Alles und ganz viel Glück unter einen Hut bringen

Ich habe in der letzten Zeit immer wieder Situationen erlebt, in denen ich mir Gedanken gemacht habe darüber, was es bedeutet, im Leben erfolgreich zu sein. Es geschafft zu haben, wie man so schön sagt.
Aber was ist dieses „ES“ denn eigentlich? Das grosse Glück, die grosse Liebe, Attraktivität, Gesundheit, Arbeit, Heirat, Kind, Haus, Boot, Reisen, Golf spielen, Freunde haben, Geld haben oder was eigentlich?

Ich bin unterschiedlichen Menschen begegnet, die bei mir diese Fragen ausgelöst haben. Aus meiner Sicht aus betrachtet, so perfekt und sorglos, fast ein bisschen glitzernd. Aber ist das alles das, was sie sich gewünscht hatten oder wünschen sie sich noch mehr oder gar anderes?
Manchmal sieht so ein Menschenleben von aussen so perfekt, so schön aus, aber ob der Mensch selbst das auch so empfindet, weiss man nicht.

Jedenfalls habe ich über mein Leben nachgedacht.
Und ich glaube, dass dieses Erfolgreich Sein bei jedem wohl etwas anderes sein kann. Und dass Begriffe wie Glück, Zufriedenheit, Erfolg, Geborgenheit und Liebe von Person zu Person unterschiedlich definiert und noch unterschiedlicher gefüllt werden. Je nach Situation, je nach Charakter und Möglichkeiten und ich glaube auch, je nachdem, was diese Person in der Vergangenheit erlebt hat.
Aus dem was uns fehlt, formt sich das was wir suchen und anstreben, würde ich sagen. Vielleicht.
Ich glaube, das Glück – was auch immer es ist – ist für ganz viele Menschen etwas weit Entferntes und nie Erreichtes und nur die ganz besonders Glücklichen realisieren, dass sie bereits davon umgeben und mittendrin sind.

Ich weiss aber nicht, ob das Glück und das Glücklich Sein dasselbe ist wie im Leben etwas erreicht zu haben. Bestimmt nicht für alle. In unserer Gesellschaft hat „erfolgreich sein“ ja auch ganz viel mit materiellen Dingen zu tun. Damit, diese Dinge für sich zu geniessen, aber auch damit, andern zu zeigen, dass man diese Dinge hat. Das gibt einem ein gutes Gefühl. Aber auch damit, dass materieller Reichtum uns ganz, ganz viel Sicherheit und Unbeschwertheit vermitteln kann.
Und doch sagt man, Geld allein mache auch nicht glücklich.
Aber was denn noch? Liebe? Geborgenheit? Freiheit? Sorglosigkeit?
All diese Begriffe bedeuten für jede etwas anderes.
Für den einen bedeutet Glück, eine Familie zu haben, für den andern bedeutet es, gesund zu sein und für wieder einen andern ist es das grosse Glück, in der Welt herum zu reisen und ein anderer sieht sein grosses Glück im erfolgreich sein im Job.
Für die eine bedeutet Geborgenheit, sich in ihrer Wohnung sicher und wohl zu fühlen, für jemand anderer bedeutet es, zu jemandem zu gehören, sich geliebt zu fühlen.
Dasselbe mit Sicherheit. Wir können nahestehende Menschen als Sicherheit empfinden, Geld oder was auch immer. Wir hier haben bestimmt eine ganz andere Definition von Sicherheit, verglichen mit zB einer Frau in Afghanistan, die Angst haben muss, getötet zu werden, wenn sie ihr Haus verlässt oder auch wenn sie es nicht verlässt.
Und ich glaube, fast noch unterschiedlicher ist es mit der Liebe. Wir lieben aus unterschiedlichen Gründen und Bedürfnissen heraus genau die Person, die wir lieben. Und auch wenn wir nicht lieben, hat das seine Gründe. ZB kann Sicherheit ein Grund zum Lieben, aber auch zum Alleine bleiben sein, je nachdem welche Erfahrungen man gemacht hat. Liebe ist sehr vielschichtig.

