Was ist eigentlich Hypervigilanz?


Gewisse Worte beschreiben nicht einfach nur einen Zustand, sie beschreiben auch ein Gefühl. Ein Erleben. Etwas, das tief im Körper sitzt und sich oft nur schwer in Worten ausdrücken lässt.

Hypervigilanz gehört ganz sicher zu diesen Worten.

Das Wort stammt aus dem Lateinischen. Hyper bedeutet „übermässig“ oder „über das normale Mass hinaus“. Vigilare bedeutet „wach sein“ oder „wachen“. Wörtlich übersetzt könnte man Hypervigilanz also als übersteigerte Wachsamkeit bezeichnen.

Ich finde sehr interessant, was hinter diesem Begriff steckt.
Menschen mit Hypervigilanz sind ständig auf der Hut. Ihr Blick wandert durch den Raum, ihre Ohren registrieren jedes Geräusch, ihr Körper scheint nie ganz zur Ruhe zu kommen. Es ist, als wäre irgendwo im Inneren ein Alarmknopf, immer schon halb gedrückt.

Während andere Menschen in einem Café gemütlich ihren Kaffee trinken, bemerkt eine hypervigilante Person vielleicht jede Tür, jede Bewegung und jedes laute Geräusch. Während andere einschlafen, bleibt ein Teil ihres Gehirns wach und achtet darauf, ob alles in Ordnung ist.
Immer in Alarmbereitschaft.

Von aussen wirkt das vermutlich wie besondere Aufmerksamkeit oder Vorsicht. Tatsächlich ist es aber extreme Aufmerksamkeit und extreme Vorsicht und ganz bestimmt sehr anstrengend.

Hypervigilanz entsteht häufig nach belastenden oder traumatischen Erfahrungen. Wenn ein Mensch über längere Zeit gelernt hat, dass Gefahr jederzeit auftauchen kann, versucht das Gehirn, ihn zu schützen. Es schaltet in einen dauerhaften Bereitschaftsmodus.
Das Problem dabei ist, dass dieses Alarmsystem reale Gefahr und Sicherheit nicht mehr unterscheiden kann. Irgendwann ist die Gefahr vielleicht längst vorbei, aber das Alarmsystem hat noch nicht verstanden, dass es wieder sicher ist.
Man könnte sagen, das Gehirn tut genau das, wofür es gemacht wurde. Es versucht, uns zu schützen. Aber in diesem Zustand, ist das Alarmsystem immer auf „scharf“ gestellt und schützt uns so intensiv, dass wir kaum noch zur Ruhe kommen. Also immer. Auch dann, wenn es total unnötig ist.

Hypervigilanz kann nach Unfällen, Gewalterfahrungen, schweren Verlusten oder anderen traumatischen Ereignissen auftreten. Sie kann aber auch entstehen, wenn Menschen über lange Zeit unter starkem Stress stehen oder immer wieder Situationen erleben, in denen sie sich unsicher fühlen.
Das Schwierige daran ist, dass Hypervigilanz oft unsichtbar bleibt. Niemand sieht die ständige Anspannung. Niemand sieht, wie viel Energie es kostet, immer aufmerksam zu sein. Niemand sieht die Erschöpfung, die entsteht, wenn die innere Wächterin nie Feierabend macht.

Und doch gibt es Hoffnung, denn unser Gehirn ist lernfähig. Mit Zeit, Sicherheit, guten Beziehungen und manchmal auch therapeutischer Unterstützung kann es wieder lernen, dass nicht hinter jeder Ecke eine Gefahr lauert. Dass Ruhe erlaubt ist und dass Entspannung ungefährlich ist.

Hypervigilanz ist nicht nur ein Wort über Angst, sondern es zeigt uns auch, wie erstaunlich unser Gehirn ist. Wie hart es arbeitet, um uns zu beschützen und wie wichtig es ist, dieser inneren Wächterin irgendwann liebevoll mitzuteilen: Danke, dass du auf mich aufgepasst hast. Aber jetzt darfst du dich ein wenig ausruhen und ich mich auch, denn es ist alles okay…

Hinterlasse einen Kommentar

About Me

Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.