Coronichmagsnichtmehrhören….

Wir leben nun seit fast einem Jahr in dieser Corona-Situation. Wenn ich mich umsehe und umhöre merke ich, alle haben genug davon. Müde… frustriert… Es reicht, wir wollen nicht mehr und es soll einfach endlich mal vorüber sein… Ja, ich verstehe es nur zu gut.

Es geht mir genauso.
Als berufstätige Mutter ist man auf funktionierende, stabile Strukturen angewiesen. Und als alleinerziehende Mutter erst recht. Es ist ein Kreislauf. Man hat eine Familie, eine Wohnung, Versicherungen und andere Rechnungen zu zahlen, braucht Essen und Kleidung, also muss man Geld verdienen. Um Geld zu verdienen, geht man arbeiten. Vermutlich meistens Teilzeit, weil man zuhause ja niemanden hat, der einem die Hausarbeit und die Kinderbetreuung- und erziehung abnimmt. Meistens in Jobs, in denen man arbeiten kann, während das Kind oder die Kinder in der Schule sind. Wenn man Glück hat, hat man Grosseltern oder andere Verwandte oder Freunde, die mal auf die Kinder achten können. Selbstverständlich ist das nicht. (Und das was da noch wäre, ist nicht, denn wir haben ja Corona.)
Freizeit bzw. Zeit für sich allein ist, wenn man am freien Morgen den Haushalt macht und auch mal Zeit hat, sich 10 Minuten mit einem Kaffee hinzusetzen. Oder wenn man allein einkaufen geht. Freizeit ist, mit dem Kind etwas machen, Pubertätskrisen austragen oder -halten, kochen, putzen, waschen. Mal einen Kaffee-Morgen mit einer Freundin oder Bekannten oder ein Spaziergang. Viel mehr ist da nicht. Die Zeit, die das Kind bei seinem Vater verbringt, ist bei mir meistens Arbeitszeit.

Sich Strukturen aufzubauen, die funktionieren, das dauert seine Zeit. Dasselbe gilt für Kontakte und Freundschaften. Es ist viel einfacher, als Familie in Kontakt zu bleiben, ist mir aufgefallen. Familien mit Männern fallen sozusagen weg, meine Kontakte beschränken sich eigentlich vor allem auf Frauen und Kinder und eher nicht an Wochenenden, denn da ist für alle Familienzeit angesagt. Und während der Woche arbeite ich genau dann, wenn andere Zeit hätten, sich zu treffen.

So ist es manchmal relativ aufwändig, Kontakte aufrecht zu erhalten und kommt eigentlich oft von meiner Seite aus. Aber mir es es einfach wichtig.
Und dann funktioniert das alles einigermassen. Endlich.
Und dann kommt Corona. Etwa im März 2020.

Jetzt ist Februar 2021, fast ein Jahr später.

Corona hat meine hart erarbeiteten, gut funktionierenden Strukturen mit Füssen getreten. Bestimmt geht es vielen so… Mein soziales Umfeld ist noch da, aber jede Person, jede Familie ist halt auch mehr oder weniger in sich selbst isoliert.
Ich halte mich konsequent an die schützenden Massnahmen. Ich bin nicht scharf drauf, an Corona zu erkranken, eigentlich kann ich mir das als Alleinerziehende gar nicht erlauben, und ich bin ebenso wenig scharf darauf, bei meiner Arbeit etwas rein zu schleppen. Ausserdem wäre es mir recht, wenn alle mithelfen würden, damit die ganze Sache endlich mal wieder besser werden kann. Deswegen mache ich das auch.
Ich habe seit einem Jahr nicht wirklich viele Menschen gesehen, die mir nahestehen. Manchmal sehe ich nun fast wochenlang nur mein Kind und die Menschen, die ich betreue. Einmal pro Woche „mein“ Team. Manchmal Telefonate oder Kontakte per Whatsapp oder sonstwo.
Alles andere war wenig seit letztem März. Zu wenig. Wie bei euch auch, ich weiss.

