
Mein Name ist Elsbeth.
Wir schreiben Juli 1518. Ich bin 28 Jahre alt und lebe in Strassburg, einer Stadt mit etwa 20.000 Einwohnern. Strassburg ist eine Stadt mit engen Gassen, hohen Häuser, Marktständen und Menschen, die von früh bis spät arbeiten.
Mein Leben ist nicht leicht, aber es ist mein Leben. Ich bin verheiratet und habe sieben Kinder geboren. Nicht alle durfte ich behalten. Das ist einfach so, sagen die Leute. Als ob dieser Satz irgendetwas leichter machen würde.
Zwei Kinder liegen auf dem kleinen Friedhof bei der Kirche. Hans, mein Erstgeborener, bekam als kleiner Junge in einem Winter hohes Fieber. Ich war gerade wieder schwanger. Wir beteten und hofften, doch er starb nach vier Tagen.
Anna starb wenige Tage nach ihrer Geburt.
Manchmal, wenn ich am Brunnen Wasser hole, denke ich an sie. Nicht lange, denn das kann ich mir nicht leisten. Der Tag wartet nicht, nur weil das Herz schwer ist und meine andern Kinder brauchen mich. Ottilia, Katharina, die Zwillinge Ulrich und Konrad und das Baby Verena.
Am Morgen stehe ich auf, wenn es noch kühl ist. Ich mache Feuer, koche Brei, hole Wasser, wasche, flicke, koche, trage, putze, sorge. Immer ist etwas zu tun.
Ich trage ein einfaches Kleid, eine Schürze und ein Tuch über dem Haar. Meine Hände sind rau. Nicht, weil ich alt bin, sondern weil das Leben früh Spuren hinterlässt, wenn man so hart arbeitet.
An diesem Julitag gehe ich auf den Markt. Ich habe Brot dabei, das ich verkaufen möchte. Vielleicht kann ich dafür etwas Gemüse mit nach Hause nehmen. Ein paar Zwiebeln, vielleicht Kohl für eine herzhafte Suppe. Etwas, das meinen Mann Matthias und die Kinder satt macht.
Matthias ist Bäcker. Noch bevor die Sonne aufgeht, knetet er den Teig und schiebt die ersten Brote in deen heissen Ofen. Oft erwache ich vom Duft des frischen Brotes, der sich überall in unserem kleinen Haus verteilt. Es ist ein vertrauter Geruch.
Die Luft ist warm heute. Die Stadt riecht nach Rauch von den offenen Feuerstellen, Tieren und deren Mist und Dung, nach Brot, Abfällen und Urin. Es gibt noch keine Kanalisation und morgens entleeren alle ihre Nachttöpfe in den Gassen und Strassen.
Eigentlich ist alles wie immer, bis ich sie sehe: Eine Frau steht mitten in der Gasse. Sie tanzt.
Zuerst denke ich, sie mache Spass. Vielleicht hat sie getrunken oder feiert etwas. Aber dann sehe ich ihr Gesicht. Sie lacht nicht, sie sieht auch nicht glücklich aus. Sie tanzt, als würde ihr Körper nicht mehr ihr gehören.
Ihre Füsse bewegen sich weiter und weiter, ihre Arme zucken. Ihr Kleid klebt ihr am Körper. Menschen bleiben stehen. Einige lachen zuerst, andere machen das Kreuzzeichen.
«Was tut sie da?» fragt jemand.
Niemand antwortet, denn niemand weiss es.
Die Frau tanzt weiter.
Es spielt keine Musik, ich weiss nicht, was los ist. Sie hört nicht auf, tanzt und tanzt…
Am nächsten Tag höre ich, dass sie immer noch tanzt. Am dritten Tag sprechen alle davon.
Und dann geschieht etwas, das ich nie vergessen werde.
