Es gäbe ein riesiges Panorama zu bestaunen, aber so oft gehen wir mit Scheuklappen durch die Welt und sehen nur einen klitzekleinen Teil von alldem, was es noch zu bestaunen gäbe.

Das mit dem Weitblick ist etwas, das habe ich damals schon ganz früh in meiner Ausbildung zur Sozialpädagogin gelernt. In schwierigen Situationen bei der Arbeit oder wo auch immer, denn das ist ja nicht nur in beruflichen Situationen anzuwenden, lohnt es sich sooo oft, ein paar Schritte zurück zu machen und nochmal in Ruhe hinzuschauen.
Man sieht von dort aus einfach mehr, als wenn man direkt vor einem Objekt steht. Man stelle es sich so vor, als sähe man zB nur braun und nichts anderes und würde werweissen, was das wohl sei und erst, wenn man zwei, drei Schritte zurück ginge, sähe man, dass das ein Brett ist, das man vor dem Kopf hat.

Mit ein wenig Distanz betrachtet sieht so manches anders aus und ist längst nicht mehr so heiss, dass man sich daran verbrennen könnte. Eine gewisse Distanz ist gesund und ermöglicht einem einen ganz andern Blick auf die Dinge. Sie ermöglicht einem durchzuatmen, sich die nötige Zeit zu nehmen, um etwas genauer betrachten zu können. Und noch viel besser klappt das, wenn man sich das Objekt von verschiedenen Seiten aus anschaut. So wird es einem möglich(er), Hintergründe und Zusammenhänge besser zu erkennen.
Je grösser das Blickfeld, desto grösser ist vermutlich auch die Objektivität, wobei man sich bewusst sein muss, dass wir die Dinge immer subjektiv wahrnehmen. Wir sehen das, was wir sehen wollen oder können und wir verstehen auch das, was wir verstehen können. So ist es eine Tatsache, dass wir nicht nur durch unser Blickfeld, sondern sicherlich auch durch unsere Bildung und die individuellen kognitiven Ressourcen manche Dinge nur beschränkt verstehen können.

Es gibt Situationen im Leben, da wird man kopfvoran hinein gerissen von andern oder auch einfach von den Umständen, vom Sog der Emotionen und vom Tempo der sich überschlagenden Ereignisse. Das kann super-schön sein, wie zB wenn man sich verliebt oder in andern wunderbaren Momenten im Leben. Da stürzt man sich am liebsten gleich mit Haut und Haaren hinein, gibt sich hin, geniesst, fühlt nur noch und will mass-los übertreiben, sieht nur noch das eine und nichts anderes mehr.
Das kann aber auch super-schwierig sein, zB bei Themen, die uns belasten und plagen. Oder wie oben erwähnt, bei Dingen, bei denen wir einseitig und verbohrt werden, nichts anderes mehr sehen. Wie hilfreich wäre es in solchen Situationen, einen Schritt zurück machen zu können, nachdem ein Thema uns total eingenommen hat? Wieder durchatmen, sich von einer Obsession lösen und mal links und rechts schauen, was es dort noch zu sehen gäbe, statt mit dem Blick nach unten nur noch der schwarzen Linie auf dem Boden zu folgen?

Es ist nie nur schwarz.
Es ist auch nie nur weiss.
Ich glaube, wenn man das nicht mehr erkennt, ist es ganz dringend notwendig, sich wieder mal neu zu orientieren und seinen Horizont für all die Farben des Lebens zu öffnen.

Viel Freude beim Anblick des Panoramas.



Foto: Luzern, Blick von der Seebrücke über den See (Februar 2016)