Von Um- und Zusammenbrüchen.

2007 war irgendwie ein wichtiges Jahr für mich bzw jedenfalls eines, das viele Veränderungen mit sich gebracht hat.

Im Jahr 2007 habe ich geheiratet und zwar im Juli. Weil mein Vater kurz zuvor die Krebs-Diagnose bekam und es ihm nicht gut ging, haben wir lange überlegt, ob wir alles abblasen sollen oder nicht. Wir haben uns mit ihm zusammen entschieden, im kleinen Rahmen zivilisch zu heiraten in diesem Jahr und ein Jahr später, wenn er wieder gesund ist, noch ein grosses Fest zu machen. Dieses Fest fand dann genau auf den Tag ein Jahr später statt, leider war aber mein Vater dann nicht gesund, sondern bereits seit 8 Monaten tot.
Aber zurück zum selben Tag im 2007. Das war ein schöner Tag mit den uns nahestehendsten Menschen. Mein Vater wurde von einer Freundin der Familie im Krankenhaus abgeholt und danach wieder zurück gebracht. Er hat an der Hochzeit meine Schwiegereltern, die extra aus England angereist waren, zum ersten und letzten Mal gesehen, was für mich ein sehr berührendes Erlebnis war. Verständigen konnten sie sich nicht, denn die Schwiegereltern konnten nicht deutsch und mein Vater nicht englisch. Und doch haben sie sich verstanden. Die Schwiegermutter hat sich ihm untergehakt und ist ihm während der ganzen Zeremonie nicht von der Seite gewichen. Noch jetzt, wenn ich davon schreibe, treibt es mir vor Rührung die Tränen in die Augen, das war richtig schön.

Zwei Monate nach der Hochzeit zogen wir um. Eine grössere Wohnung, denn wer weiss, vielleicht würden wir ja nicht zu zweit bleiben…. Ein neues Zuhause.

Zu dieser Zeit habe ich in einer wunderschönen alten Villa am Vierwaldstättersee Menschen mit einer psychischen Erkrankung betreut. Mir hat diese Arbeit gut gefallen. Den Umgang mit diesen Menschen fand ich sehr spannend und zuweilen auch recht herausfordernd und lehrreich, was einen Job ja auch interessant macht. Leider passte ich total nicht in dieses Team, ich weiss noch Jahre später nicht, warum das so war. Ich verstand mich mit den einzelnen Teammitgliedern wirklich gut, wenn aber das ganze Team da war, gehörte ich nicht dazu. Ich glaube, meine damalige Chefin konnte mich nicht ausstehen. Ich war eine Sozialpädagogin mit viel Erfahrung und ich machte meinen Job gut und dennoch war es mir nicht möglich, ihr etwas recht zu machen. Sie kontrollierte mich, überwachte mich und egal, was ich machte, es war falsch. Ich glaube, das hat mich auch unsicher gemacht und mir zu dieser Zeit ziemlich das Selbstbewusstsein genommen.
Am Schluss fand sie es dann untragbar, mit mir auch nur eine Sekunde weiter zu arbeiten und wollte, dass ich gehe. Es gab keine Gründe, nur Antipathie ihrerseits. Im Nachhinein muss ich sagen, dass diese Frau mich wohl gemobbt hat und ich keine Chance hatte, denn sie war ja meine Abteilungsleiterin.
Ihre Vorgesetzte kannte mich aber von einer vorherigen Anstellung, wo sie bereits meine Chefin war. Sie wusste natürlich, dass da etwas nicht stimmen konnte, denn sie kannte mich ja gut und sie setzte sich sehr für mich ein. Sie wollte, dass ich bleibe, darauf habe ich aber dann verzichtet, denn unter solchen Bedingungen zu arbeiten, konnte ich mir nicht mehr vorstellen.

