
Manchmal begegnet man im Internet Wörtern, die es offiziell gar nicht gibt und die trotzdem etwas beschreiben, das viele Menschen sofort verstehen.
Eines dieser Wörter ist Exulansis und es gefällt mir.
Es stammt nicht aus einem Wörterbuch und auch nicht aus einer alten Sprache. Es gehört zu einer Sammlung sogenannter „Dictionary of Obscure Sorrows“-Wörter. Dabei handelt es sich um erfundene Begriffe des amerikanischen Filmemachers und Autors John Koenig, der versucht hat, Gefühle zu benennen, für die unsere Sprache kein eigenes Wort hat.
Exulansis beschreibt das Gefühl, irgendwann aufzugeben, etwas erklären zu wollen, weil man merkt, dass andere Menschen es ohnehin nicht verstehen können. Mit Betonung auf „können“, denn es liegt nicht am Nicht-Zuhören oder gar weil sie nicht wollen, sondern weil ihnen die Erfahrungen fehlen, die nötig wären, um wirklich nachzuempfinden, was man meint.
Vielleicht kennst du das. Du versuchst jemandem zu erklären, wie sich eine bestimmte Trauer anfühlt. Oder warum dich etwas verletzt hat. Warum du anders denkst, anders fühlst oder anders auf die Welt blickst. Du suchst nach den richtigen Worten. Erklärst es einmal, dann noch einmal und irgendwann merkst du, dass zwischen deinen Worten und dem Verständnis des anderen eine unsichtbare Wand steht.
Ich kenne dies eigentlich ziemlich gut, wenn es darum geht, Autismus jemandem zu erklären. All diese nicht fassbaren Wahrnehmungen, Hirnfunktionen, die ganz eigene Logik und schlussendlich halt diese nicht sichtbare Beeinträchtigung jemandem zu erklären, der / die damit gar keine Berührungspunkte hat und ganz anders empfindet, das ist schon schwierig.
Nicht alles lässt sich übersetzen. Manche Erfahrungen kann man nur verstehen, wenn man selbst einmal dort gewesen ist. Genau dort beginnt Exulansis. Es ist dieser Moment, in dem man still wird, sich unverstanden fühlt, vielleicht auch einsam. Und oft missverstanden.
Daraus resultiert eine gewisse Erschöpfung und auch Resignation in gewissen Momenten.
Weil man akzeptiert, dass manche Gefühle zu komplex, zu persönlich oder zu tief sind, um vollständig vermittelt werden zu können / um vollständig beim Gegenüber anzukommen.
Ich finde Exulansis einen schönen Begriff. Einerseits traurig, denn wer möchte nicht verstanden werden? Andererseits steckt darin auch etwas Befreiendes. Die Einsicht, nicht immer alles erklären zu müssen und weniger davon abhängig zu sein, verstanden zu werden.
Manchmal ist es genug zu wissen, dass unsere Wahrheit auch dann existiert, wenn andere sie nicht vollständig nachvollziehen können.
Nicht jeder Mensch kann unseren Weg sehen. Nicht jeder kann unsere Narben erkennen. Nicht jeder wird verstehen, warum wir geworden sind, wer wir heute sind. Und vielleicht ist das in Ordnung, denn manche Kapitel unseres Lebens wurden in einer Sprache geschrieben, die nur ganz wenige lesen können.
Exulansis erinnert mich daran, dass verstanden werden zwar wunderschön ist – aber nicht die Voraussetzung dafür, dass unsere Gefühle echt sind.
Und besonders wichtig dabei finde ich, dass wir das nur spüren, wenn wir nicht verstanden werden und dabei vergessen, dass wir selber ganz sicher auch vieles nicht verstehen.
Auch das ist okay. Wichtig dabei ist mir aber, einander auch dann und besonders dann mit Respekt und Wohlwollen zu begegnen und andern dann auch dasselbe Recht, nicht alles verstehen zu müssen, zuzugestehen.


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