So habe ich mich vor einiger Zeit mit einer alten Freundin seit langem wieder getroffen und unterhalten und das war sehr spannend. Sie führt seit ein paar Jahren ein Leben, das kann man sich als „normaler Mensch“ kaum vorstellen. Sie hat alles, was ich nicht habe, wenn man das so pauschal sagen kann und ich habe alles, was sie nicht hat. Ich hatte im Gespräch ganz unterschiedliche Gedanken und Gefühle und eines davon war, dass ich ihr ihr Glück (ich hoffe dass es das ist) von Herzen gönne. Zum andern habe ich gemerkt, dass ich nicht mehr so mag von mir erzählen, weil neben ihren Erzählungen mein Leben sehr erbärmlich ausgesehen hat. Aber das ist okay, ich fand es interessant zuzuhören und zu staunen.

Nach diesem Nachmittag bin ich nach Hause gefahren und habe mir echt viele Gedanken gemacht. Ich hatte ganz fest das Gefühl, dass sie genau das gefunden hat, erreicht hat, was sie sich total gewünscht hat immer. Um ehrlich zu sein, habe ich mir auch überlegt, ob ich neidisch bin. Und gemerkt, dass ich es nicht bin. Das was sie hat, macht sie sehr happy. Mich würde es wohl entlasten und mir viele, viele Sorgen und Gedanken nehmen, aber MEIN Leben wäre das nicht.
Und so habe ich in diesen Gedanken realisiert, dass ich glücklich bin mit meinem Leben. Ja, wirklich. Glücklich. Dass ich andern ihr Glück und ihr Leben gönnen kann und ich meines mit allem drum und dran liebe. Ich glaube, das war meine persönliche Erkenntnis dieses Jahres. Ich finde es gut so wie es ist und ich liebe es.
Es ist zuweilen etwas anstrengend, zugegeben. Ich muss meine Energie immer wieder sehr gut einteilen und komme trotzdem immer mal wieder an meine Grenzen auf ganz verschiedenen Ebenen. Ich weiss, dass das noch ein paar Jahre so sein wird und in die Ferien fahren irgendwohin nicht in Frage kommen wird. Es ist wie es ist. Und man hat was man hat. Nicht mehr und auch nicht weniger. Auch zuhause kann ich mir kleine Oasen schaffen.
Und es gibt auch Momente, da fühle ich mich allein, obwohl ich so ziemlich gar nie allein bin. Diese Momente hatte ich früher öfter, jetzt nur noch ganz selten. Vermutlich dann, wenn ich nur noch wenig Kraft habe und mir wünschte, mir würde jemand beim Tragen helfen.

Ich habe mich grad diese Woche mit einer Frau unterhalten, die vor Jahren ihre vier Kinder, eins davon mit einer Einschränkung, allein aufgezogen hat. Sie hat gesagt, dass sie dieses Allein-Gefühl sehr ausgeprägt hatte und das während der ganzen Zeit sehr schwer gefunden hat. Ich kann das gut nachvollziehen, obwohl es mir nicht ganz so geht. Aber den Gedanken „es gibt auf dieser Welt niemanden (ausser mein Kind natürlich, aber das ist etwas anderes), der mich liebt“, den kenne ich auch. Ich mag ihn nicht. Aus diesem Grund vermeide ich ihn so gut es geht. Klappt ganz gut.

Es wird immer wieder Momente geben, in denen ich mich in Gesellschaft irgendwie als Aussenseiterin fühle. Ich muss das nicht, ich weiss, aber manchmal ist es halt trotzdem so.
So habe ich vor ein paar Wochen in einem Gremium an einer Sitzung teilgenommen, wo jede und jeder sich zuerst mal vorgestellt hat. Dabei haben sie auch ihren Partner bzw. ihre Partnerin erwähnt und ich war da die einzige Alleinerziehende und Alleinstehende. Ich bin mir blöd vorgekommen und ich habe mich geschämt in diesem Moment. Weil ich in diesem Moment dachte, dass ich so ziemlich alles, was ich in meinem Leben erreicht hatte bisher, verloren habe. Die andern sind daran nicht schuld, diese Gedanken werden in mir selbst ausgelöst durch die Auseinandersetzung mit mir und meiner neuen Rolle zuhause und auch in der Gesellschaft. Mit der zuhause habe ich mich gut arrangiert. Mit der in der Gesellschaft noch nicht so ganz, denn das ist schon schwieriger. Man ist als Alleinerziehende wohl sehr damit beschäftigt zu funktionieren, zu arbeiten, zu haushalten, zu erziehen, Geld zu verdienen, möglichst flexibel zu sein, dass man keine Zeit dafür hat, sich für sich und andere Alleinerziehende stark zu machen. Deswegen ist man mit seinen Themen allein, obwohl es so viele Alleinerziehende gibt. Aber das sind wieder andere Themen.

