Damals im Wilden Westen…


Damals im Wilden Westen war alles besser.

Zum Beispiel dann, als man den, der einen falsch angeguckt hat, einfach abgeknallt hat. Ganz ohne Skrupel, kein Wimpernzucken, nichts.
Totenstille. Keiner sagte ein Wort, keiner bewegte sich.

Daneben stand der Mann mit der Mundharmonika und spielte langsam sein Lied.

Danach im Saloon eine Limo trinken, um dann das leere Glas mit Wucht an die Wand zu schmettern, weil doch noch einer schräg geguckt hat. Ha! Spätestens dann waren alle Aggressionen draussen, man ging nach Hause, um sich die Stiefel von den Füssen zu streifen und sich selbst auf die Couch fallen lassen…

So war das. Es war ganz einfach. Es gab die Guten und die Bösen und alle beide dachten, sie wären die Guten. Der, der schneller abdrückte, überlebte. Der andere nicht. Problem gelöst.
In den Rücken schiessen war verpönt, sowas tat man nicht als ehrenvoller Mann.
Oder Frau.
Schliesslich gab es auch berühmte Frauen im Wilden Westen.



Zum Beispiel Calamity Jane

Mein Name ist Calamity Jane. Eigentlich habe ich Martha Jane geheissen, sie fingen aber irgendwann an, mich Calamity Jane zu nennen. Ich wurde im Jahr 1856 in Iowa geboren. Als ich etwa zehn Jahre alt war, machten meine Eltern sich mit mir und meinen vielen kleinen Geschwistern auf den langen Weg nach Montana. Auf dem Weg kam meine Mutter ums Leben und zwei Jahre später verstarb auch mein Vater. Als Älteste schützte und beschützte ich meine kleinen Geschwister und mit etwa 12 Jahren begann ich, in Männerkleidern durch die westlichen Bundesstaaten zu reisen. Mit Gelegenheitsjobs wie zB als Kutschenfahrerin, als Krankenschwester, als Goldgräberin oder als Salondame hielt ich meine Geschwister und mich über Wasser.
Um zu überleben lernte ich, wie ich mir unter den Männern des Wilden Westens Ansehen und Respekt verschaffen konnte. Ich trank zu viel und rauchte, kaute Tabak und fluchte laut. Bald wurde ich zur Legende. Man kannte mich und die Leute erzählten einander weitherum Geschichten über mich. Ob vielleicht einige davon von mir selbst in Umlauf gebracht wurden und nicht so ganz wahr waren, weiss man bis heute nicht so genau.
So weiss man bis heute auch nicht ganz genau, ob ich damals mit dem Revolverschützen Bill Hickok verheiratet war und mit ihm eine Tochter hatte. In meiner Autobiografie habe ich jedoch geschrieben, dass ich eine Liebesbeziehung mit ihm hatte.
1881 habe ich in der Nähe des Yellowstone Parks eine Farm gekauft und betrieb dort für eine kurze Zeit eine Gastwirtschaft. Nach meiner Heirat mit einem Texaner und einem weiteren Umzug habe ich eine Tochter geboren, die jedoch bei Pflegeeltern aufgewachsen ist.
Ich wurde jung zur Alkoholikerin und geriet immer wieder in Auseinandersetzungen und Streit. Im Alter von 42 Jahren starb ich schlussendlich sehr einsam in einem Hotelzimmer. 42 war damals ein gutes Alter, das könnt ihr nicht mit 2020 vergleichen. Zu meiner Zeit betrug die durchschnittliche Lebenserwartung bei Frauen nur etwa 38 Jahre.
Ich glaube, viele von euch kennen mich vor allem aus den Lucky Luke Comics, in denen ich immer wieder mal vorgekommen bin.




Oder Adah Isaacs Menken
Mein Name ist Adah Isaacs Menken. Ich lebte ein paar Jahrzehnte vor Calamity Jane, nämlich um 1835. Ich war zu dieser Zeit die wohl berühmteste Schauspielerin, Kunstmalerin und Poetin. Ich bin in New York und San Francisco aufgetreten und danach auch in Europas Metropolen London und Paris. Ich spielte unter anderem auch am Broadway, leider dort nicht mit besonders grossem Erfolg. Die Presse verriss mich für diese Rolle und betitelte mich als „die schlechteste Schauspielerin der Welt“.
In vielen Shows war ich auf der Bühne auf einem Pferd zu sehen. Nackt. Die Männer liebten meine Show und ich verdiente ein Heidengeld damit.
Ich heiratete viele Male und war bekannt für zahlreiche Affären. Es wurde mir unterstellt, sich mit gewissen Männern, zum Teil doppelt so alt wie ich, einzulassen, um mir bzw. meiner Karriere Vorteile zu verschaffen. Sie hatten recht. Und ich war sehr erfolgreich damit.
Ich habe zwei Söhne geboren, leider starben beide kurz nach der Geburt.
Als ich mir mit der Schauspielerei einen Namen gemacht hatte, versuchte ich mich auch als Autorin. Zuerst schrieb ich vor allem über religiöse Themen und meinem jüdischen Glauben. Später dann über meine Ideen über die Rolle der Frau in der Welt. Ich veröffentlichte mehrere Bücher, mein letztes war zuletzt 1902 im Druck.
Ich starb im Alter von 33 Jahren, vermutlich an Tuberkulose. Ich wurde auf dem berühmten Friedhof Pere Lachaise in Paris beigesetzt und später auf den jüdischen Teil des Friedhofes Montparnasse umgesiedelt. Ob mein Grab noch heute dort zu finden ist, so wie das vieler anderer Berühmtheiten, weiss ich leider nicht.