Nach dem letztjährigen Lockdown haben sich die Arbeitsstrukturen zumindest wieder normalisiert. Inhaltlich ist es anspruchsvoller zum Teil, da auch das Klientel natürlich auf die Situation reagiert. Und ich arbeite mit dem Gedanken im Hinterkopf, wie es sein wird, falls jemand bei der Arbeit an Corona erkranken würde. Davor und vor meiner Aufgabe darin habe ich grossen Respekt.

Seit Mitte Mai letzten Jahres sind hier die Schulen wieder normal geöffnet. Die zwei Monate davor, in denen sie relativ spontan geschlossen wurden und mit ihnen auch alles andere, empfand ich als richtig schlimm. Neben Hausfrau / Mutter und Sozialpädagogin war ich also zusätzlich plötzlich noch Lehrerin. All das ohne Umfeld, das entlasten oder etwas mithelfen könnte. Der Tag hatte zuwenig Stunden und ich zuwenig Energie für all das, wo ich es zuweilen doch auch ohne den Lehrerinnen-Job schon recht ermüdend finde.
Die Befürchtung, oder man könnte es durchaus Angst nennen, dass es wieder soweit kommen könnte gesellt sich zu den Gedanken im Hinterkopf, was geschehen wird, wenn die Situation sich bei der Arbeit zuspitzt…

Die Situation in der Schule ist momentan so, dass man die Kinder nicht in die Schule schicken darf oder soll, auch wenn sie nur ganz kleine Symptome oder auch andere, nicht-coronaspezifische Symptome haben. Ich nehme das ernst, da ich niemanden gefährden will und ich habe das Gefühl, das Kind ist dauernd zuhause. Ich sehe, dass andere das anders machen und ärgere mich. Aber worüber eigentlich? Über die andern, weil sie die Regeln nicht einhalten? Oder über mich, weil ich sie vielleicht zu ernst nehme? Keine Ahnung…. bringen tut‘s sowieso nichts.

Jedenfalls ist es so, dass es für mich schwierig ist, wenn das Kind nicht in die Schule kann. Ich will / soll / muss es beaufsichtigen und zur gleichen Zeit muss ich auch bei der Arbeit sein.

Dann ärgere ich mich sehr über Kommentare, die man hört und liest, die sagen, dass Schulen nicht geschlossen werden können, weil Eltern zu faul sind, ihre Erziehungsaufgabe wahrzunehmen. Ich ärgere mich über Aussagen, die das Problem verniedlichen und mir mehr oder weniger direkt sagen, ich sei nicht belastbar oder überfordert. Denn das stimmt nicht. Alleinerziehend zu sein bedeutet nicht nur allein mit der Erziehung und allem drum und dran zu sein, sondern auch mit allem andern. Allein mit dem Geld verdienen. Mit dem Haushalt und all dem Organisatorischen. Und auch allein mit seinen Gedanken. Das ist man mit Partner einfach wirklich nicht. Vor allem den Druck, Geld – bzw genügend Geld – verdienen zu müssen, haben Mütter, die einen ebenfalls oder allein-verdienenden Partner haben, nicht. Ich glaube, viele sind sich nicht bewusst, wie entlastend das ist und wieviel Luft einem das für anderes gibt.

Mich hat vor einigen Monaten eine Bekannte von ihrer Bekannten-Liste gestrichen, weil sie die Corona-Situation damals im Lockdown als sehr entspannt und schön empfand und ich das anders wahr nahm. Sie hat sich von meiner Wahrnehmung über diese Zeit wohl sehr angegriffen gefühlt.
Sie ist die Mutter eines Kindes, hat einen Partner der 100% des familiären Einkommens verdient. Ich möchte das überhaupt nicht werten. Aber ist es nicht logisch, dass ich zB eben diese Lockdown-Zeit sehr anders erlebt habe als sie? Ich muss ganz ehrlich sagen, wenn ich nicht arbeiten gehen müsste (oder zumindest weniger, denn ich geh ja auch gern) und trotzdem finanziell abgesichert wäre, dann wäre ich auch super-relaxed. Dann hat man einfach mehr Zeit für alles, was zuhause ansteht und auch mit den Kindern, man hat viel weniger oder sogar gar keinen Druck und einfach wirklich Zeit. Zeit ist etwas, das habe ich echt zuwenig. Genügend Zeit = die Möglichkeit, ausgeruhter zu sein = mehr Geduld und Nerven = die Möglichkeit, ausgeruhter zu sein = mehr Zeit für Hobbies oder Freizeit = die Möglichkeit, ausgeruhter zu sein = entspannterer, besserer Schlaf und weniger Gedanken = die Möglichkeit, ausgeruhter zu sein usw.