Ich glaube jedenfalls, dass es notwendig ist, sich diese Gedanken zu machen Die Gedanken, was uns glücklich macht und was wir im Leben erreichen und leben möchten, denn die Zeit läuft und läuft und kommt nie mehr zurück. Es ist gut, auf dem Weg zu sein und ein Ziel im Auge zu haben…
Und das ganz persönliche kleine oder grosse Glück im Alltag zu sehen und zu geniessen. Ich probiere das auch. Es gelingt manchmal schon ganz gut.









Same procedure again…

Vielleicht gibt es nichts interessanteres als ein Menschenleben, denn wo Menschen leben passiert ganz schön vieles. Viel Alltägliches, viel Routine, viel Schönes, Neues und Wunderbares. Viel Trauriges, Schreckliches und grosse Schicksale.

Für jeden ist wohl das eigene (Er-)Leben der Massstab, an dem andere gemessen werden. Manchmal finden wir, dass unser Erlebtes das Tollste ist und manchmal das Schlimmste von allen. Manchmal denken wir, wir müssten am meisten tragen, am meisten erdulden und erleiden. Wir wünschen uns irgendwas (eine Freundin, ein Kind, ein Auto, heiraten, einen neuen Job, ein Erlebnis, Ferien, einen Hund….), erreichen (bekommen, kaufen…) es…
Und dann dauert es nicht lange und es wird zur Routine. Wir haben uns dran gewöhnt, kennen es in- und auswendig, sooooo interessant ist es gar nicht mehr, wir langweilen uns damit ein bisschen…
Wir wünschen uns, aus der Routine ausbrechen zu können, möchten etwas Neues, Anderes erleben, finden unseren Alltag öde und zu unspektakulär. Immer dieselben Abläufe, derselbe Trott…

Manche brechen dann tatsächlich aus, erleben Neues und Spannendes und fühlen sich damit auch selbst wieder begehrenswerter und interessanter… und auch das Neue wird irgendwann Alltag. Same procedure again…

Bei andern ist es andersrum. Sie werden aus dem Alltag rausgerissen, weil irgendwas passiert. Etwas, was unsere ganze Aufmerksamkeit fordert, unsere ganze Energie und uns in sich aufsaugt. Zum Beispiel, wenn man der Partner einer solchen Person ist, die etwas Neues erleben will bzw es tut. Oder halt andere Sorgen, es gibt davon ja genügend und für jeden seine ganz persönlichen kleineren oder grösseren Katastrophen.

2020 ist ja so ein Jahr. Das hat es wirklich in sich.
Es ist mein zweites Jahr seit der Trennung. Man sagt, das erste sei das schwierigste und das war es auch, in vielerlei Hinsicht bzw vermutlich vor allem, weil die persönliche Befindlichkeit noch krisenhaft und ansonsten alles neu und ungewohnt war.
Jedenfalls erinnere ich mich sehr gut an Ende 2019. Ich habe mich auf 2020 gefreut. Auf ein Jahr, das besser werden sollte und noch ein bisschen einfacher vielleicht. Wieder ruhiger werden, vielleicht sogar wieder ein bisschen glücklich manchmal… Nicht, dass ich das 2019 nie war, aber da war bzw ist noch viel Luft nach oben.

Und dann kam Corona mit all seinen Konsequenzen. Das wäre eigentlich schon genug, noch mehr Schwierigkeiten braucht echt keiner. Aber wir wissen es ja. Da wo ein Hund hin pisst, pissen dann all die andern auch hin.
(Ich hab gedacht, ich erfinde mal ein neues Sprichwort. 🙂 )