Und Pocahontas

Ich glaube, viele Menschen kennen mich wohl aus der Disney-Geschichte Pocahontas und wissen gar nicht, dass ich wirklich gelebt habe. Wir gehen nun in der Geschichte noch ein paar Jahrhunderte zurück und zwar ins Jahr 1595. In diesem Jahr wurde ich nämlich in Virginia geboren als Tochter eines Indianerhäuptlings. Ich interessierte mich immer besonders für politische Themen, insbesondere für das Zusammenleben von Indianern und Kolonisten, das ja sehr problematisch und von Krieg und Gewalt durchzogen war. Ich setzte mich zeitlebens für Frieden ein. Die Rolle der Lieblingstochter half mir massgebend dabei, denn so hatte ich grossen Einfluss auf die Entscheidungen meines Vaters. Ich half den europäischen Siedlern, sich bei uns einzuleben. Ich lehrte sie unsere Sprache, wenn sie daran interessiert waren und zeigte ihnen, welche Pflanzen essbar sind.

Irgendwann wurde ich von englischen Schifffahrern auf ihr Schiff gezerrt und entführt und kam dann so nach England. Dort lernte ich den christlichen Glauben und seine Lehre kennen und konvertierte. Es ist davon auszugehen, dass das nicht freiwillig geschehen ist. Ich bekam sogar einen christlichen Namen, so wurde das ja gehandhabt. Ich hiess fortan also Rebecca.
Meine Heirat mit einem reichen Plantagenbesitzer verhalf mir zu einem besseren Ansehen in der englischen Gesellschaft und dadurch wiederum konnte ich das Zusammenleben der Völker zum positiven beeinflussen. Daraufhin herrschte ein acht Jahre langer Frieden zwischen ihnen, was einen positiven Einfluss auf zB. die Handelsbeziehungen hatte.
In englischen Adelskreisen wurde ich gern gesehen, meine Zartheit und meine jugendliche Schönheit kamen gut an. Ich wurde 1616 sogar als einzige indianische Botschafterin am englischen Königshof empfangen.
Im Alter von 22 Jahren war geplant, dass ich zurück nach Virginia reisen würde, ich starb jedoch, kurz bevor ich die Reise antreten konnte. Als Grund für meinen frühen Tod wurden Pocken, Tuberkulose, Lungenentzündung oder Typhus angegeben.
Noch heute findet man in den USA zahlreiche Ortschaften in verschiedenen Staaten, die nach meinem Namen Pocahontas benannt wurden.


Und dann war da noch Annie Oakley

Mein Name ist Annie Oakley, ich wurde 1860 in Ohio geboren, als fünftes von acht Kindern einer armen Quäker-Familie. Als ich sechs Jahre alt war, starb mein Vater und hinterliess uns mittellos. Ich kam zuerst auf die regionale Armenfarm, wo ich für meinen Unterhalt Kinderarbeit verrichten musste. Eine Schule besuchte ich nicht. Ich wurde als nächstes an eine Farmersfamilie vermittelt, wo ich unter einem sklavenähnlichen Verhältnis als Magd arbeitete. Dort wurde ich seelisch und körperlich aufs schlimmste misshandelt.
Nach der erneute Heirat meiner Mutter durfte ich wieder nach Hause zurückkehren.

