
Adronitis ist ein modernes, poetisches Wort. Es beschreibt die Frustration darüber, wie lange es dauert, einen Menschen wirklich kennenzulernen und den Wunsch, man könnte die oberflächlichen Gespräche überspringen und gleich dort beginnen, wo echte Nähe entsteht.
Anders als viele Wörter in dieser Reihe stammt Adronitis nicht aus dem Griechischen oder Lateinischen. Es wurde vom Schriftsteller John Koenig für sein Projekt The Dictionary of Obscure Sorrows erfunden. Er schuf neue Begriffe für Gefühle, die viele Menschen kennen, für die es aber bisher kein eigenes Wort gab. Ihr kennt das von anderen Texten auf diesem Blog bereits, vielleicht könnt ihr euch erinnern. Ich mag die Wortschöpfungen von John Koenig und widme mich immer wieder mal einem seiner Wort.
Ich finde, Adronitis beschreibt etwas sehr Menschliches und Nachvollziehbares. Wie oft begegnen wir jemandem und sprechen zuerst über das Wetter, den Beruf oder darüber, wo wir wohnen. Dieses Geplänkel an der Oberfläche… Diese seichten Tümpel, die man auf dem Weg zu mehr Tiefe und Verbundenheit überqueren muss… Dabei würden wir viel lieber wissen, was diesen Menschen wirklich bewegt und was ihn ausmacht. Wovor hat er Angst? Was sind seine Träume? Was liebt er? Was hat ihn geprägt? Was bringt ihn zum Lachen oder hält ihn nachts wach? Welche Ereignisse des Lebens haben ihn umgeworfen und wie hat er es geschafft, wieder aufzustehen und was hat das aus ihm gemacht? All das halt…
Es braucht Zeit, bis Vertrauen wächst. Zeit, bis Menschen ihre Masken langsam ablegen und sich so zeigen, wie sie wirklich sind. Genau das ist die Frustration, die Adronitis beschreibt: Dass wir manchmal spüren, ein Mensch könnte uns unglaublich wichtig werden – und wir trotzdem erst den langen Weg des Kennenlernens gehen müssen.
Und wie oft durchqueren wir Teile dieses oben genannten Tümpels, um zu merken, dass es total umsonst war und wir plötzlich wieder vor dem Nichts stehen?
Aber irgendwie liegt gerade darin auch etwas Schönes. Tiefe Verbindungen entstehen selten auf einen Schlag. Sie wachsen mit jedem Gespräch, jedem gemeinsamen Erlebnis und jedem kleinen Stück Vertrauen. Vielleicht würden sie ihren Wert verlieren, wenn wir sie einfach überspringen könnten.
Manche Menschen brauchen nur wenige Minuten, um uns neugierig zu machen. Doch ein Herz kennenzulernen dauert oft ein ganzes Leben lang…


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