Ich möchte euch Danuta Danielsson vorstellen

—


Vielleicht habt ihr dieses Foto schon einmal gesehen. Eine Frau im Rock, die Handtasche hoch erhoben, mitten auf einer Strasse. Vor ihr ein kahl rasierter junger Mann. Und im nächsten Augenblick trifft ihre Handtasche seinen Kopf.

Ein einziges Foto, ein Sekundenbruchteil und eines der berühmtesten Bilder Schwedens. Die Frau auf diesem Foto hiess Danuta Danielsson. Wenn man ihre Geschichte kennt, bekommt dieses Bild noch einmal eine ganz andere Bedeutung.

Danuta wurde 1947 in Polen geboren. Später zog sie nach Schweden und lebte in Växjö. Ihre Mutter war während des Zweiten Weltkriegs von den Nationalsozialisten in einem Konzentrationslager inhaftiert worden. Lange wurde behauptet, es sei Auschwitz oder Majdanek gewesen. Neuere Recherchen zeigen allerdings, dass sich das konkrete Lager nicht zweifelsfrei belegen lässt. Dass ihre Mutter unter der nationalsozialistischen Verfolgung gelitten hatte, gilt dagegen als gut belegt. 

Am 13. April 1985 war Danuta mit ihrem Sohn in der Innenstadt von Växjö unterwegs. Nach seinen späteren Erinnerungen wollten die beiden eigentlich nur Gemüse auf dem Markt kaufen. Doch an diesem Tag marschierten dort Mitglieder der rechtsextremen Nordiska rikspartiet, einer neonazistischen Partei.

Und dann geschah dieser eine Moment. Danuta trat aus der Menge heraus, hob ihre Handtasche und schlug damit einem der vorbeimarschierenden Neonazis auf den Kopf.

Der schwedische Fotograf Hans Runesson drückte genau in diesem Augenblick auf den Auslöser. Das Foto ging um die Welt. Es wurde zum schwedischen Pressefoto des Jahres 1985 und später sogar zu einem der bedeutendsten schwedischen Pressebilder des 20. Jahrhunderts. Danuta wurde zur „Tanten med väskan“ – zur Frau oder Tante mit der Handtasche. 

Danuta war damals gerade einmal 38 Jahre alt. Keine alte Dame und auch keine politische Aktivistin, die an diesem Tag losgezogen war, um ein Zeichen zu setzen. Nach Aussage ihres Sohnes waren die beiden eher zufällig in diese Situation geraten. Ausgerechnet diese Frau wurde für viele Menschen zu einem Symbol des Widerstands gegen Neonazismus. 

Und übrigens: Auch der Mann, den ihre Handtasche traf, war nicht einfach irgendein zufälliger Jugendlicher, der irgendwie in einen rechtsextremen Aufmarsch geraten war. Er gehörte der rechtsextremen Szene an und wurde später wegen eines schweren Gewaltverbrechens verurteilt. 

Eine ganz normale Frau gegen den Nationalsozialismus… Danuta selbst wollte diese Heldengeschichte offenbar überhaupt nicht. Sie mochte das Foto nicht. Sie wollte nicht darüber sprechen und nicht in den Medien auftreten. Ihr Sohn erzählte Jahrzehnte später, seine Mutter habe sich mit diesem Bild überhaupt nicht identifizieren können. Er wehrte sich deshalb später auch dagegen, dass sie zu einer politischen Symbolfigur gemacht wurde. 

Das finde ich fast genauso interessant wie das Foto selbst, denn ein Mensch ist eben immer mehr als der berühmteste Augenblick seines Lebens. Und hinter der kämpferischen Frau mit der Handtasche stand offenbar ein sehr verletzlicher Mensch.

Danuta hatte psychische Probleme und musste zeitweise behandelt werden. Nur wenige Jahre nach der dieser Aufnahme, 1988, nahm sie sich das Leben. Sie wurde nur 41 Jahre alt…

Jahrzehnte nach ihrem Tod sollte Danuta dann sogar als Statue verewigt werden. Die schwedische Künstlerin Susanna Arwin schuf nach dem berühmten Foto eine Skulptur der Frau mit der Handtasche. In Växjö wurde darüber gestritten, ob sie im öffentlichen Raum aufgestellt werden sollte. Danutas Sohn sprach sich dagegen aus. Er wollte nicht, dass seine Mutter für politische Zwecke zu einem Symbol gemacht wurde. Auch der Fotograf Hans Runesson äusserte später Bedenken. 

Die Statue wurde in Växjö schliesslich nicht so aufgestellt wie ursprünglich geplant. Doch Danutas Bild verschwand deshalb nicht. Im Gegenteil.

Noch Jahrzehnte später taucht es immer wieder auf. In Büchern, Zeitungen, sozialen Medien, auf Plakaten und bei Diskussionen über Rechtsextremismus. 2020 wurde auch die nach ihr geschaffene Skulptur international wieder viral. 

Und jetzt, mehr als 40 Jahre nach diesem 13. April 1985, begegnet mir Danuta Danielsson sogar morgens beim Scrollen durch Facebook…

Hinterlasse einen Kommentar

● About Me

Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.