Bros before Hoes… — das sagen sie doch?

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Ja, ich weiss… der Titel. Aber er passt ja irgendwie schon.
Und ja, das ist ein langer Text. Ich habe lange daran geschrieben und immer wieder darüber nachgedacht, ihn doch wieder zu löschen und nicht zu veröffentlichen.
Es ist ein grosses Thema und eigentlich sind es verschiedene Themen, die man aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten könnte… pädagogisch, psychologisch, gesellschaftskritisch, geschichtlich, politisch…
Das hier sind einfach meine Gedanken dazu. Sie sind nicht vollständig, denn ich könnte zu verschiedenen Gedanken noch weiter herumdenken und schreiben, aber es ist irgendwie unendlich.

Mir ist in den letzten Tagen sehr bewusst geworden, dass ich noch viel mehr mit meiner Tochter über sexuelle Gewalt sprechen muss. Mir ist bewusst geworden, dass es für mich nicht okay ist, dass ich das in dem Mass tun muss, in dem ich es tun muss.
Mir ist auch bewusst geworden, dass es ganz schwierig ist, einem Mädchen all dies zu erklären und sie sozusagen Vorsicht zu lehren und trotzdem ein einigermassen positives Männerbild zu vermitteln… Wie macht man das? Wie sagt man ihr, dass in einer Schachtel von 24 Pralinen „nur“ 4 vergiftet sind, man aber nicht weiss welche. Aber die anderen sind richtig toll, du musst keine Angst haben, enjoy…. ?
Mir ist bewusst geworden, dass diese Themen viel, viel präsenter sind, als ich dachte. Und versteht mich nicht falsch, mir war schon vorher bewusst, dass diese präsent sind. Dass wohl (fast) jede Frau über Erfahrungen erzählen kann oder könnte, wenn sie sich traut. Denn auch das ist mir bewusst geworden. Es braucht viel, viel Mut, darüber zu sprechen, weil man da wohl eher als Opfer einen Shitstorm, Zweifel, „selber schuld“ abbekommt, als der Täter. Ausserdem geht es dabei um sexuelle Handlungen, massivste Übergriffe in die Intimsphäre einer Frau. Weit, weit über all ihre Grenzen hinaus. Darüber zu sprechen ist sehr schambehaftet.

Ich habe über eine Ausstellung gelesen, in der die Kleidung von Opfern sexueller Gewalt ausgestellt wurde. „Das habe ich getragen…“. Das waren ganz normale Outfits… Jeans, Blusen, Röcke und Kleider, kurze, lange, Sportkleidung, bis zu Pijamas und Windeln….

Was soll man da noch sagen? Es macht also keinen Unterschied, was frau (oder Kind) trägt… Es geht nicht darum… DAS war nur immer und immer wieder eine Erklärung, eine Entschuldigung, womit Täter geschützt wurden und es ja ehrlich gesagt immer noch werden. Zu oft jedenfalls.

Ich wollte über diese absolut schreckliche Mehrfach-Vergewaltigung im Haus einer Studentenverbindung schreiben. Bzw nicht darüber, aber einfach auch über dieses Thema. Ich finde es sehr schwierig, Worte zu finden. Worte, die passend sind… Worte, die beinhalten, was ich darüber sagen möchte. Schwierig.
In einem Gruppenchat luden junge Männer ihre Kumpels einer Studentenverbindung zu einer Gruppenvergewaltigung ein, nachdem sie die betroffene junge Frau offenbar betäubt hatten. Sieben davon nahmen daran teil. Die anderen 50 Männer im Gruppenchat haben nicht interveniert, nicht eingegriffen, nicht geholfen… Die Frau wurde stundenlang vergewaltigt.
Ich muss nicht noch mehr darüber schreiben, ich denke wir haben es alle gelesen.