Ich erlebte es übrigens so, dass das Team immer hinter ihr stand und sich keiner zB für mich eingesetzt hätte oder in ihrer Anwesenheit freundlich zu mir gewesen wäre. Als ich geheiratet habe, waren sie alle zB zum Aperitif eingeladen und keiner kam. Ich glaube, das durften sie nicht, denn sie mussten ja loyal sein. Die oberste (oben genannte) Chefin kam aber. Und an meinem letzten Arbeitstag wurde ich von jedem kühl mit Handschlag verabschiedet, denn die Frau Diktatorin war ja anwesend. Nur eine Kollegin war irgendwo ihm Haus am Blumen giessen und ich ging sie zum Tschüss sagen suchen und sie war die einzige, die mich umarmt hat und mir alles Gute gewünscht hat. Das ist 13 Jahre her und ich war ihr so dankbar dafür, ich hab’s nicht vergessen. Weinend vor Erleichterung und auch vor Traurigkeit über diesen miserablen Abschied, sass ich danach in meinem Auto und fuhr weg, zurück geschaut habe ich nicht.
Der Abschied mit den Bewohnerinnen und Bewohner dieses Hauses war hingegen wahnsinnig herzlich. Ich weiss, dass sie mich sehr gern hatten und ich sie wirklich auch. Leider habe ich es nicht über mich gebracht, dort wieder mal hinzufahren, um sie zu besuchen. Ich erinnere mich an einige von ihnen sehr gut und denke zwischendurch an sie. Ich weiss, dass leider ein paar von ihnen nicht mehr leben.

Dann machte ich einen Schritt in die richtige Richtung. Aber sowas weiss man ja immer erst im Nachhinein. Wenn man einen neuen Weg einschlägt, ist das immer irgendwie ein Gang ins Ungewisse.
Ich hatte meinen letzten Arbeitstag Ende Oktober 2007 und fing meinen neuen Job am 2. November an. Ich hatte eigentlich einen ganz furchtbaren Start dort, denn elf Tage nachdem ich anfing, verstarb mein Vater unerwartet plötzlich. Er hatte seit Juni Speiseröhrenkrebs und es ging ihm wirklich schlecht. Er starb eigentlich genau dann, als wir es wirklich nicht erwartet haben. Er hatte ein paar Wochen Chemo- und Bestrahlungspause und fühlte sich gerade ein bisschen besser. Am Morgen des 13. November bin ich aufgewacht und hatte mein ungutes Vorahnungsgefühl. Das hatte ich damals schon, am Morgen als meine Mutter gestorben ist. Ich habe angerufen und mein Bruder ging ans Telefon und sagte, Paps schlafe noch, was ich wiederum sehr komisch fand, denn meistens hatte er so starke Schmerzen, dass er frühmorgens seine Medikamente benötigte. Mein ungutes Gefühl nahm ein unerträgliches Ausmass an und ich fuhr hin, um meinen Vater tot im Bett vorzufinden.
Ich glaube, ich war in einem fürchterlichen Zustand. Ich schwankte zwischen Zusammenbruch und Funktionieren, denn das musste ich ja. Ich war neben meinem Bruder jetzt die einzige, die von der Familie noch übrig war und er konnte ja nicht helfen bei all den organisatorischen Dingen, die zu erledigen waren und Trost spenden und Halt geben irgendwie auch nicht. Das habe ich alles gemacht.
Neben der Trauer und all den zu erledigenden Dingen, die ein Todesfall nach sich zieht, war ich nun also verantwortlich für meinen Bruder und das überforderte mich masslos. Unser Verhältnis war durchzogen, die letzten Jahre waren schwierig. Für ihn. Und für mich. Mir gegenüber war er oft sehr aggressiv, irgendwo mussten all die Aggressionen nach dem Unfall und der Frust über die Situation ja raus. Bei meiner Mutter ging das nicht und bei meinem Vater auch nicht, da blieb nur ich. Ich bin damals ja auch ziemlich plötzlich zuhause ausgezogen, als er mit einem Stuhl auf mich los ging.

