Sterben.

Das Sterben.
Für die eine Person ist es das Ende von allem. Jedenfalls von allem was irdisch ist. Was danach ist oder ob überhaupt etwas ist, das weiss man ja nicht. Man glaubt.
Ich wollte schon seit langem darüber schreiben, aber ich tu mich schwer damit. Ich habe über den Tod geschrieben, über meine ganz persönlichen Erfahrungen damit. Ich denke immer wieder mal dran, es ist schon weit weg und manchmal doch immer noch sehr nah. Es gibt immer wieder Todesfälle, die mich sehr erschüttern und andere, die viele Menschen traurig machen und mich irgendwie recht kalt lassen. Weil ich mich abgrenze. Grund dafür ist, dass ich mich nicht mit Dingen belasten will, die mich nicht betreffen.
Ich versuche heute mal, dieses Thema nochmal anders aufzugreifen, denn wir alle werden unseren Weg mit dem Tod finden müssen. Mit dem Tod von Menschen, die wir gern haben und am Ende dann auch mit unserem.

Manchmal finde ich den Tod total okay. Ich weiss nicht, wie dieser Satz bei euch ankommt. Ich glaube, man sollte den Tod nicht okay finden bzw. es nicht okay finden, wenn jemand stirbt. Aber manchmal tu ich das. Einfach okay, nichts anderes. Meine Eltern sind ja beide früh gestorben. Meine Mutter sehr jung und mein Vater ein bisschen älter, aber zu früh. Ich glaube, das hat mich geprägt in meiner Meinung übers Sterben.
Der Mensch hat eine ungefähre Lebenserwartung. In der Schweiz beträgt dies im Jahr 2020 für Frauen 85 und für Männer 82 Jahre. Im Vergleich zu 1970 z.B. sind diese Zahlen um zehn Jahre gestiegen und das werden sie weiterhin tun, falls nun nicht Covid19 oder was auch immer dazwischen funken wird.

Das mit dem Alter ist eine schwierige Sache, finde ich. Menschen fühlen sich ganz lang nicht alt. Mein Ex-Schwiegervater in England wurde fast 95 und er hat sich selbst eigentlich bis zum Schluss nicht zu den alten Leuten gezählt. Ich musste immer ein bisschen schmunzeln, wenn er sich über die alten Leute geärgert hat, obwohl er langsam aber sicher zu den allerältesten gehört hat. Am Schluss war er sehr krank und halt wirklich auch sehr alt und sein Sterben dauerte schlussendlich etwa drei Monate. Ich habe das nur aus der Ferne mitbekommen, da ich in der Schweiz bin und die Verwandtschaft in England und halt auch, weil ich ja seit der Trennung nicht mehr wirklich Teil der Familie bin bzw. anders. Ich habe mich sehr abgegrenzt. Selbstschutz. Aber ich wünschte es ihm von Herzen, dass er loslassen und bald sterben darf. Was ich gehört habe, waren die letzten Wochen sehr schlimm und er hat gelitten und irgendwie wohl doch festgehalten. Wer weiss, was in so einem Mann vorgeht am Ende seines Lebens… Fast ein ganzes Jahrhundert, gefüllt mit allem, was das Leben zu bieten hat. Nur schon die ganze technische Entwicklung, die er miterlebt hat! Unvorstellbar. Und er hat aktiv im zweiten Weltkrieg mitgekämpft, ist am 6. Juni 1944 mit dem Fallschirm in der Normandie gelandet, um zu helfen, Hitler zu besiegen. Er hat nie gross über all das geredet, ich glaube er hat unfassbar schlimme Dinge erlebt. Als dann die Nachricht kam im letzten Sommer, dass er nun gestorben ist, war ich für ihn erleichtert und dankbar für seine Erlösung. Und für seine nahen Angehörigen, also z.B. für seine verbliebene Frau sehr, sehr traurig um ihren Verlust.

Und doch muss man vernünftig sein und den Tod akzeptieren, jedenfalls in diesem hohen Alter. Wenn ich manchmal in Todesanzeigen lese, dass „jemand viel zu früh von uns gegangen ist“ im Alter von irgendwie 87 Jahren, dann verstehe ich natürlich, dass es immer zu früh ist, weil wir sie nicht gehen lassen möchten. Und dennoch ist das der Lauf des Lebens. Wir Menschen werden nicht 150, es ist einfach so und wir wissen das. Traurig ist es natürlich dennoch jedesmal, wenn jemand stirbt. Trauer hat immer ihre Berechtigung und sieht bei jedem Menschen wieder anders aus, sie dauert auch unterschiedlich lang.
Vielleicht sollte man sich für jemanden, der sein Leben gelebt hat, aber auch über all die Jahre, die man mit ihm hatte, freuen. Trauern, aber auch dankbar sein. Für ein langes Leben. Für gemeinsame Erlebnisse. Für Erfahrungen. Und für Erlösung.
Ich bin mir bewusst, dass man vermisst. Darauf ist meine Aussage nicht bezogen. Trauern und vermissen dauert sehr lange und das darf so sein. Ich denke nur, dass man bei jemandem, der ein gewisses Alter erreicht hat, vielleicht den Tod eher verstehen oder akzeptieren kann.

