Wenn Kinder zu Content werden…


Ich möchte heute über etwas schreiben, das sehr aktuell ist, meiner Meinung nach auch sehr wichtig und mich tatsächlich beschäftigt. Etwas, das ich sehr bedenklich und unschön finde…

Wer soziale Medien nutzt, kommt kaum an ihnen vorbei: Familien-Influencer, Eltern-Influencer oder die oft sogenannten Momfluencer. Menschen bzw Eltern, die ihren Alltag teilen, Produkte vorstellen, Kooperationen eingehen und damit Reichweite aufbauen, um damit Geld zu verdienen.
Ich glaube auch tatsächlich, dass diese Art von Werbung schon seit einigen Jahren bei Firmen sehr beliebt ist, weil sie einfach sehr wirksam ist.

Zunächst ist daran ja gar nichts Verwerfliches. Viele Menschen verdienen heute online ihren Lebensunterhalt oder einen Teil davon. Sie zeigen Rezepte, Reisen, Mode, Einrichtungsideen oder Einblicke in ihr Leben. Auch Eltern dürfen selbstverständlich arbeiten, kreativ sein und ihre Erfahrungen teilen.

Und doch beschäftigt mich bei diesem Thema immer wieder mindestens eine Frage:
Wo endet das Teilen des eigenen Lebens und wo beginnt das Vermarkten der Kindheit eines anderen Menschen?

Anders als bei den Erwachsenen können die Kinder meist nicht selbst entscheiden, ob sie Teil dieser Öffentlichkeit sein möchten.

Um den verschiedenen Themen, an die ich dabei denke gerecht zu werden und den Text übersichtlicher zu gestalten, verwende ich ausnahmsweise mal Zwischentitel, was ich sonst ja eigentlich nie mache.

Die digitale Kindheit

Früher verschwanden Kinderfotos in Familienalben, die im Wohnzimmerregal standen und wurden höchstens mal den Verwandten gezeigt, die auf Besuch kamen. Heute landen sie oft auf Plattformen, die von Millionen Menschen genutzt werden. Das erste Ultraschallbild… Die Geburt… Die ersten Schritte… Der erste Schultag… Krankheiten…. Wutanfälle… Ängste… Familienferien… Geburtstage… Entwicklungsschritte oder auch einfach nur der normale Alltag…

Viele Kinder haben heute bereits eine digitale Geschichte, lange bevor sie überhaupt verstehen können, was das Internet ist.

Und das wirft eine wichtige Frage auf:
Wem gehören diese Momente und Erinnerungen eigentlich und wo sind die Grenzen?
Was ist Privat- und Intimsphäre?
Und wer schaut sich das alles überhaupt an?
Ist es okay bzw klug, wenn Eltern so viel Privates über das Familienleben und das Leben ihrer Kinder dokumentieren?
Und wie sicher ist das überhaupt?

Das Recht auf Privatsphäre

Kinder sind eigene Persönlichkeiten. Sie haben ein Recht auf Privatsphäre, auf Rückzug und auf die Möglichkeit, später selbst zu entscheiden, was andere über sie wissen sollen.

Kinder haben das Recht,
dass ihre Privatsphäre und Würde
geachtet werden.

(Art.16, UN-Kinderrechtskonvention)

Manche Influencer verpixeln die Gesichter ihrer Kinder oder legen ein Emoji darüber. Das ist sicher besser, als sie unverändert zu zeigen. Doch auch dann werden oft direkt oder indirekt viele Informationen preisgegeben.
Das Kinderzimmer und die Wohnung.
Die Lieblingsorte.
Der Schulweg oder der Weg in die Kita.
Der Spielplatz.
Wo man jede Woche einkauft.
Die Strasse, in der man wohnt.
Die Hobbys.
Lieblings-Spielsachen.
Der Tagesablauf.
Die Familiengeschichte.
Teile des Kinderkörpers.
Die Stimme.
Eventuelle Krankheiten.

Selbst wenn das Gesicht nicht sichtbar ist, entsteht oft ein erstaunlich detailliertes Bild eines Kindes und seines Lebens.
Also ich bin mir ganz sicher, dass man mega vieles herausfinden kann, wenn man das denn will… Ganz bestimmt viel mehr, als diese Menschen eigentlich mitteilen möchten, nehme ich jetzt mal an.