Natürlich könnte ich weniger arbeiten, dann hätte ich mehr Zeit. Aber auch weniger Geld und das würde dann nicht mehr reichen.
Natürlich könnte ich mehr arbeiten, dann hätte ich mehr Geld. Aber auch weniger Zeit und das wäre nicht mehr machbar.

Mir setzt die Situation zu. Ich habe immer das Gefühl, ich spüre die Einschränkungen nicht so sehr. Aber ich habe mich geirrt, ich spüre sie sehr. Aber es geht uns gut. Das schätze ich sehr und ich finde, das ist auch das wichtigste. Mir ist es immer noch möglich, ganz viel Schönes zu sehen und die kleinen Dinge zu geniessen. Ich weiss, dass das nicht mehr bei allen funktioniert.

Es geht vielen Menschen schlecht, viele sind frustriert, viele haben Angst. Es werden vor allem diejenigen gehört, denen es finanziell schlecht geht aufgrund der sogenannten Massnahmen. Die, die nicht arbeiten dürfen, die ihr Geschäft schliessen mussten, die bei denen kein Geld rein kommt, aber Rechnungen und Löhne bezahlt werden müssen. Die, bei denen es zum Teil um die Existenz geht. Richtig schreckliche Situationen zum Teil für sehr viele Menschen.

Das ist schlimm.
Ich denke, es gibt jetzt und auch sowieso viele Menschen, denen es schlecht geht oder die es schwer haben und da möchte ich mich keineswegs dazu zählen. Aber das sind auch viele Menschen, die auch ohne Corona hart durch müssen und von denen spricht nie jemand.
Oder interessiert es jemanden, was Gesundheitspersonal zum Teil momentan bzw schon seit längerem durchmacht? Welche Arbeitsbedingungen die haben? Welche Überstunden die leisten? Welchen Situationen sie ausgesetzt sind? Hat vorher schon keinen interessiert und tut es auch jetzt nicht.
Besonders tragisch finde ich auch, dass so viele Menschen gestorben sind und noch sterben werden an Corona. Ich bin durchaus der Meinung, dass Menschen sterben dürfen in einem gewissen Alter. Und doch leben wir in einer Gesellschaft, in der ein Leben etwas wert ist. In der ein Leben würdevoll sein darf und auch würdevoll beendet werden darf, jedenfalls wenn man das beeinflussen kann. Bei Corona könnten wir, finden es aber zu anstrengend. Das tut mir Leid für die Verstorbenen, die Sterbenden und vor allen Dingen für die Hinterbliebenen.
Und man spricht von den Menschen, die psychisch erkranken. Die gibt es aber nicht erst, seitdem es Corona gibt. Hat nur einfach vorher niemanden interessiert. Und wenn wir ehrlich sind, interessiert es auch jetzt niemanden wirklich. Solche Aussagen werden nur benutzt, um an den unliebsamen Massnahmen zu rütteln und um Schuldzuweisungen zu machen. Vergleichbar mit dem Applaudieren im letzten Frühling…

Es ist nun Februar. Wir werden sehen, was er uns bringen wird…
Coronichmagsnichtmehrhören….

Und wie gehts euch so?



5 Comments

  1. Danke für deine Gedanken.
    Du hast natürlich schon recht. Ich habe mich da nur auf die zu erledigenden Arbeiten bezogen und in einer Beziehung hats da normalerweise 2 Menschen, die je einen Teil übernehmen. Geld verdienen, erziehen und alles was dazu gehört, Haushalt, Organisatorisches usw. Auszeiten zu nehmen ist vielleicht einfacher.
    Natürlich fällt aber auch Stress an, den man allein nicht hat.
    Dir auch alles Gute! Liebe Grüsse!