Schon als kleines Mädchen entwickelte ich eine überdurchschnittlich gute Begabung für das Schiessen. Ich brachte es mir selbst bei, mit dem alten Gewehr meines Vaters. Als ich acht war, brachte ich regelmässig Kaninchen und andere kleine Tiere für den Kochtopf mit nach Hause. Ich jagte so erfolgreich, dass ich damit sogar Geld verdienen konnte und zur Haupternährerin der Familie wurde. Es dauerte nicht lange und ich wurde professionelle Jägerin und belieferte Lebensmittelläden, Restaurants und Hotels mit Wild. Nach fünf Jahren konnte ich mit meinen Einkünften die Hypothek auf die Farm des Stiefvaters zurückzahlen. Mein Ruf als gute Schützin verbreitete sich nicht nur in der Umgebung, sondern auch über die Grenzen hinaus. Ich nahm an vielen Schiesswettbewerben teil, war erfolgreich und ehrgeizig. Und wurde berühmt.
An einem dieser Schiesswettbewerben besiegte ich den Kunstschützen und Hundetrainer Frank E. Butler. Bei diesem Kennenlernen war ich 15 Jahre alt. Er verliebte sich in mich und heiratete mich. Butler brachte mir Lesen und Schreiben bei, später besuchte ich dann noch die Schule. Ich wohnte in dieser Zeit weiterhin bei meiner Mutter, da mein Mann mit Hundedressur-Nummern und später als Kunstschütze mit Showtruppen und Zirkusgruppen immer unterwegs war. Unseren ersten gemeinsamen Auftritt hatten wir im Mai 1882 als „Duo Butler and Oakley“. Wir zeigten Schiess-Kunststücke, Hundedressur-Nummern und später trat ich auch als Kunstreiterin auf.
Ich genoss es, mich ausgesprochen weiblich zu präsentieren und mir war es sehr wichtig, einen tugendhaften Eindruck zu machen. Dieses Image war insbesondere deswegen wichtig, um als Frau mit einem Gewehr aufzutreten zu können, jedoch nicht als Bedrohung gesehen zu werden. Ich schneiderte mir meine viktorianischen Bühnenkostüme selbst.
Obwohl ich immer im Osten der USA lebte, wurde ich zu einer Legende des Wilden Westens. Dazu beigetragen hat der berühmte Sioux-Häuptling Sitting Bull, der eine meiner Vorstellungen besuchte und mich danach in der Garderobe besuchte. Er war von meinem damenhaften, würdevollen Auftreten auf der Showbühne sehr angetan, adoptierte mich symbolisch und gab mir den indianischen Namen „Watanya Cecilia“, was man mit „Kleine Meisterschützin“ übersetzen konnte. Ein sehr passender Name, denn ich war ja nur 152 cm gross. Sitting Bull organisierte mir und meinem Mann Auftritte in Buffalo Bills berühmter Wildwest-Show, wo ich als allererste nicht-indianische Frau auftrat und Weltruhm erlangte. Als Hauptattraktion der Buffalo-Bill-Show reiste ich um die Welt und wurde zum internationalen Star. Ich traf mit meinen Schüssen in die Luft geworfene Würfel und ganz kleine Glaskugeln aus 30 Schritt Entfernung, durchlöcherte in die Luft geworfene Spielkarten, schoss meinem Mann die brennende Zigarette aus dem Mund. Ich traf immer. Noch heute werden übrigens in den USA die eingestanzten, entwerteten Eintrittskarten „Annie Oakleys“ genannt.
1894 stand ich mit andern Artisten der Buffalo Bill Wildwest-Show im Filmstudio vor der Kamera und spielte in einem der ersten Filmen der Filmgeschichte mit. Er hiess „The Little Sure Shot of the Wild West“ und wurde in den in Mode gekommenen Kinetoskopen gezeigt.
1901 zog ich mich aus der Buffalo Bill Show zurück, nachdem ich bei einem Eisenbahn-Unglück schwer an der Wirbelsäule verletzt wurde und teilweise gelähmt blieb. Trotzdem konnte ich auch danach noch an Schiess-Wettbewerben teilnehmen und einige Rekorde aufstellen.
Es gab Themen, für die ich mich Ende 1800 eingesetzt habe, für die sich Frauen noch im Jahr 2020 einsetzen werden, zB Frauenrechte. Schon damals setzte ich mich zB für Lohngleichheit ein. Ausserdem fand ich, dass Frauen Schusswaffen zur Selbstverteidigung tragen sollten und führte Schusswaffen-Kurse für Frauen durch. Und trotzdem sprach ich mich gegen das Frauenwahlrecht aus, was viele als paradox verstanden. Ich war immer bestrebt, von Männern nicht als Gefahr gesehen zu werden und mich dadurch Ärger einzuhandeln.
Im Alter von 62 Jahren erlitt ich zusammen mit meinem Mann einen Autounfall, von dem ich mich nicht mehr erholte. Vier Jahre später starb ich an Perniziöser Anämie. 18 Tage nach meinem Tod starb auch mein Mann eines natürlichen Todes.
Ihr kennt mich auch heute, wisst es aber nicht. Zum Beispiel brachte mich Playmobil in einem Westernset als Spielfigur heraus und im Shooter-Game Smokin‘ Guns kann man mich aus Figur wählen. Mir wurde eine Rolle in verschiedenen Comics gegeben und in Amerika gibt es mich als Spielfigur.


Zurück ins Jahr 2020.
15. September.
In meinem Kopf spielt der Mann mit der Mundharmonika sein Lied.
Ich atme tiiiiief durch.
Es fallen keine Schüsse, nicht mal imaginäre, denn heutzutage setzen wir mehr auf Kommunikation als auf Bleikugeln.
Ist vielleicht auch besser so….