Die Risiken im Netz

Wenn wir über Kinder in sozialen Medien sprechen, denken viele zuerst an Pädophile. Tatsächlich warnen Kinderschutzorganisationen seit Jahren davor, dass Bilder von Kindern aus sozialen Netzwerken missbraucht werden können. Dabei geht es nicht nur um Fotos von Kindern nackt, in Badebekleidung oder um offensichtliche Grenzüberschreitungen. Fachleute weisen immer wieder darauf hin, dass Menschen mit pädophilen Interessen oft auch ganz alltägliche Bilder sammeln und weiterverbreiten. Ein lachendes Kind auf dem Spielplatz, ein Familienfoto, ein Video beim Turnen oder Tanzen, ein Kind im Schlafanzug oder beim Spielen im Garten… Dinge, die für die meisten Menschen völlig harmlos wirken, können von anderen in einer Weise betrachtet werden, die Eltern niemals beabsichtigt haben und zutiefst schockiert wären, wenn sie das wüssten oder sähen.

Gerade deshalb ist das Thema so schwierig. Denn es geht nicht darum, Angst zu machen, zu werten oder hinter jedem Bild eine Gefahr zu sehen. Es geht vielmehr darum, sich bewusst zu machen, dass wir nie vollständig kontrollieren können, wer unsere Inhalte sieht, speichert, weiterleitet oder für eigene Zwecke nutzt.

Viele Eltern veröffentlichen Bilder ihrer Kinder in liebevoller Absicht. Doch sobald ein Bild im Internet erscheint, verlieren wir einen Teil der Kontrolle darüber, was damit geschieht. Und genau deshalb stellt sich die Frage, ob Kinder überhaupt diese Verantwortung und eventuelle Folgen tragen sollten oder ob wir als Erwachsene ihre Privatsphäre besonders sorgfältig schützen müssten. Für mich ist die Antwort auf diese Frage sehr klar.

Doch die Risiken gehen noch darüber hinaus. Menschen können Wohnorte eingrenzen, Routinen erkennen, Schulen oder Freizeitorte herausfinden, Bilder kopieren oder weiterverbreiten. Sie können Informationen herausfinden und sammeln, die eigentlich privat sein sollten. Und eigentlich wissen wir alle, dass damit unter Umständen viel Unfug getrieben werden kann. Und Unfug ist in diesem Zusammenhang sicher nicht der richtige Ausdruck…

Dazu kommt etwas, das wir heute noch gar nicht vollständig überblicken können: Diese Inhalte verschwinden oft nicht mehr. Was heute niedlich wirkt, könnte einem Jugendlichen in einigen Jahren peinlich sein. Was heute tausend Likes erhält, könnte später Anlass für Spott oder Mobbing werden.

Aus Sicht der Entwicklungspsychologie

Ein weiterer Aspekt beschäftigt und interessiert mich besonders. Kinder entwickeln ihr Selbstbild über Beziehungen. Sie lernen durch die Reaktionen ihrer Bezugspersonen, ob sie wichtig sind, ob ihre Gefühle zählen und ob sie gesehen werden.

Natürlich können Eltern nicht ständig verfügbar sein. Niemand kann das und niemand muss das, das ist normal. Eltern arbeiten, sie telefonieren, sie erledigen den Haushalt, sie sind manchmal erschöpft oder machen etwas für sich selbst. Das gehört zum Leben dazu. Kinder brauchen nicht ununterbrochen Aufmerksamkeit.

Doch die sozialen Medien bringen etwas Neues mit sich, gerade halt auch bei Influencern. Die Kamera ist oft dabei. Das Smartphone liegt griffbereit. Die Küche wird zum Filmstudio. Einen Moment zu erleben, reicht nicht mehr. Er muss gleichzeitig dokumentiert werden, denn Influencer haben Verträge und Kooperationen mit Firmen, die eine gewisse Anzahl von Contents verlangen. Vielleicht wird man auch ein wenig abhängig von Likes, den Komplimenten und dem Zuspruch von andern. Und schwupps passiert es, dass besondere Momente nicht mehr als Familie oder zwischen Eltern und Kind erlebt werden, sondern mit einem iPad oder Handy dazwischen.

Ich frage mich da, welche Botschaft Kinder daraus mitnehmen. Wenn ein schöner Augenblick zuerst gefilmt werden muss. Wenn das Familienleben gleichzeitig Arbeitsinhalt ist. Wenn Erlebnisse sofort geteilt werden. Wenn die Aufmerksamkeit immer wieder zwischen Kind und Bildschirm aufgeteilt wird. Wenn die Mama oder der Papa ins Handy mit den xtausend Followern spricht, während das Kind daneben sitzt und entweder ignoriert oder miteinbezogen wird, was beides schräg wirkt in meinen Augen.