In den letzten Monaten, Jahren haben wir immer mal wieder von solchen Fällen gehört. Von Männern, die ihre Ehefrauen, Freundinnen oder Mitstudentinnen sediert haben und sie mit anderen, manchmal unzählig vielen Männern missbraucht und vergewaltigt haben.
Wir alle kennen den Fall Gisele Pelicot. Sie hat von diesen Missbräuchen lange selbst nicht gewusst, da sie ja sediert war. Sie hat es von der Polizei erfahren. Ihr Mann wurde in einem Supermarkt dabei erwischt, wie er mit seinem Handy unter die Röcke von Frauen filmte. Die Frauen erstatteten Anzeige und die Polizei beschlagnahmte unter anderen seine Handys und später auch Computer, Speicherkarten usw.
Bei der Auswertung dieser stiessen die Ermittler auf Skype-Nachrichte, in denen er darüber schrieb, wie er seine Frau mit Medikamenten betäubte. Dann fanden sie auf seinen Datenträgern TAUSENDE Fotos und Videos, auf denen Gisele bewusstlos zu sehen war, während er und zahlreiche andere Männer sie sexuell missbrauchten.

Es ist ja ganz sicher nicht so, dass das etwas Neues ist. Neu daran ist, dass es an die Öffentlichkeit kommt. Neu ist, dass es Menschen gibt, die Frauen zuhören und sie ernst nehmen, wenn sie von solchen Ereignissen erzählen. Und nicht so neu ist es, dass es immer noch ganz, ganz viele gibt, die „aber nicht alle Männer“ sagen, Frauen für ihr Outfit blamen oder sagen, sie hätten halt nicht dorthin gehen sollen, nicht trinken sollen oder irgendwas… Auch nicht neu ist es, dass es ganz, ganz viele gibt, die diesen Frauen nicht glauben, sagen, sie hätten es erfunden.

Neu ist es auch nicht, dass Frauen Gewalt in den meisten Fällen zuhause von sehr nahestehenden Männern angetan wird.

Tatsache ist, dass das was wir hören, nur die Spitze des Eisberges ist, denn solche Gruppen- oder Einzeltäter betreiben wohl viel Aufwand, um nicht an die Öffentlichkeit zu kommen. Also wieviele solche Gruppen gibt es? Wieviele Männer gibt es, die sowas tun oder tun würden, wenn sie die Gelegenheit dazu hätten und die Sicherheit, dass niemand etwas erfahren würden und sie ungestraft davonkommen würden?

Ich vestehe daran vieles nicht….

Ich verstehe nicht, warum es offenbar doch recht viele Männer gibt, die es anmacht, Sex mit einer bewusstlosen Frau zu haben — denn so wird es manchmal beschrieben. Aber nein, das stimmt so überhaupt nicht. Sex MIT jemandem ist ja so, dass beide bei Bewusstsein sind und zustimmen bzw. all das, was getan wird, wollen. Wenn dies nicht der Fall ist, ist es Vergewaltigung und wenn jemandem Substanzen verabreicht werden, weiss ich nicht, wie man das noch zusätzlich nennt. Vergewaltigung plus Körperverletzung? Mutmassliche Gefährdung?
Es geht dabei ja wohl in den allerseltensten Fällen tatsächlich um Sex. Vielleicht ein recht perverser Fetisch so wie Sex mit Tieren oder Toten oder was auch immer. Kann sein. Aber ich habe gerade gestern gelesen — und das scheint mir sehr nachvollziehbar — dass es gerade bei so Massenvergewaltigungen vor allem darum geht, Macht zu demonstrieren. Und zwar nicht gegenüber dem Opfer, sondern gegenüber der anderen Männer, mit denen diese Vergewaltigung geteilt wird. Ansehen, Macht steigern und seine Position in dieser Gruppe stärken.
Ich kann diese Erklärung nachvollziehen, auch wenn ich sie äusserst krank finde, wie ja alles daran krank ist.

Ich verstehe nicht, warum in solchen Gruppen keiner reagiert und sagt „wtf is wrong with you?!“. Gruppendruck, gegenseitiges Schützen, Angst vor Ausschluss oder warum ist das so? Vermutlich, weil man nur in so einer Gruppe ist, wenn man vergewaltigen WILL? Und aus oben genannten Gründen.
Es gibt doch den Spruch „Bros before Hoes“… Tja… genau das ist wohl gemeint damit.

