Die Riesen des Kilimandscharo

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Es gibt so viele Orte auf unserer Erde, bei deren Anblick man für einen Moment glaubt, in einer anderen Zeit gelandet zu sein. Die Hänge des Kilimandscharo in Tansania gehören da zB dazu.

Zwischen Nebel, Felsen und niedriger Vegetation stehen dort gewaltige, eigenartig geformte Pflanzen. Dicke, dunkle Stämme ragen mehrere Meter in die Höhe, an ihren Enden sitzen grosse grüne Blattrosetten. Manche verzweigen sich wie riesige Kerzenständer. Sie wirken ein bisschen wie Palmen, ein bisschen wie Bäume – und sehr nach einer Welt, in der jeden Moment ein Dinosaurier zwischen ihnen auftauchen könnte.

In sozialen Medien wird diese Landschaft deshalb gerne als „prehistoric forest“ – prähistorischer Wald – am Kilimandscharo bezeichnet.
Doch ganz so stimmt das nicht. Die wahre Geschichte dieser Pflanzen finde ich mindestens genauso faszinierend.

Der Kilimandscharo ist mit 5’895 Metern der höchste Berg Afrikas und erhebt sich beinahe alleine aus der ostafrikanischen Landschaft. Wer ihn besteigt, durchquert dabei verschiedene Klimazonen: von den bewirtschafteten unteren Hängen über tropischen Bergwald, Heide- und Moorlandschaften bis zur alpinen Wüste und schliesslich in die eisige Gipfelregion. 
In den höheren Regionen begegnet man einer Pflanzenwelt, die es in dieser Form nur auf den hohen Bergen Ostafrikas gibt.

Und mittendrin stehen diese seltsamen Riesen. Sie heissen Dendrosenecio kilimanjari, auf Englisch werden sie meist Giant Groundsels genannt. Die Art ist am Kilimandscharo heimisch und einzelne Pflanzen können tatsächlich bis zu zehn Meter hoch werden. Ihre Stämme können einen Durchmesser von rund 40 Zentimetern erreichen. 

Das Überraschendste ist aber ihre Verwandtschaft, denn diese vermeintlichen Urzeitbäume gehören zu den Korbblütlern – den Asteraceae. Damit gehören sie zur selben riesigen Pflanzenfamilie wie Sonnenblumen, Löwenzahn, Margeriten und Gänseblümchen. Ein zehn Meter hohes Gänseblümchen ist botanisch natürlich etwas sehr vereinfacht ausgedrückt, aber der Gedanke gefällt mir trotzdem.

Mich hat es interessiert, warum diese Pflanzen so unglaublich aussehen und ich habe gelesen, dass es ist, weil sie an einem Ort leben, der ihnen einiges abverlangt.
In den afroalpinen Regionen nahe dem Äquator gibt es nicht unsere ausgeprägten Jahreszeiten. Stattdessen können die Temperaturunterschiede innerhalb eines einzigen Tages enorm sein.
Die Bedingungen werden in der Forschung wunderbar treffend beschrieben als:
„Winter every night and summer every day.“

Winter in jeder Nacht und Sommer an jedem Tag. 

Tagsüber wärmt die intensive äquatoriale Sonne die Pflanzen. Nach Sonnenuntergang können die Temperaturen dagegen rasch unter den Gefrierpunkt sinken. Und am nächsten Morgen beginnt das Ganze von vorne. Tag für Tag, Jahr für Jahr.

Dendrosenecio hat dafür erstaunliche Überlebensstrategien entwickelt. Die grossen Blattrosetten können sich nachts zusammenlegen und dadurch die empfindlichen Wachstumsknospen im Inneren schützen. Die Pflanzen speichern ausserdem viel Wasser in ihrem Gewebe, wodurch Temperaturschwankungen abgepuffert werden können. 