Welche Bedeutung bekommt dann echte Begegnung?
Welche Rolle spielt Präsenz?
Welche Rolle spielt Aufmerksamkeit?
Wie verhält sich das alles wenn man bedenkt, dass Kinder vor allem von uns lernen, indem wir vorleben, wenn wir uns mit ihnen beschäftigen, mit ihnen sprechen, ihnen vorlesen, mit ihnen Spielen, ihnen die Welt erklären, ihnen zuhören… Ganz fest dadurch, dass wir mit ihnen in Beziehung und in Kommunikation sind.

Meiner Meinung nach sind zB auch Grenzen etwas sehr wichtiges, was Kinder unbedingt lernen müssen. Können Sie dies in einem familiären Umfeld, das kaum noch Privatshäre besitzt, denn lernen?

Wenn das Privatleben zum Geschäftsmodell wird

Viele Familien-Influencer verdienen ihr Geld mit Kooperationen. Das ist ihr Beruf. Doch genau hier wird es ja eigentlich auch kompliziert.
Produkte lassen sich oft besonders gut verkaufen, wenn sie mit Emotionen verbunden werden. Follower setzen da keine Grenzen. Sie möchten einen Einblick in möglichst viel Privates, denn das bedient die menschliche Neugier. So wie ein Blick durchs Schlüsselloch, was wir ja niemals tun würden, weil es nicht anständig ist. Aber wenn uns jemand diese Einblicke auf dem Serviertablett freiwillig präsentiert, schauen wir doch gerne hin und liefern die gewünschten Klicks…
Familienmomente… Kinder… Nähe… Authentizität… also eine müde Mama, ein krankes Kind, die Wohnung nicht aufgeräumt… gleich nach dem Aufwachen im Pijama oder ins Duschtuch gewickelt… Themen aus dem Alltag einer ganz normalen Familie, so wie wir eine sind. Kinder, die streiten, schreien, trotzen…. Die Follower fühlen sich zuhause oder wo auch immer sie zuschauen, verstanden und verbunden. Fast sind sie ein Teil davon.

Und so werden Kinder heute oft Teil eines Geschäftsmodells, ohne selbst entscheiden zu können, ob sie das möchten.
Sie erscheinen in den sozialen Medien. In Produktplatzierungen, in Alltagsszenen. In Geschichten, die Reichweite erzeugen und mit ihnen darin noch viel, viel mehr.

Die entscheidende Frage ist dabei nicht, ob Eltern Geld verdienen dürfen. Natürlich dürfen sie das, darum geht es ja nicht.

Die Frage lautet vielmehr:
Ist es okay, dafür mit der Privatsphäre der Kinder zu bezahlen?
Also provokanter gesagt: Ist es okay, Kinder für Geld zu vermarkten?

Was lernen Kinder über Aufmerksamkeit?

Kinder beobachten ihre Eltern sehr genau. Sie lernen nicht nur durch Worte. Sie lernen durch Vorbilder, wie bereits erwähnt.
Wenn Likes, Reichweite, Kommentare und Klickzahlen eine grosse Rolle spielen, nehmen Kinder das wahr. Sie lernen, was Aufmerksamkeit bedeutet. Sie lernen, was wichtig erscheint und sie lernen, welche Dinge öffentlich gemacht werden. Sie lernen also auch, WIE man Aufmerksamkeit erhalten kann und dass Social Media mega wichtig ist, dazu gehört.

Vielleicht wächst dadurch eine Generation heran, für die es selbstverständlich ist, alles zu teilen und die darin kaum Grenzen kennt.
Vielleicht wächst aber auch eine Generation heran, die sich irgendwann fragt, warum so viele persönliche Momente schon veröffentlicht waren, bevor sie überhaupt mitreden konnten.

Zum Nachdenken…

Dieser Text soll keine Anklage gegen Eltern sein. Soziale Medien sind inzwischen Teil unseres Alltags geworden und ich denke, wir alle müssen irgendwie den Umgang darin und damit finden.

Trotzdem finde ich, dass wir uns unbedingt mit all den Fragen beschäftigen müssen, die dieses Thema aufwirft. Unseren Umgang damit reflektieren müssen. Vor allem als Eltern, finde ich. Nicht zuletzt auch, weil Kinder eine Stimme verdienen. Auch dann oder erst recht dann, wenn sie noch zu klein sind, um selbst zu realisieren, um was es geht und selbst zu sprechen.

Ich will nicht werten oder zumindest nicht zuviel. Aber ich finde dieses Thema schon sehr wichtig und denke, dass es da Eltern gibt, die wohl ihr eigenes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, Ruhm (wenn man das so sagen kann) und Reichtum vor die Bedürfnisse und den Schutz ihrer Kinder stellen. Und ich bin ehrlich… gut finde ich das sicherlich nicht…

Wenn Kinder zu Content werden, besteht die Gefahr, dass sie wie ein Produkt behandelt werden…

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About Me

Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.