Ich verstehe nicht, warum so oft gesagt wird, es sei Männerhass, wenn man solche Themen aufgreift, wenn man sie thematisiert, darüber sprechen will und wenn man sagt, dass sowas nicht okay ist, wenn man sich wehrt.
Ich verspüre während dem Schreiben immer wieder den Drang zu schreiben „dass ich wirklich keine Männerhasserin bin“, aber ich will und muss das nicht schreiben. Dass ich kriminelles Verhalten, das über Jahrhunderte / Jahrtausende hinweg normal und okay war, hinterfrage und kritisiere, DAS ist normal. Mit Männerhass hat das nichts tu tun.
Wohl eher dann mit Frauenhass einer patriarchalen Gesellschaft.

Aber weiter…

Ich verstehe es nicht, wenn man in diesem Zusammenhang oft von „minderjährigen Frauen“ spricht. Wird da nicht einfach nur schön-geredet, dass es statt um Sex mit einer minderjährigen Frau eigentlich um Sex mit einem Kind / einer Jugendlichen handelt, weil das natürlich nicht okay wäre? Frau klingt da natürlich viel erwachsener und okayer… Auch dies ist ein grosses Thema. Sex mit Personen, die leicht manipulierbar, abhängig sind… Ich gehe darauf jetzt nicht ein, wollte dies nur noch erwähnt haben.

Ich verstehe nicht, warum geesagt wird „aber nicht alle Männer“, obwohl nie jemand behauptet hat, es seien ALLE. Und ich verstehe auch nicht, warum immer noch so viele Männer sich angegriffen fühlen davon und dass nach wie vor so wenige Männer sich positionieren, sich distanzieren von solchen missbräuchlichen Handlungen, von solchem Verhalten.
Gruppendruck, gegenseitiges Schützen, Angst vor Ausschluss oder warum ist das so? Oder ist es, weil ihr sowas eigentlich nicht soooo verwerflich oder schlimm findet? Genau aus diesem Grund ist es wichtig, darüber zu sprechen und es ist tatsächlich auch wichtig, eine Meinung zu haben.

Ich verstehe nicht, dass Männer ausblenden, dass es sie etwas angeht, denn es betrifft ihre Mutter, Frau, Freundin, ihre Tochter, Arbeitskollegin, Nachbarin…
Es betrifft auch Jungs, ja. Seltener als Mädchen, aber dennoch sind auch dies viele.
Jungs sind wohl öfter potentielle Täter als potentielle Opfer. Beides ist schlimm.
Wir leben in einer Welt, in der wir unsere Töchter lehren, vorsichtig zu sein. IMMER ihren Drink im Auge zu halten, zuzudecken, nicht zu vertrauen, einen Selbstverteidigungskurs zu machen, Radlerhosen unter dem Kleid zu tragen… usw.
Lehren wir doch lieber auch die Jungs ein anderes Verhalten, was sicher schon ganz viele tun. Aber lehren wir sie doch bitte auch, dass solche Taten Konsequenzen haben.

Ganz ehrlich gesagt, glaube ich, dass es ganz, ganz viele Männer gibt, die sexuelle Gewalt nie machen würden und sie verurteilen. Ganz sicher. Ich hoffe, dass das die Mehrheit der Männer ist.
Diese Männer sollten das sagen. Viel, viel mehr als sie es bereits tun. Es ist wichtig, nicht still zu sein. Sie sollten mithelfen, ein anderes Männerbild zu normalisieren.

Ich glaube auch, dass es ganz viele Männer gibt, denen das alles egal ist, weil es sie nicht direkt persönlich betrifft. Deswegen sagen sie nichts. Wie ich oben geschrieben habe, sie sollten mithelfen, ein anderes Männerbild zu normalisieren. Wichtig.

Ich weiss, dass das nicht immer einfach ist, denn man macht sich unbeliebt. Aber weisst du, bei wem man sich unbeliebt macht? Bei Menschen, die solches Verhalten befürworten. Für gutheissen. Also, bei Tätern.
Aber ja, es kann sein, dass man sich distanzieren muss von einem Freund, einem Nachbarn oder von wem auch immer. Oder dass dieser sich distanziert, weil man unangenehm ist. Aber weisst du was? Du bist nicht unangenehmer als er, ganz sicher nicht.
Aber ja, es kann sein, dass man Freunde verliert so. Man hat Angst, das Arschloch zu sein, wenn man unangenehme Dinge anspricht, Grenzen setzt. Das ist aber eigentlich ja Blödsinn, denn wer ist da wohl das Arschloch?
Trotzdem schwierig, ich weiss. Aber tatsächlich schwieriger, als sexuelle Gewalt inaktiv zu unterstützen? Nö, eigentlich nicht, oder, wenn man es sich so überlegt?

