
Arja erwachte früh an diesem Morgen. Die ersten Sonnenstrahlen fielen durch das Dach des Geheges und kitzelten ihr langes, weisses Fell. Draussen sangen die Amseln, eine Hummel summte über die Blumen und irgendwo raschelten die Blätter im Wind.
Es war ein wunderschöner Morgen. Und doch fühlte sich etwas anders an.
Arja streckte sich, gähnte leise und schaute sich um.
«Jimmy?»
Keine Antwort…
«Tina?»
Auch keine Antwort…
Verwundert lief sie zu ihrem Lieblingsplatz hinter dem Häuschen.
Dort war niemand.
Langsam begann ihr Herz etwas schneller zu schlagen. Sie schaute hinter das Heuraufen, unter die Weidenbrücke und sogar in die kleine Korkröhre.
Doch Jimmy und Tina waren nirgends zu finden.
In diesem Moment hörte sie hinter sich leise Schritte.
Es war Louie.
Der kleine, schwarze Meerschweinchenjunge blieb einen Augenblick stehen. Er sagte nichts. Er setzte sich einfach still neben Arja.
Gemeinsam blickten sie in den Garten.
«Sie sind fort» flüsterte Arja.
Louie nickte ganz langsam.
«Ich glaube … ja.»
Für einen Moment war es ganz still. Nur der Wind strich sanft durch das Gras.
Plötzlich erinnerte sich Arja an ihren Traum. In der Nacht hatte sie etwas Wunderschönes gesehen. Eine leuchtende Regenbogenbrücke.
Jimmy und Tina waren gemeinsam darüber gegangen.
Kurz bevor sie den Himmel erreicht hatten, hatten sie sich noch einmal umgedreht. Jimmy hatte gelächelt.
«Mach dir keine Sorgen, Arja. Wir sind nicht weg. Wir wohnen jetzt einfach ein bisschen näher bei den Sternen.»
Und Tina hatte liebevoll hinzugefügt: «Jedes Mal, wenn der Wind durchs Gras streicht oder die Sonne dein Fell wärmt, sind wir ein kleines bisschen bei dir.»
Arja spürte, wie ihr eine kleine Träne über das Gesicht rollte. Sie vermisste ihre Freunde. Sehr sogar. Sie kannte sie, seit sie ein winzig kleines Meerschweinchen-Mädchen war und dass die beiden jetzt nicht mehr da waren, war für sie unvorstellbar.
Louie rückte ein kleines Stück näher. Ganz vorsichtig berührte er ihre Nase.
Mehr tat er nicht.
Manchmal braucht es keine Worte. Manchmal gibt es keine Worte. Manchmal genügt es, einfach da zu sein.
Arja lächelte ein kleines bisschen.
«Danke.»
Gemeinsam liefen sie langsam durch den Garten. Jimmy hatte Louie noch gezeigt, wo das saftigste Gras wuchs. Tina hatte ihm ihren liebsten Schattenplatz gezeigt. Überall fanden sich kleine Erinnerungen.
Und plötzlich merkte Arja etwas. Jimmy und Tina waren zwar nicht mehr hier und trotzdem war noch ganz viel von ihnen hier. Ihre Liebe und die Erinnerung waren noch überall.
In jedem Lieblingsplatz.
In jedem Löwenzahnblatt.
In jedem Sonnenstrahl.
Und nun durfte Louie all diese Erinnerungen kennenlernen.
Die Menschen-Mama brachte frisches Heu und das Menschen-Mädchen legte ein paar Gurkenscheiben ins Gehege und lächelte den beiden zu.
«Schaut mal» sagte Arja leise. «Sie kümmern sich immer noch genauso liebevoll um uns.»
Es gibt Dinge, die verändern sich und andere Dinge würden sich nie verändern und das war gut so.
Louie nickte.
«Und wir passen jetzt aufeinander auf. Du und ich.»
Eine Zeit war zu Ende und das tat im Herzen weh. Und trotzdem war es kein Ende, denn anderes ging weiter und Neues begann… Arja und Louie verstanden an diesem Tag ganz viel über das Leben…
Arja blickte zum Himmel. Für einen kurzen Augenblick glaubte sie, zwei kleine Sterne zu sehen, obwohl es heller Tag war.
Sie musste lächeln.
«Danke, Jimmy.»
«Danke, Tina.»
Dann drehte sie sich zu Louie.
«Komm. Ich zeige dir meinen allerliebsten Platz im Garten.»
Louie folgte ihr. Seite an Seite liefen die beiden los.
Sie würde Jimmy und Tina nie vergessen, würde aber ihr Leben weiterleben und war froh, dass die Menschen-Mama ihr Louie an die Seite gegeben hatte.
Jede Geschichte hat irgendwann ein letztes Kapitel, aber jede neue Freundschaft darf mit einer ersten Seite beginnen…
Und das hier ist nicht ein ENDE, sondern es ist ein ANFANG.



Hinterlasse einen Kommentar