Schöne Worte – Liminal

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Es gibt Wörter, die beschreiben etwas, das wir alle kennen, für das wir aber bisher vielleicht keinen Namen hatten. Für genau diese interessiere ich mich ganz besonders, wie ihr wisst.
Liminal ist so ein Wort. Noch nie zuvor gehört und ich könnte mir vorstellen, den meisten von euch gehts genauso.

Liminal beschreibt einen Zustand des Dazwischenseins. Einen Übergang zwischen dem, was einmal war und dem, was noch kommen wird. Zwischen dem Menschen, der wir einmal waren und dem Menschen, zu dem wir gerade werden.

Das Wort stammt vom lateinischen limen, was so viel wie Schwelle bedeutet. Im Englischen bezeichnet liminal etwas, das sich an einer Grenze oder in einem Übergang befindet. Der dazugehörige Begriff Liminalität wird unter anderem in der Anthropologie und Psychologie verwendet, um solche Zwischenzustände zu beschreiben.

Ursprünglich wurde das Konzept vor allem im Zusammenhang mit Übergangsritualen untersucht. Der französische Ethnologe Arnold van Gennep beschrieb bereits 1909, wie Menschen bei wichtigen Veränderungen verschiedene Phasen durchlaufen. Zuerst lösen sie sich aus ihrem bisherigen Zustand, dann folgt eine Übergangsphase, bevor sie schliesslich in einer neuen Rolle ankommen. Der Anthropologe Victor Turner beschäftigte sich später ausführlich mit dieser Zwischenphase — der Liminalität.

Doch eigentlich müssen wir gar nicht so weit in die Wissenschaft eintauchen, um zu verstehen, was damit gemeint ist, denn wir kennen dieses Gefühl alle.

Wenn eine langjährige Beziehung zu Ende geht und wir plötzlich nicht mehr wissen, wer wir ohne diesen Menschen sind. Wenn die Kinder erwachsen werden und wir uns fragen, welche Rolle wir nun in ihrem Leben spielen. Wenn wir eine Arbeitsstelle verlassen, eine Krankheit durchstehen, einen geliebten Menschen verlieren oder uns nach vielen Jahren entscheiden, unser Leben zu verändern.
Es ist nicht immer ein grosses Ereignis. Manchmal merken wir einfach, dass etwas nicht mehr zu uns passt. Dass wir anders denken als früher, dass Dinge, die uns einmal wichtig waren, ihre Bedeutung verlieren oder dass wir plötzlich Wünsche haben, die wir uns früher nicht einmal eingestanden hätten.

Wir sind nicht mehr ganz die Person, die wir einmal waren, aber wir wissen auch noch nicht genau, wer wir werden. Genau das ist dieser liminale Zustand.

Ich finde diesen Gedanken sehr schön, denn wir Menschen möchten meistens wissen, wo wir stehen. Wir mögen meistens klare Verhältnisse, feste Rollen und ein Gefühl von Sicherheit. Wir möchten Antworten haben, Pläne machen und möglichst schnell wissen, wie es weitergeht.
Aber das Leben funktioniert nicht immer so. Manchmal befinden wir uns über Wochen, Monate oder sogar Jahre in einem solchen Zwischenraum. Das Alte trägt uns nicht mehr, und das Neue ist noch nicht da und das kann ganz schön anstrengend sein. Vielleicht fühlen wir uns unsicher, zweifeln an Entscheidungen, die wir getroffen haben oder vermissen sogar unser früheres Leben, obwohl wir genau wissen, dass wir nicht mehr dorthin zurück möchten oder können.