Meine Freunde und Bekannten in meinem Alter haben alle unterdessen Eltern, die langsam alt werden. Einige haben bereits einen oder auch schon beide Elternteile verloren. Mich macht das jedesmal sehr traurig, weil ich weiss wie schlimm es ist, wenn die Eltern sterben. Auch wenn sie alt sind oder krank waren. Wenn Eltern sterben, ist das schlimm. In diesen Momenten bin ich froh, dass das bei mir schon viele Jahre her und verarbeitet ist, denn ich würde es nicht nochmal erleben wollen. Obwohl ich sie natürlich gerne noch bei mir hätte…

Dann gibt es Todesfälle, bei denen ein Aufschrei des Schreckens und der Trauer durch die Welt hallt. Wenn ein Schauspieler, Musiker oder sonst ein bekannter Mensch stirbt. Natürlich denke ich bei manchen, dass es tragisch ist und das ist es ja oft tatsächlich. Ich muss aber gestehen, mich lässt das relativ kalt, denn ich finde, da steigert man sich dann wirklich zu sehr hinein. Wenn irgendein Schauspieler stirbt, dann kennen wir ihn nicht wirklich als Mensch, sondern wir kennen seine Rollen. Wir sind nur geschockt wegen den Medienberichten und all dem drum und dran. Vermissen werden wir diesen Menschen im Alltag bzw. in unserem persönlichen Leben nicht.
Aber auch diese Menschen haben ein Privatleben. Auch sie hinterlassen Familie oder Freunde, die trauern und vermissen. Ich finde, dass dies auch immer respektiert werden soll. Egal, wer es ist und wann er gestorben ist. Gerade da bin ich ja sehr empfindlich, muss ich sagen. Dieser Respekt fehlt mir in den Medien oft. Ich finde nicht, dass Bilder von toten Menschen, egal ob Opfer oder Täter, irgendwo veröffentlicht werden dürfen. Ich will das nicht sehen und die Angehörigen dieses Menschen schon gar nicht. Und nicht nur das, sondern auch wenn solche Angehörigen nicht in Ruhe und Stille trauern dürfen, wenn sie belagert und fotografiert werden dabei. Sowas ist für mich der Gipfel der Pietätlosigkeit. Ein bisschen zu Kotzen….

Und dann gibt es Todesfälle, die erschüttern mich extremstens, auch wenn ich nicht direkt betroffen bin.
Meine Tochter war vor etwas mehr als einem Jahr sehr krank und musste ein paar Tage im Kinderkrankenhaus bleiben. Und ich natürlich mit ihr. Nach vielen Untersuchen wurde heraus gefunden, dass sie einen Virus hatte (nein, nicht Covid19, aber war auch nicht schön). Da man gegen Viren nicht wirklich etwas machen kann ausser Symptome bekämpfen, ging es ihr nach ein paar Tagen dann wieder besser und wir durften nach Hause.
Das war eine Situation, in der ich es richtig , richtig schlimm fand, allein zu sein. Das allein durchzustehen. Schon die Fahrt ins Krankenhaus war für mich schlimm. Die Nerven lagen ziemlich blank. Neben mir ein weinendes Kind mit 40 Grad Fieber und mit dem Verdacht auf Blinddarm. Und Feierabend-Stau. Als wir dann im Wartebereich des Notfalls sassen, lag sie in meinen Armen und ich machte mir viele Gedanken. In diesem Krankenhaus für Kinder passierten schlimme Dinge. Dinge, von denen ich mir nicht vorstellen kann, wie man sie als Eltern überstehen, ich möchte sogar sagen überleben, kann. Kinder, die schwer krank sind. Kinder, die für eine lange Zeit dort bleiben müssen. Kindern, bei denen es ungewiss ist, ob sie wieder gesund werden. Kinder, die sterben.
Und ich war dankbar, dass mein Kind zwar momentan ziemlich krank war, aber dass ich es bald wieder gesund mit nach Hause nehmen würde. Und damit kommen wir zum schwierigsten Thema…

Kinder, die sterben…
Darüber wollte ich seit Jahren schreiben und ich finde einfach keine Worte… Kinder sollten nicht sterben müssen. Unter gar keinen Umständen und gar, gar nie. Und Eltern sollten ihre Kinder nicht begraben müssen.
Ich finde auch, dass Eltern von Kindern nicht sterben sollten. Niemand sollte im Kindesalter seine Mama oder seinen Papa verlieren.
Diese beiden Vorstellungen sind für mich die schlimmsten überhaupt. Die Geschichten und die Menschen hinter solchen Todesfällen berühren mich mehr als alles andere und nur schon den Gedanken daran ertrage ich kaum.
Irgendwann werde ich ausführlicher darüber schreiben, aber nicht jetzt.


To be continued…. irgendwann….