Nun war vieles zu klären. Wo wird mein Bruder wohnen und wie? Braucht er Betreuung und wenn ja, in welcher Art usw usw…. Mein Bruder war zu dieser Zeit wirklich noch unselbständig, hat doch mein Vater alles für ihn gemacht. Er zog dann in seine eigene Wohnung, mit punktueller Betreuung und jemandem, der für ihm die Wäsche macht und putzt. Am Anfang habe ich für ihn eingekauft usw. Es war anstrengend. Viele Male hat er zB spät abends oder an Wochenenden angerufen, er habe keine Zigaretten mehr und ich musste ihm welche kaufen gehen und bringen. Und zwar sofort. Und gerade das hat mich zu Tode gestresst. Rauchen! Nachdem unsere Mutter und nun auch noch unser Vater an den Folgen davon gestorben sind… Ich habe ihn zu jedem Termin begleitet, mit ihm Anziehsachen gekauft usw., bis er das alles dann selbst lernte und viel selbständiger wurde. In dieser Zeit war ich für ihn eigentlich nur immer das Arschloch, um es geradeheraus zu sagen. Weil er nicht so selbständig und frei leben konnte, wie er es sich gewünscht hat und weil er nicht eingesehen hat, warum.
Dazu wie gesagt die ganzen organisatorischen Dinge, die Beerdigung und nach ziemlich kurzer Zeit dann natürlich auch die Wohnungsräumung und -auflösung. Das war für mich sehr schmerzhaft, denn das bedeutete dass ich kein „Elternhaus“ mehr habe und auch keine Eltern mehr. Kein „Zuhause“ mehr, wo die Wurzeln sind.

Und mein neuer Job…. So haben die mich also kennen gelernt. In einem jämmerlichen Zustand. Und sie hatten Verständnis. Ich habe frei bekommen, so lange wie ich benötigt habe. Wenn ich mich richtig erinnere, waren das zwei Wochen. Danach ging ich wieder arbeiten und tat hat mir soooo gut getan. Daran erinnere ich mich tatsächlich noch sehr gut. Immer wenn ich dort war, ging es mir gut. Die Arbeit mit den Jugendlichen gefiel mir total und lenkte mich ab, ich ging voll auf in diesem Job. Ich liebte ihn. Und das war ein sooooo tolles Team dort. Ich muss wirklich sagen, ich liebte dieses Team. Dazu kam, dass ich eine Chefin hatte, die mich und mein Potential einfach erkannt hat und mir damit mein Selbstwertgefühl, das die vorherige kaputt gemacht hat, wieder zurück gegeben hat.
Es ging eine ganze Weile so, dass ich mich bei der Arbeit wirklich gut gefühlt habe und irgendwie erholen konnte, während ich privat sehr traurig war und viel weinte.
Unterdessen arbeite ich nicht mehr dort, aber ich denke noch dankbar und gern an diesen Arbeitsort zurück und auch an die Menschen dort. Ich glaube nicht dass sie wissen, wie viel sie mir gegeben haben.

Das zweite Elternteil zu verlieren empfand ich fast noch einschneidender als damals, als meine Mutter gestorben ist. Ich hatte in den letzten Monaten eine engere Beziehung zu meinem Vater aufgebaut. Ich half ihm viel und war auch viel bei ihm. Er war gefühlsbetonter und zugänglicher als ich ihn vorher kannte, das war eine wertvolle Zeit. Ich war traurig für ihn und bin es noch, weil er so früh sterben musste und doch muss ich auch sagen, ich gönne es ihm von Herzen, erlöst worden zu sein. Bald wäre es weiter gegangen mit Chemo und Bestrahlung und das hätte ihn wieder wahnsinnig mitgenommen. Er konnte schon lange nichts Festes mehr zu sich nehmen, ernährte sich von diesen flüssigen Ernährungsdrinks, war sehr dünn und sehr geschwächt. Und er hatte sehr, sehr starke Schmerzen. Null Lebensqualität. Und wer weiss, was mit der nächsten Chemo und der nächsten Bestrahlung passiert wäre. Ich bin froh, dass es ihm erspart geblieben ist…
Ihm wurde vieles erspart, glaube ich.
Auch das Scheitern meiner Ehe. Leider hatte er aber auch nie die Gelegenheit, meine Tochter kennen zu lernen und das tut mir sooo Leid, auch für sie, denn sie hätten sich so sehr geliebt, da bin ich mir ganz sicher.

Das war also mein Jahr 2007. Ich würde nicht sagen, dass es ein schlechtes Jahr war, aber ein sehr einschneidendes. Eines, das mich wohl sehr reifen liess und eines meiner intensivsten.

Und was hast du 2007 so gemacht?