Ich glaube, da ist etwas, das wir uns viel öfter zugestehen sollten: Veränderung haben nicht immer sofort etwas Befreiendes oder Glückliches. Ein Neuanfang darf auch traurig und unsicher machen. Wir können etwas hinter uns lassen, ohne deshalb alles daran schlecht finden zu müssen. Wir können über ein Ende traurig sein und uns gleichzeitig auf den damit verbundenen Neuanfang freuen. Solche Situationen bergen ja eine Vielfalt an Gefühlen, weit mehr als nur Traurigkeit und Freude…

Manchmal denken wir an früher, an einfachere Zeiten oder einfach an damals, als wir noch unbeschwerter waren und trauern um eine frühere Version von uns selbst, obwohl wir uns gleichzeitig darüber freuen, was wir alles geschafft haben, wer wir geworden sind und darauf, was noch kommen könnte.

Was mir am Wort Liminal besonders gefällt, ist die Vorstellung einer Schwelle. Wir stehen in einer Türöffnung, hinter uns liegt ein vertrauter Raum. Wir kennen jede Ecke, jedes Geräusch, jeden Schatten. Vielleicht war es dort nicht immer schön. Vielleicht war es sogar eng und dunkel.
Aber es war vertraut, so wie es war.

Vor uns liegt ein anderer Raum. Wir können noch nicht alles erkennen. Vielleicht ist er heller, vielleicht grösser, vielleicht ganz anders, als wir ihn uns vorgestellt haben. Wir wissen noch nicht so recht, was uns dort alles erwarten und begegnen wird.

Wir stehen genau dazwischen. Noch nicht ganz draussen, noch nicht ganz drinnen. Es braucht nur einen kleinen Schritt zurück, um wieder im vertrauten Raum zu sein oder einen kleinen Schritt vorwärts, um den neuen Raum zu betreten.

Vielleicht brauchen wir einfach einen Moment, bevor wir weitergehen.
Ich denke, wir setzen uns oft selbst unter Druck, möglichst schnell irgendwo ankommen zu müssen. Wir möchten uns neu erfinden, stärker werden, mutiger sein, endlich wissen, was wir wollen. Und wir möchten das Richtige tun.
Aber vielleicht geschieht die wichtigste Veränderung gerade dann, wenn von aussen überhaupt nichts zu sehen ist. Wenn wir nachdenken, wenn wir zweifeln, wenn wir alte Überzeugungen hinterfragen. Wenn wir langsam lernen, Grenzen zu setzen und wenn wir beginnen, uns selbst anders zu betrachten.

Nicht jede Entwicklung ist sichtbar und nicht jede Veränderung braucht sofort einen Namen oder ein Ziel. Wir dürfen einfach unfertig sein. Und wenn ich mir diesen Gedanken ganz genau überlege, dann kann ich sagen, dass wir das immer sind und dass es genau richtig ist so.
Diesen Gedanken mag sehr, denn eigentlich sind wir doch unser ganzes Leben lang immer wieder im Wandel. Wir wachsen, verlieren, lernen, verändern unsere Meinung, verabschieden uns von Träumen und entdecken neue.
Wir werden nie endgültig fertig mit uns selbst und wir werden innerlich oder äusserlich oder in beidem immer irgendwie unterwegs sein. Das ist gar nichts Schlechtes, sondern der Sinn des Lebens. Oder etwa nicht?

Vielleicht bedeutet Liminal auch, dass wir nicht an der Person festhalten müssen, die wir einmal waren, nur weil andere uns so kennen. Wir dürfen uns verändern, wir dürfen uns selbst überraschen und vielleicht sollen wir das sogar. Ganz ohne Erklärungen.

Liminal — Ein Wort für das Dazwischen. Für den Moment, in dem das Alte nicht mehr passt und das Neue noch nicht ganz sichtbar ist. Für die Unsicherheit, aber auch für die Möglichkeiten, die darin liegen.
Und vielleicht auch eine kleine Erinnerung daran, dass wir nicht verloren sein müssen, nur weil wir gerade noch nicht angekommen sind. Manchmal stehen wir einfach auf einer Schwelle und das ist ein ganz normaler Teil des Lebens.

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● About Me

Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.