Es gibt Männer, die sexuelle Übergriffe nicht verurteilen. Sie normal finden. Vielleicht nicht unbedingt Vergewaltigung, aber anfassen, Worte, unter den Rock filmen usw.
Und ich glaube, es gibt Männer, die sexuelle Übergriffe machen aus Unbedachtheit und weil es früher auch okay war, der Serviererin auf den Arsch zu hauen, sie auf den Schoss zu ziehen, die Freundin zum Sex zu zwingen, wenn sie keine Lust hatte oder die Nachbarin im Lift zu betatschen und sie als zickig zu bezeichnen, wenn sie sich wehrte…
Es war schon damals nicht okay, aber das hat nur niemand ausgesprochen.
Und ganz, ganz sicher gibt es offensichtlich viele Männer, die sexuelle Gewalt bewusst ausüben. All diese Täter nämlich.
Aus Versehen tut das nämlich ganz sicher keiner.

Sexuelle Gewalt wird ja eigentlich noch bis heute irgendwie oft schöngeredet bzw entschuldigt und verharmlost, oder? Betrunkenheit scheint ja immer noch einiges zu entschuldigen (ausser bei Frauen, da sind sie dann selber schuld, wenn etwas passiert, weil sie ja betrunken war) oder Männer sind halt so triebgesteuert und können das nicht so kontrollieren.
Boys will be Boys…
Ja, das ist Blödsinn.

Ich glaube, irgendwann vor hunderten, tausenden von Jahren haben sich die Männer einfach genommen, was sie wollten und weil Männer an der Macht bzw Frauen dermassen untergeordnet. waren und Männer das okay fanden so, war es unmöglich, sich gross dagegen zu wehren. Und blieb es, wie es ist.
Frauen sind ja auch so erzogen worden, es war halt einfach normal. Frauen waren ja auch in der Vergangenheit abhängig von Männern, wurden von ihnen abhängig gemacht, genau aus diesen Gründen. Durften nicht in die Schule, durften nicht arbeiten, durften politisch nicht aktiv sein…

Das mit dem Wehren ist ja sowieso ein Thema für sich. Es gibt auch heute noch Menschen, die sagen, dass das Opfer für das, was ihm oder ihr angetan wurde, eine Mitschuld trägt. Dass es Gründe gibt, dass man ein Opfer wird.
Das ist aber nicht so. Niemand hat das Recht, jemandem etwas anzutun, egal wie unsicher, schüchtern oder still diese Person ist und egal, wie kurz ihr Rock ist…

Vieles ist ja bis heute noch nicht so ganz anders, wenn man ehrlich ist. Mädchen wurden immer dazu erzogen, um zu gefallen. Männern vor allem. Angepasst und hübsch zu sein, zu dienen.
Man sollte meinen, es wäre jetzt anders. Aber ist es das tatsächlich?
Warum werden Frauenkörper nach wie vor mehr denn je kommentiert und sexualisiert, oft von Männern, die jenseits jeden Schönheitsideals dahinwursteln?
Warum denken sie, dass das okay ist?
Warum ist Kleidung von Kindern ganz anders geschnitten für Mädchen als für Jungs? Knappere Shorts, bauchfreie, enge Tops, schon für ganz Kleine? Oder Kleidung von Sportlerinnen und Sportlern, wo es doch eigentlich nicht darum geht, die Figur zu betonen und möglichst viel zu zeigen, sondern um die sportliche Leistung?
Warum ist es wichtiger, dass eine weibliche Person sich wehren kann und vorsichtig ist, statt dass ethische und moralische Haltungen überdacht, diskutiert und gelehrt werden sowie Gesetze angepasst und auch angewendet werden, um eine Gesellschaft zu bilden, in der sexuelle Gewalt möglichst verhindert werden kann?

Ich finde diese Themen wichtig. Für Frauen UND für Männer. Für eine Gemeinschaft, in alle sicher und ohne Angst leben können.

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● About Me

Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.