Ich kann sagen, Corona selbst hatte auf mich keine allzu grossen Auswirkungen. Während des Lockdowns natürlich schon, wie in verschiedenen Texten beschrieben. Ich fand das furchtbare zwei Monate und hätten die noch länger gedauert, ich hätte es nicht mehr geschafft, alles unter einen Hut zu bringen. Während einige die Ruhe und das Nichtstun sooo sehr genossen haben und dies sogar in Langeweile überschwappte, waren für mich bei Homeschooling und Arbeit 24 Stunden pro Tag zu wenig. Und ich sehr unentspannt. Gut, dass es dann mal vorbei war bzw. der Lockdown und ein paar Massnahmen gelockert wurden.
Seitdem fühle ich mich eigentlich nicht eingeschränkt, mein Leben verläuft ziemlich normal. Ausser dass ich mich auf Abstand achte und wirklich viel weniger soziale Kontakte habe, ist alles normal. Und wir sind gesund geblieben bisher, das ist gut.
Ich rege mich nicht darüber auf, dass ich weder auf Konzerte noch auf Parties kann, denn das tu ich aus andern Gründen sowieso schon länger nicht mehr. Also gehts mir eigentlich ganz gut, trotz den Massnahmen, die wir einhalten, um Corona möglichst nicht weiterzuverbreiten.

Aber es ist echt viel anderes dieses Jahr. Ich löse eine schwierige Situation und schwupps, die nächste ist schon da. Es ist tatsächlich momentan ziemlich energieraubend, sich die meiste Zeit über irgendwas grosse Sorgen zu machen. Und es ist schwierig, dies zu machen, ohne dass das Kind etwas davon mitbekommt. Ich versuche es, aber es ist nicht mehr immer möglich zur Zeit.

Natürlich schaffe ich es. Ich schaffe alles. Und zwar aus einem ganz einfachen Grund: Es gibt keine Alternative. Es sind immer Dinge, die ich im Moment zwar als dramatisch erlebe, wohl weil meine Energie schwindet, die aber lösbar sind.
Ich schaue in die Welt hinaus und sehe ganz andere Probleme. Die richtig grossen. Andere Menschen, die mit Situationen zu kämpfen haben, in denen es ihnen nicht möglich ist, selbst eine Lösung zu finden. Zum Beispiel all die Menschen, die aus ihrem Zuhause geflüchtet sind, in Moria eingepfercht waren und jetzt irgendwo sind. Viele wohlhabende Länder, viele wohlhabende Menschen rundherum wollen davon nichts wissen.
Rassismus nimmt zu. Rechtsradikales Denken. Und es wird geduldet, ja sogar unterstützt. In der Schweiz, in Deutschland, in den USA.
Menschen haben Angst. Die einen, dass sie eingeschränkt werden. Ihrer Rechte beraubt. Sie schreien es raus, sie wollen keine Diktatur, keine Massnahmen gegen Corona. Flüchtlinge sollen dort bleiben wo sie sind oder gleich zurück in ihr Land gebracht werden. Die SVP nennt die Flucht „eine Reise ins Traumland“. Es wird nicht weit gedacht, nicht in die Weite geschaut. Die Angst ums eigene Portemonnaie verhindert so manches, egal in welchem Bereich… Umweltschutz, Flüchtlingswesen, Corona und Gesundheitswesen…
Es geht ums Geld. Einige Musiker oder Künstler stellen sich gegen die Corona-Massnahmen, hetzen und motivieren auch andere sich aufzulehnen. Aber ist dieses Engagement ehrlich oder gehts da einfach nur um die eigenen Interessen? Natürlich verstehe ich, dass sie schon eine Weile wenig oder gar kein Geld verdienen können und das ist schlimm. Aber vielleicht sollte man da sein Beweggründe doch ein wenig mehr hinterfragen?

Jeder von uns hat ein einziges Leben, das er leben muss oder im besten Fall darf. Jeder hat ein Recht auf ein schönes Leben. Ich finde es nicht in Ordnung, dass zu meinen Gunsten andere leiden müssen oder der Planet kaputt gemacht wird. Ich bin fürs Miteinander und fürs Einander helfen, auch wenn sich das nicht immer so einfach gestaltet. Ich würde mich immer für die Schwächeren einsetzen. Leider ist es so, dass dies sehr oft auf der finanziellen Ebene statt findet und genau da sind mir momentan recht die Hände gebunden. Aber irgendwann wird dies anders aussehen. Und das Finanzielle ist nur ein Teil der Unterstützung, es gibt noch andere.
Typischerweise schweife ich wieder mal ziemlich ab…

