
Heute möchte ich über ARFID schreiben, denn ich bin mir sicher, dass viele davon schon gehört haben, aber auch viele bestimmt noch gar nie.
ARFID steht für Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder, auf Deutsch etwa vermeidende oder restriktive Essstörung.
Der Name klingt kompliziert, aber dahinter steckt etwas, das einige vielleicht schon einmal beobachtet haben bei Kindern, Jugendlichen oder auch Erwachsenen.
Wenn wir an Essstörungen denken, denken die meisten zuerst an Magersucht oder Bulimie. Bei ARFID ist das anders. Menschen mit ARFID haben nicht Schwierigkeiten mit essen, weil sie abnehmen möchten oder weil sie ihren Körper ablehnen. Die Gründe liegen ganz woanders.
Viele Betroffene reagieren extrem empfindlich auf bestimmte Konsistenzen, Gerüche oder Geschmäcker. Für sie kann sich ein Lebensmittel im Mund so unangenehm anfühlen, dass es Ekel oder sogar Panik auslöst. Oder der Geruch. Oder der Geschmack. Das Gefühl auf der Zunge. Die Temperatur. Oder das Geräusch, das es beim Kauen macht. Oder beim Schlucken.
Andere haben nach einer schlechten Erfahrung Angst vor dem Schlucken entwickelt.
Wieder andere haben kein Hungergefühl oder wenig Interesse am Essen.
Von aussen wirkt das manchmal wie «heikles Essen». Doch ARFID ist ganz etwas anderes. Während zB viele andere Kinder mit der Zeit neue Lebensmittel ausprobieren, bleibt die Auswahl bei Menschen mit ARFID oft über Jahre sehr eingeschränkt. Das kann dazu führen, dass wichtige Nährstoffe fehlen, soziale Situationen rund ums Essen belastend werden oder der Stress gross wird, DASS überhaupt etwas gegessen werden kann.
Besonders interessant finde ich, dass ARFID häufiger bei Menschen mit Autismus oder ADHS vorkommt. Das überrascht mich eigentlich nicht. Wer Geräusche, Gerüche, Berührungen oder andere Sinneseindrücke intensiver wahrnimmt, erlebt ganz sicher auch Essen ganz anders als die meisten Menschen. Essen involviert gleich mehrere unserer Sinne. Was für die einen nur eine leicht ungewohnte oder sogar normale Konsistenz ist, kann für andere kaum auszuhalten sein. Genau so verhält es sich mit Gerüchen, Geschmäckern und Geräuschen usw.
Ich denke, ARFID zeigt uns gut auf, wie unterschiedlich Menschen die Welt wahrnehmen. Essen ist für die meisten von uns etwas Alltägliches. Für manche Menschen kann jede Mahlzeit jedoch eine echte Herausforderung sein.
Und wie so oft gilt auch hier: Von aussen sieht man nicht immer, was in einem Menschen vorgeht. Bevor wir urteilen oder jemanden als «verwöhnt», «heikel» oder «schwierig» bezeichnen, lohnt es sich vielleicht, einen Moment innezuhalten und neugierig zu bleiben. Und halt verständnisvoll.
Ich würde davon abraten, betroffene Menschen zum Essen zu zwingen. Das Leiden soll ja möglichst minimiert statt maximiert werden. Lieber safe food anbieten und die Möglichkeit zum Probiere neuer Lebensmittel immer wieder geben. In solchen Fällen ist es weniger wichtig, ausgeglichen zu essen, als überhaupt zu essen.
Oft steckt hinter einem Verhalten viel mehr, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Immer wieder werten wir so vorschnell und erwarten Anpassung an unsere Normen…


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