
Louie war bereits ein paar Wochen bei Arja und der Menschenfamilie und wusste inzwischen schon ziemlich viel über sein neues Zuhause. Er wusste, wo das Heu lag und das war eigentlich das Wichtigste von allem. Aber nein, noch wichtiger war, dass er gemerkt hat, dass es sich lohnte, ganz besonders laut zu quieken, wenn irgendwo eine Tüte raschelte.
Und er hatte gelernt, dass Arja meistens ziemlich genau wusste, was sie tat.
Meistens jedenfalls.
Aber an diesem Morgen tat Arja etwas, das Louie überhaupt nicht verstand. Sie lief einfach hinaus, nach draussen.
Louie blieb stehen, zögerte. Vor ihm lag eine Welt, die viel zu gross war für so ein kleines Meerschweinchen. Alles war grün, überall bewegte sich etwas. Grashalme wippten im Wind, irgendwo zwitscherte ein Vogel, und über ihnen war kein Dach. Nur Himmel.
Louie machte einen Schritt zurück. Arja dagegen sass bereits ziemlich weit weg von ihm, mitten im Gras und kaute.
„Arja?“
Keine Antwort. Sie kaute weiter.
„ARJA?!!!“
Jetzt sah sie zu ihm. „Was?“
Louie blickte nach oben. „Da fehlt das Dach.“
Arja schaute ebenfalls nach oben. „Das ist der Himmel.“
Louie dachte kurz darüber nach. Dann entschied er, dass er den Himmel nicht besonders vertrauenswürdig fand.
„Der ist sehr gross.“
„Ja.“
„Kann der runterfallen?“
„Nein.“
Arja widmete sich wieder ihrem Grashalm.
Louie blieb noch eine Weile dort sitzen, wo die sichere Welt aufhörte und diese riesige neue begann. Er traute sich nicht recht raus, aber alleine und ohne Arja zu sein, das fühlte sich auch komisch an… So setzte er vorsichtig eine seiner schwarzen, kleinen Pfoten ins Gras. Es kitzelte. Sofort zog er sie wieder zurück.
Arja sah zu ihm. „Das war Gras.“
„Ich weiss.“ Natürlich wusste Louie das nicht.
Beim zweiten Versuch liess er die Pfote stehen. Dann kam die zweite dazu. Und irgendwann stand Louie tatsächlich draussen, mitten im Garten.
Ein Grashalm berührte seine Nase. Louie schnupperte daran.
Arja beobachtete ihn. „Den kann man essen.“
Louie biss hinein. Seine Augen wurden gross. Woooow!!! Man konnte den Garten essen! Warum hatte ihm das niemand früher gesagt? Plötzlich erschien ihm diese neue Welt schon wesentlich sympathischer. Louie probierte den nächsten Grashalm. Und noch einen. Und noch einen.
Da flatterte etwas Gelbes an ihm vorbei. Louie erstarrte.
„ARJA!“ quiekte er erschrocken.
Arja hob den Kopf. „Was denn jetzt schon wieder?“
„Da läuft etwas etwas vorbei, aber in der Luft!“
„Ein Schmetterling. Tiere mit Flügeln, die fliegen meistens.“
Louie schaute ihm nach, bis er hinter den Blumen verschwunden war. Ein Schmetterling…. Wie wunderschön und anmutig er aussah! Auch so etwas hatte er noch nie gesehen.
Später entdeckte er Gänseblümchen.
Einen Käfer.
Einen kleinen Stein, der überhaupt nichts Besonderes konnte, den Louie aber trotzdem ausführlich untersuchte.
Er hörte eine Biene summen und einen Vogel singen.
Er spürte zum ersten Mal den Wind in seinem Fell und die Sonne auf seinem Rücken.
Ein Blatt flatterte auf sein Köpfchen.
Und jedes Mal schaute er zu Arja. Sie kannte das alles. Für sie war ein Grashalm einfach ein Grashalm. Ein Schmetterling war ein Schmetterling und der Himmel war eben der Himmel.
Doch irgendwann hörte Arja auf zu fressen. Sie sah Louie zu, wie er mit der Nase zwischen den Gänseblümchen herumstöberte. Und plötzlich erinnerte sie sich daran, dass auch sie irgendwann einmal ein kleines Meerschweinchen war und zum ersten Mal Gras unter ihren Pfoten gespürt hatte. Vielleicht hatte sie damals auch ein bisschen Angst gehabt. Vielleicht hatte auch sie einmal nach oben geschaut und sich gefragt, warum dort kein Dach war. Sie erinnerte sich gut daran, wie damals Lotti, Jimmy und Tina ihr alles ganz genau und geduldig erklärten.
Arja lief zu Louie und setzte sich neben ihn. Louie rückte ein kleines bisschen näher.
„Arja?“
„Hm?“
„Morgen gehen wir wieder hierher, oder?“
Arja lächelte. „Bestimmt.“
Louie sah hinaus in den Garten. Heute hatte er Gras entdeckt. Den Himmel. Den Wind. Einen Schmetterling. Gänseblümchen. Einen Käfer. Und einen ziemlich langweiligen Stein.
So viele erste Male an einem einzigen Tag.
Und Louie dachte, dass die Welt vielleicht gar nicht so beängstigend war, wie sie manchmal aussah. Man musste sie nur Stück für Stück entdecken. Am besten hatte man dabei jemanden an seiner Seite, der sie schon ein bisschen kannte.
Vergnügt rannte er im ganzen Gehege herum, immer wieder an Arja vorbei. Immer wieder hüpfte er in die Höhe und quiekte voller Freude.
Arja musste lachen, als sie ihn so sah. Sie freute sich, dass er hier war…
ENDE.


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