
Wie bitte? Brumotactillophobia??
Brumotactillophobia bezeichnet die starke Abneigung oder Angst davor, dass verschiedene Lebensmittel auf einem Teller einander berühren.
Die Kartoffeln dürfen neben dem Gemüse liegen.
Das Fleisch darf neben den Kartoffeln liegen.
Der Salat darf auch noch irgendwo seinen Platz bekommen.
Aber wehe, die Salatsauce läuft zu den Kartoffeln oder die Erbsen landen in der Sauce. Oder – noch schlimmer – irgendeine Flüssigkeit bahnt sich ihren Weg quer über den Teller und verbindet plötzlich Dinge miteinander, die nach Ansicht des betroffenen Menschen nun wirklich überhaupt nichts miteinander zu tun haben sollten.
Für manche Menschen ist das einfach eine Vorliebe. Sie mögen ihr Essen ordentlich getrennt und finden es vielleicht ein bisschen eklig, wenn alles ineinanderläuft.
Bei anderen geht es aber deutlich weiter. Wenn sich zwei Lebensmittel berührt haben, können sie den betreffenden Teil nicht mehr essen. Manche empfinden starken Ekel, andere Unruhe oder Angst. Bei sehr ausgeprägter Abneigung kann es sogar passieren, dass jemand eine Mahlzeit überhaupt nicht mehr weiteressen möchte oder kann, sobald beispielsweise eine Sauce an das „falsche“ Lebensmittel gelangt oder die Kartoffeln das Fleisch berühren.
Und jetzt kommen wir zu diesem wunderbaren Wort.
Brumotactillophobia.
Eigentlich soll es ungefähr bedeuten: Angst davor, dass Lebensmittel sich berühren. Nur gibt es dabei ein kleines Problem. Das Wort ist sprachlich vermutlich ziemlich zusammengebastelt worden.
Der Bestandteil -phobia stammt aus dem Griechischen phóbos und bedeutet Angst oder Furcht. Das kennen wir ja bereits, zumindest wenn du hier immer mal wieder mitliest.
Der mittlere Teil tactill- beziehungsweise tact- hat mit Berührung zu tun und geht auf das Lateinische zurück.
Und brumo-? Genau da wird es interessant. Offenbar wollte derjenige, der dieses Wort irgendwann erfunden hat, einen griechischen Wortstamm für Nahrung verwenden. Richtig wäre dafür eher broma- beziehungsweise bromato- gewesen.
Bruma bedeutet im Lateinischen nämlich etwas völlig anderes: Winter. Wenn man Brumotactillophobia also ganz streng nach seinen tatsächlichen Wortbestandteilen übersetzen würde, käme dabei eher etwas ziemlich Absurdes wie die „Angst vor der Berührung des Winters“ heraus.
Wer dieses Wort ursprünglich geprägt hat, lässt sich offenbar nicht zuverlässig feststellen. Es ist jedenfalls kein klassischer medizinischer Fachbegriff, auch wenn er inzwischen im Internet und in Medien ziemlich verbreitet ist.
Und das ist auch wichtig: Brumotactillophobia ist keine offiziell anerkannte, eigenständige psychische Diagnose.
Man findet sie beispielsweise nicht als eigene Störung in den psychiatrischen Diagnosemanualen. Nur weil jemand sein Kartoffelpüree nicht mit den Erbsen vermischt haben möchte, hat dieser Mensch also noch lange keine psychische Erkrankung.
Trotzdem kann hinter einer sehr starken Abneigung durchaus etwas Reales stecken. Zum Beispiel eine besondere Empfindlichkeit gegenüber Konsistenzen, Gerüchen, Temperaturen oder Geschmackskombinationen. Denn wenn zwei Lebensmittel miteinander in Kontakt kommen, verändert sich möglicherweise plötzlich etwas. Knusprig wird weich, trocken wird feucht, etwas Warmes trifft auf etwas Kaltes. Eine Sauce verändert den Geschmack eines Lebensmittels. Und aus zwei Dingen, die einzeln völlig in Ordnung sind, entsteht plötzlich eine Konsistenz oder Geschmackskombination, die ein Mensch als ausgesprochen unangenehm empfinden kann.
Solche sensorischen Besonderheiten können beispielsweise bei autistischen Menschen vorkommen. Sie kommen aber selbstverständlich auch bei Menschen ohne Autismus vor. Bei Kindern gibt es. häufig eine Phase, in der Lebensmittel möglichst fein säuberlich voneinander getrennt werden sollen. Deshalb gibt es ja sogar Teller mit verschiedenen Abteilungen, eigentlich kleine Schutzwälle für Kartoffeln, Erbsen und Chicken Nuggets.
Spannend finde ich vor allem den Unterschied zwischen„Ich mag es nicht, wenn mein Essen sich berührt.“und „Ich kann es nicht mehr essen, wenn es sich berührt hat.“
Das Erste ist eine Vorliebe. Beim Zweiten kann die Abneigung so stark sein, dass sie das Essen und manchmal sogar gemeinsame Mahlzeiten ausser Haus erschwert. Entscheidend ist also weniger, ob jemand seine Lebensmittel trennt, sondern wie gross der Leidensdruck und die Einschränkung dadurch sind.
Und wieder habe ich ein Wort entdeckt, von dem ich vorher nicht einmal wusste, dass es existiert. Ein unglaublich kompliziertes Wort für eine eigentlich sehr einfache Vorstellung: Du bleibst auf deiner Seite des Tellers und du auf deiner. Und die Sauce? Die bleibt bitte genau dort, wo sie hingehört.
E Guete!


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