbst hat vor ihrer Heirat in einer Bäckerei gearbeitet. Sie mochte ihre Arbeit. Besonders die Gespräche mit den Kundinnen und die Kolleginnen fehlen ihr tatsächlich manchmal. Aber darüber hat sie schon lange nicht mehr nachgedacht.
«Ich bin ja gerne Mutter» sagt Ursula rasch, beinahe entschuldigend.
«Ich auch» antwortet Theres.
Dann müssen beide lachen.
Es ist ein kleines Gespräch, kaum der Rede wert und doch nimmt Theres diesen Gedanken still mit nach Hause… Dass man seine Kinder liebt und trotzdem etwas vermisst im Leben…
Was Theres nicht weiss: In der Schweiz verändert sich gerade einiges…
Der Schweizerische Katholische Frauenbund war bereits 1912 gegründet worden. Anfangs konzentrierte sich die Organisation vor allem auf religiöse, soziale und erzieherische Aufgaben. Doch im Laufe der Jahrzehnte begannen sich katholische Frauen zunehmend auch mit gesellschaftlichen und politischen Fragen auseinanderzusetzen.
1958 sprach sich der Frauenbund offiziell für das Frauenstimmrecht aus. Das war bemerkenswert, denn innerhalb der katholischen Kirche und der Schweizer Gesellschaft gab es weiterhin erhebliche Widerstände gegen die politische Gleichberechtigung der Frauen.
1959 lehnten die stimmberechtigten Schweizer Männer das Frauenstimmrecht auf Bundesebene deutlich ab.
Als Theres 1965 ihren Mütterverein besucht, darf sie deshalb bei eidgenössischen Abstimmungen noch immer nicht mitentscheiden. Sie darf Kinder erziehen, einen Haushalt führen, sich ehrenamtlich engagieren und Verantwortung für andere Menschen übernehmen, aber auf Bundesebene hat sie keine politische Stimme. Erst 1971 wird sich das ändern.
Auch innerhalb der katholischen Frauenorganisationen bestanden unterschiedliche Vorstellungen davon, welche Rolle Frauen in der Gesellschaft einnehmen sollten. Während manche an traditionellen Familienbildern festhielten, wollten andere mehr Mitsprache, Bildung und Selbstständigkeit.
Die katholischen Frauenvereine waren deshalb nicht nur Orte der Bewahrung, sondern teilweise auch Orte des gesellschaftlichen Wandels.
Als Theres nach Hause kommt, ist der Kleinste bereits wach. Lisbeth hat ihm etwas zu trinken gegeben und sitzt mit ihm am Küchentisch. Die beiden älteren Kinder sind draussen am Spielen.
Theres bedankt sich bei ihrer Nachbarin und zieht die Jacke aus.
Auf dem Küchentisch steht noch das Geschirr vom Nachmittag. Im Wäschekorb liegt die trockene Wäsche, die zusammengelegt werden muss.
Bald wird ihr Mann nach Hause kommen. Dann sollte das Abendessen bereit sein.
Theres bindet sich die Schürze um. Sie denkt an den Vortrag, an die Worte über die gute Mutter und an Ursula, die manchmal ihre frühere Arbeit vermisst.
Vielleicht wird sie beim nächsten Treffen fragen, ob sie bei der Organisation einer Veranstaltung mithelfen darf. Sie ist mit ihrem Leben nicht unzufrieden, aber sie hat gemerkt, wie gut es tut, auch einmal etwas anderes zu sein als die Frau, die zu Hause für alles sorgt.
Sie nimmt den Wäschekorb und setzt sich ans Fenster. Draussen laufen die Kinder lachend über den Hof. Theres schaut ihnen einen Moment lang zu. Sie liebt ihre Familie. Aber vielleicht, denkt sie, darf eine gute Mutter auch eigene Wünsche haben.
Und heute?
Viele der damaligen katholischen Frauen- und Müttervereine bestehen bis heute, wenn auch teilweise unter anderen Namen und mit veränderten Aufgaben.
Aus Vereinen, die ursprünglich stark von religiösen Vorstellungen und traditionellen Familienbildern geprägt waren, sind vielerorts offene Frauengemeinschaften geworden. Sie organisieren Veranstaltungen, engagieren sich sozial, bieten Begegnungsmöglichkeiten und setzen sich für die Interessen von Frauen ein.
Der Schweizerische Katholische Frauenbund, der 1912 in Luzern gegründet wurde, trägt seit 2025 den Namen Frauenbund Schweiz.
Die Geschichte dieser Organisationen zeigt, wie widersprüchlich gesellschaftliche Entwicklungen sein können.
Frauen, von denen erwartet wurde, dass sie sich vor allem um ihre Familien kümmerten, fanden gerade in diesen Vereinen Möglichkeiten, sich zu organisieren, Verantwortung zu übernehmen und ihre Interessen zu vertreten.
Ich glaube, das ist eine wichtige Erkenntniss: Nicht jede Frau, die sich innerhalb traditioneller Strukturen bewegte, war mit allem einverstanden. Und nicht jede Frau, die sich für Veränderungen einsetzte, stellte deshalb ihren Glauben oder ihre Familie infrage.
Veränderungen beginnen meistens ganz unspektakulär. Mit einem Nachmittag unter Frauen, einer Tasse Kaffee und einem Gespräch, das einen noch lange beschäftigte, inspiriert und Gedanken auslöst…


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