Was ist eigentlich Megalophobie?


Angel of the North im Nordosten von England (Bild aus dem Internet, Guardian)

Stell dir vor, du stehst in einem Hafen. Direkt vor dir erhebt sich die Wand eines riesigen Containerschiffs. Du musst den Kopf weit nach hinten legen, um überhaupt bis nach oben sehen zu können. Und plötzlich wird dir bewusst, wie unglaublich klein du im Vergleich zu diesem Koloss bist…

Oder du stehst direkt unter einem Windrad, neben einer gigantischen Statue, vor einer riesigen Staumauer und statt einfach nur beeindruckt zu sein, passiert etwas anderes: Dein Herz beginnt schneller zu schlagen, du bekommst ein sehr beklemmendes Gefühl, vielleicht wird dir schwindelig oder schlecht. Alles in dir möchte Abstand gewinnen, einfach weg von diesem Ort…

Dafür gibt es tatsächlich einen Begriff: Megalophobie.
Das Wort stammt aus dem Griechischen. „Mégas“ bedeutet „gross“ und „phóbos“ bedeutet „Furcht“ oder „Angst“.
Megalophobie bedeutet also ganz einfach: die Angst vor sehr grossen Dingen.
Dabei geht es nicht um eine bestimmte Art von Gegenstand. Entscheidend ist vielmehr dessen enorme Grösse.

Menschen mit Megalophobie können beispielsweise Angst oder starkes Unbehagen bei riesigen Schiffen, Hochhäusern, Flugzeugen, Statuen, Brücken, Windrädern, Staudämmen oder grossen Maschinen empfinden. Auch gewaltige natürliche Dinge können eine solche Reaktion auslösen, beispielsweise riesige Felsformationen oder sehr grosse Tiere.

Natürlich bedeutet es noch lange nicht, dass man eine Phobie hat, nur weil einem beim Anblick eines riesigen Containerschiffs etwas mulmig wird. Ich glaube sogar, dass viele von uns dieses Gefühl zumindest ein bisschen kennen, ist ja auch begreiflich.
Man steht vor etwas Gewaltigem und begreift plötzlich die Dimensionen. Dieses Ding ist hundertmal oder noch viel grösser als man selbst.
Das kann gleichzeitig faszinierend und unheimlich sein.

Bei einer echten Phobie geht die Reaktion jedoch deutlich darüber hinaus. Die Angst kann unaushaltbar gross sein und starke körperliche Symptome auslösen: Herzklopfen, Zittern, Schweissausbrüche, Atemnot, Schwindel, Übelkeit oder einen starken Drang, die Situation möglichst schnell zu verlassen.
Manche Betroffene vermeiden entsprechende Orte oder Situationen deshalb ganz.

Was ich an dieser Phobie besonders interessant finde, ist die Frage, was genau daran eigentlich Angst macht.

Ist es wirklich nur die Grösse oder ist es dieses Gefühl, plötzlich selbst winzig und vollkommen unbedeutend zu sein? Vielleicht auch der Gedanke daran, dass man etwas gegenübersteht, das man weder überblicken noch kontrollieren könnte.
Ein riesiges Schiff beispielsweise ist an sich ja nicht gefährlich, wenn man sicher am Hafen steht. Trotzdem kann allein der Anblick dieses gigantischen Rumpfes aus nächster Nähe bei manchen Menschen eine sehr starke körperliche Reaktion hervorrufen.
Ähnlich kann es bei einer riesigen Statue sein. Auf einem Foto wirkt sie vielleicht beeindruckend. Steht man jedoch direkt vor ihr und muss den Kopf weit in den Nacken legen, um ihr Gesicht überhaupt sehen zu können, fühlt sich dieselbe Statue plötzlich vollkommen anders an.

Unser Gehirn reagiert nämlich nicht nur darauf, was wir sehen, sondern auch darauf, wie wir uns selbst im Verhältnis dazu wahrnehmen.
Extreme Grössenverhältnisse können dieses Gefühl ordentlich durcheinanderbringen.

Besonders unheimlich finden einige Menschen noch die folgende Kombination: riesige Dinge unter Wasser. Ein gewaltiger Schiffspropeller unter der Wasseroberfläche, ein versunkenes Flugzeug oder ein Schiffswrack, das langsam aus dem dunklen Wasser auftaucht.
Dafür wird häufig noch ein anderer Begriff verwendet: Submechanophobie. Damit wird die Angst vor menschengemachten Objekten bezeichnet, die sich ganz oder teilweise unter Wasser befinden. Wenn diese Dinge dann auch noch riesig sind, treffen gewissermassen zwei ziemlich unheimliche Faktoren aufeinander.

Woher eine Megalophobie kommt, lässt sich nicht für jeden Menschen gleich erklären. Wie bei anderen spezifischen Phobien können verschiedene Faktoren eine Rolle spielen. Manchmal gibt es eine unangenehme Erfahrung in der Vergangenheit, manchmal entwickeln sich Ängste auch ohne ein einzelnes auslösendes Erlebnis. Veranlagung, Lernerfahrungen und die Art, wie unser Gehirn Gefahr bewertet, können ebenfalls beteiligt sein.

Genau wie andere ausgeprägte spezifische Ängste lässt sich auch diese behandeln, wenn sie einen Menschen im Alltag stark einschränkt. Häufig wird dabei mit einer Verhaltenstherapie und einer vorsichtigen, schrittweisen Annäherung an den Angstauslöser gearbeitet.

Ich finde es recht interessant, dass Megalophobie mit etwas spielt, das wir alle kennen: unserem Gefühl für die eigene Grösse. Wir bewegen uns jeden Tag durch eine Welt, deren Dimensionen für uns meistens ganz selbstverständlich sind. Eine Tür ist etwas grösser als wir, ein Auto ebenfalls. Ein Haus ist vielleicht zehn oder zwanzig Mal so hoch. Und dann stehen wir plötzlich vor etwas wirklich Gewaltigem.
Ich kann mich erinnern, dass es mir ähnlich ging, als ich am Fuss des Angels of the North stand und an ihm hinauf blickte. Ich hatte keine Angst, denn offensichtlich leide ich nicht unter Megalophobie, ich war aber schon sehr beeindruckt.

In solchen Situationen verändert sich irgendwie der Massstab unserer Welt, wir werden ganz, ganz klein. Für die einen ist genau das faszinierend, für andere ist es wunderschön und für Menschen mit Megalophobie kann es schlicht beängstigend sein.

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About Me

Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.