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  2. Ich weiß nun wirklich nicht, wie ich hierher gestolpert bin, aber dein Beitrag ist direkt „erfrischend“ für mich. Und zwar in der Hinsicht, dass ich auf anderen Blogs entweder nichts bis wenig zu Corona lese oder alternativ ist das alles eine böse Verschwörung bzw. Diktatur. Letzteres sehe ich vermehrt als Bildungsdefizit bei den Autor/inn/en. Oder eben mangelnde Lebenserfahrung. Die größten Kritiker leben nicht einmal in diesem Land. Ich denke sicherlich ähnlich wie du, wobei ich mich manchmal nach interner Gegenwehr sehne, aber trotz ausreichender Kritik an den politischen Entscheidungen dem Grunde nach wenig bis keine Alternative sehe.
    Ich stimme dir auch zu, dass insbesondere die spezifische Alleinerziehendensituation alles andere als gut ist und die Bewältigung der Aufgaben unbegrenzte Kräfte freisetzen muss.
    Ergänzen würde ich aber gerne mit Verlaub den Punkt mit den Partnerschaften. Aus meiner Sicht ist das ein wenig die Illusion, die man hat, wenn man alles ausblendet, was negativ sein könnte. So z.B. können sich kleine Differenzen, die man ohnehin hatte, zu handfesten Problemen auswachsen. Oder man hat verschiedene Ansichten zum Thema, die gegenläufig sind und jeweils ein Partner fühlt sich nicht ausreichend unterstützt. Die berufliche Situation kann auch auseinanderdriften, was eine weitere Akzeptanz fordert. Nein, ich will das nicht schlechtreden, denn die Möglichkeiten zum Besseren sind in der Mehrzahl, im anderen Fall gibt es schlichtweg keine Alternative.
    Wenn ich abends nach Hause komme (bislang 0 Tage Homeoffice oder Arbeitsausfall), treffe ich auf eine Situation, die ich nicht kenne, vielleicht sind alle gut drauf, vielleicht aber auch nicht, und ich versuche etwas Lockerheit und Unbeschwerheit zu leben, was manchmal gelingt, manchmal das Gegenteil bewirkt. Erst langsam habe ich begriffen, dass die anderen Familienangehörigen auf ihre individeuelle Art ebenso verfahren und am Ende kann ich mich nicht beschweren, wir kommen gut durch diese Pandemie, aber man muss daran arbeiten, beständig.
    Ich weiß noch nicht, was es mit uns ‚macht‘, aber ich weiß, dass ich darüber nachdenken muss, ob ich das zulassen möchte.
    Viele Grüße und gutes Durchhalten!

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  3. Es sind schwere und anstrengende Zeiten auch für die, denen es eigentlich gut geht. Du schilderst das sehr eindrucksvoll. 💐
    Mit meiner Rente komme ich zurecht, meine Kinder sind erwachsen, meine Wohnung und meine Umgebung sind wunderschön. Es geht mir also gut, meine Lieben und ich sind noch gesund. Und gerade heute hat sich trotzdem in mir der Gedanke festgesetzt: Ich bin seit fast einem Jahr mehr oder weniger allein. Und das macht sich allmählich bemerkbar. Ich halte mich mit der Hoffnung aufrecht, dass die Situation nächstes Jahr wahrscheinlich besser sein wird und ich meine sozialen Kontakte wieder in der Realität leben kann. Vielleicht gibt es schon früher Schnelltests für alle, das würde weiterhelfen. Bis bleiben wir virtuell verbunden und damit schicke ich Dir eine 💝liche Umarmung und liebe Grüße! Regine

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  4. Ich kann Dich in allen Punkten gut verstehen. Es sind schwere Zeiten. Wir müssen da durch und sollten uns nicht von „Uneinsichtigen“ beeinflußen lassen. Ich habe heute in meinem Beitrag sehr viele Kommentare gehabt, von Menschen die genauso denken. Vielleicht hilft das ein wenig.

    Gefällt 4 Personen

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