Andere beginnen ebenfalls zu tanzen. Zuerst nur wenige, dann immer mehr. Männer, Frauen, Junge, Alte…
Sie tanzen auf den Strassen, auf Plätzen, zwischen Häusern und Marktständen. Manche wirken wie im Fieber, manche weinen, manche bitten um Hilfe und können trotzdem nicht aufhören. Ihre Füsse bluten, ihre Gesichter sind leer. Einige brechen zusammen und doch stehen sie wieder auf.
Die Stadt verändert sich. Strassburg klingt plötzlich anders. Nicht mehr nur nach Hämmern, Rufen, Tieren und Kirchenglocken, sondern nach Schritten. Nach stampfenden Füssen, nach Atem und auch nach Angst.
Die Menschen fragen sich, ob Gott zürnt. Ob der heilige Veit sie bestraft. Viele Menschen heutzutage glauben nicht an Viren oder psychische Erkrankungen – dieses Wissen gibt es noch nicht. Stattdessen suchen sie die Ursache in ihrem Glauben. Viele sind überzeugt, der heilige Veit habe die Menschen mit einer Strafe belegt. Deshalb brachte man einige Betroffene sogar zu einer Veitskapelle und hoffte auf Heilung.
Die Ärzte sagen, es könne am heissen Blut liegen. Zu viel Hitze im Körper. Zu viel Bewegung müsse heraus. Also lässt man sie tanzen.
Man ruft Musikanten und schafft Platz. Man glaubt, wenn sie nur lange genug tanzen, werde es aus ihnen herausgehen.
Aber das stimmt nicht, denn es wird schlimmer. Immer mehr Menschen tanzen.
Und ich stehe am Rand und halte meinen Brotkorb fest, als könnte ich mich daran festhalten, mich dahinter verstecken und mich sicher fühlen.
Ich sehe eine Frau, die ich vom Brunnen her kenne. Sie hat sonst immer ein rotes Tuch getragen. Jetzt hängt es ihr schief um den Hals, ihre Lippen sind trocken. Sie sieht mich an, während sie herumtanzt, aber ich glaube nicht, dass sie mich erkennt.
In diesem Moment begreife ich, dass dies gar kein Tanz ist. Es ist keine Freude darin zu sehen.
Ich sehe ihren Schmerz, ihre blutenden Füsse und den gequälten Ausdruck auf ihrem Gesicht. Und nicht nur auf ihrem, sondern in all ihren Gesichtern.
Es ist etwas, das über die Menschen gekommen ist wie ein Sturm.
Später wird man sagen, es seien vielleicht Dutzende gewesen, vielleicht Hunderte. Manche werden sagen, einige seien gestorben, andere werden daran zweifeln. Die genaue Wahrheit wird verloren gehen, wie so vieles aus unserer Zeit.
Aber ich weiss, was ich gesehen habe.
Ich habe Menschen gesehen, die nicht mehr aufhören konnten.
Und eine Stadt, die keine Antwort hatte.
Irgendwann, viele Jahre später, werden Gelehrte versuchen, zu erklären, was damals geschah.
Manche sprechen von Mutterkorn, einem Pilz im Getreide, der den Körper vergiften kann. Andere glauben eher, dass es eine Art seelische Massenreaktion war. Eine Krankheit der Angst, eine Krankheit des Drucks. Eine Krankheit einer Zeit, in der Hunger, Kälte, Seuchen und religiöse Furcht die Menschen mürbe machten.
Vielleicht war es genau das.
Vielleicht kann ein Mensch so viel tragen, dass der Körper irgendwann eine Sprache findet, die niemand mehr versteht und bei uns war diese Sprache der Tanz. Eine Qual…

Wie die Geschichte für die einzelnen Menschen endete, weiss man bis heute nicht genau. Einige brachen vor Erschöpfung zusammen, und vermutlich starben auch manche an den Folgen der enormen körperlichen Belastung. Sicher ist nur: Nach einigen Wochen verschwand die Tanzplage so rätselhaft, wie sie begonnen hatte. Bis heute gibt es keine Erklärung, die alle Fragen beantwortet.


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