Und dann ist da etwas, das auf den Fotos besonders auffällt. Wenn man die Pflanzen betrachtet, sehen ihre Stämme beinahe aus, als wären sie mit einem dicken dunklen Fell überzogen. Das sind alte Blätter.
Dendrosenecio wirft abgestorbene Blätter nämlich nicht einfach vollständig ab. Sie bleiben am Stamm hängen und bilden mit der Zeit eine dichte Schicht um ihn herum. Diese Hülle hilft der Pflanze bei der Isolation gegen die Kälte. Gerade bei den Formen in besonders grosser Höhe ist diese Schicht stark ausgeprägt. 
Was auf den ersten Blick etwas ungepflegt aussieht, ist also Teil einer ziemlich genialen Anpassung. Die Pflanze trägt ihre eigene Winterjacke.

Noch etwas macht diese Pflanzenwelt besonders. Die hohen Berge Ostafrikas – Kilimandscharo, Mount Kenya, Ruwenzori, Mount Elgon und einige weitere – werden von Forschenden gerne als „Sky Islands“, also Himmelsinseln, bezeichnet. Denn die kühlen alpinen Lebensräume liegen wie Inseln hoch über einem Meer aus tropischer Savanne und anderen tiefer gelegenen Landschaften. Eine Pflanze, die an das Leben auf 4’000 Metern angepasst ist, kann nicht einfach gemütlich zum nächsten Berg weiterwachsen.
Dazwischen liegen hunderte Kilometer ungeeigneter Lebensraum.

Trotzdem finden sich auf verschiedenen ostafrikanischen Bergen verwandte Dendrosenecio-Arten. Untersuchungen ihrer Gene deuten darauf hin, dass ihre heutige Vielfalt vergleichsweise jung ist und sich die Pflanzen nach der Besiedlung verschiedener Berge erstaunlich rasch an unterschiedliche Höhen und Lebensräume angepasst haben. Wahrscheinlich spielten dabei auch seltene Ferntransporte von Samen durch starke Winde eine Rolle. 

Auf dem Kilimandscharo selbst wachsen heute sogar unterschiedliche Dendrosenecio-Formen in verschiedenen Höhenbereichen. Dendrosenecio kilimanjari ist dabei tatsächlich auf diesen Berg beschränkt. 
Das macht den Kilimandscharo nicht nur zu einem Berg. Er ist gewissermassen eine eigene kleine Welt.

Ihn aber als prähistorisch zu bezeichnen, ist nicht richtig, zumindest nicht in dem Sinn, den die spektakulären Bilder im Internet gerne vermitteln. Es handelt sich nicht um einen Wald, der seit der Zeit der Dinosaurier unverändert am Kilimandscharo steht.

Die heutige Forschung deutet sogar darauf hin, dass die noch existierenden Dendrosenecio-Arten eine relativ junge evolutionäre Auffächerung darstellen. Eine viel zitierte Hypothese geht davon aus, dass diese Entwicklung innerhalb der letzten etwa eine Million Jahre stattfand; neuere genetische Untersuchungen bestätigen zumindest das Bild einer relativ jungen und raschen Diversifizierung. 

Die Dinosaurier waren da schon ungefähr 65 Millionen Jahre verschwunden. Ihr prähistorisches Aussehen täuscht uns also. Und trotzdem finde ich diese Pflanzen mega interessant, denn sie sind keine Überbleibsel aus einer längst vergangenen Welt. Sie sind das Ergebnis von Evolution.
Über viele Generationen haben Pflanzen Wege gefunden, an einem Ort zu überleben, an dem sie tagsüber intensive Sonne und nachts Frost ertragen müssen. Sie entwickelten riesige Rosetten, dicke Stämme, Wasserspeicher und einen Mantel aus ihren eigenen abgestorbenen Blättern.
Und dabei entstand zufällig etwas, das für unsere Augen aussieht, als hätte jemand eine Landschaft aus der Kreidezeit wieder auferstehen lassen…

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Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.