Also. Zurück zum 2020.
Ich hatte mir für dieses Jahr ja vorgenommen, mich wieder mehr am sozialen Leben zu beteiligen. Mich wieder öfter mit andern treffen. Freundschaften pflegen. Vielleicht sogar im Leben neuer Menschen aufzutauchen bzw. sie bei mir. 2020 macht es mir nicht einfach, muss ich sagen. Aber es ist, wie es ist. Als alleinstehende Frau mit Kind fühle ich mich aber tatsächlich ziemlich isoliert manchmal. Ich habe voll Bock drauf, Menschen zu begegnen, hinter deren Fassade zu gucken und Lebensgeschichten zu hören. Ist dies nicht irgendwie das Salz in der Suppe des Lebens?
Mir ist in der letzten Zeit aufgefallen, dass es mir fehlt, meine Gedanken oder halt auch meine Sorgen mit jemandem besprechen zu können. Es ist nie jemand da, der zuhört, wenn ich krank vor Sorge bin oder mich in etwas hineinsteigere. Niemand, der sich wirklich interessiert. Niemand, der mit mir am gleichen Strick zieht. Mir fehlt kein Partner, ich wünsche mir auch keinen. Aber trotzdem vermisse ich diesen Teil. Ich kann das nicht alles in mir drin behalten, denn das macht mich krank. Aber teilen kann ich es auch nicht bzw ein paar Dinge erzähle ich schon, ich bin da ja eher offen. Aber das ist längst nicht alles und genau das, was man nicht erzählt, plagt einem doch irgendwie tief drinnen ganz besonders stark.
Das ist wohl der nächste Punkt, an dem ich arbeiten werde und dann kommt dann wieder ein neues Thema. Wir kennen es….

Das Reifen und Entwickeln hört nie auf und irgendwie ist es wohl gut so.
Und ich wünsche mir ein kleines bisschen mehr Routine und Alltag und gleichzeitig auch ein kleines bisschen mehr Abwechslung, spannende Menschen, mehr Kommunikation.

Die (fehlende) Wertschätzung von Care-Arbeit und Erziehung

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Dasselbe Volk, das auf dem Balkon fürs Gesundheitspersonal applaudiert, zieht über Eltern bzw. vor allem wohl über Mütter her, denen die letzten zwei Monate alles zuviel wurde… Und dieselben Menschen merken nicht, dass sie sich da selbst widersprechen, denn es geht um Wertschätzung und um die Aufwertung der Arbeit, die „früher“ und auch oft heute noch vor allem von Frauen, aber nicht nur, z.B. in Familien übernommen wurde und wird. Es geht um die Pflege, um die Erziehung, die Arbeit in der Familie und im Haushalt. Um unbezahlte oder schlecht bezahlte Arbeit, wenn wir ehrlich sind.
Die Angst vor dem Corona und die Angst davor, vielleicht auf Gesundheitspersonal angewiesen zu sein, falls man erkrankt, hat ein bisschen wach gerüttelt. Aber nur ein bisschen und eigentlich auch nur, um den eigenen Arsch zu retten, wenn ihr mich fragt. Geht’s dabei tatsächlich darum, sich für bessere Arbeitsbedingungen und bessere Bezahlung für das Personal in diesem Sektor oder ging es einfach darum, sie alle schön bei Laune zu halten? Sie zu ermuntern, sich weiterhin den Arsch aufzureissen und nicht aufzugeben, denn wir alle sind potenzielle Patienten und wir alle möchten gerettet werden, falls es hart auf hart kommt.

Und was ist mit dem Personal in Alters- und Pflegeheimen, die wohl seit Jahren knapp sind an Mitarbeitenden und alles ihnen mögliche tun, um den betagten Menschen einen angenehmen und glücklichen Lebensabend zu bieten. Diese Arbeit ist weitaus mehr als „nur“ Pflege, worauf sich aber viele Institutionen wohl reduzieren mussten. Dabei ist es doch ebenso wichtig, Zeit zu haben für diese alten Menschen. Ein Schwätzchen zu halten zwischendurch. Zuzuhören, denn ich könnte mir vorstellen, dass sie zum Teil echt viel zu erzählen haben, zu verarbeiten haben. Spazieren zu gehen, einfach Zeit zu haben, ohne von Klient zu Klient zu hetzen.
Vielleicht sehe ich das ganz falsch, keine Ahnung. Ich habe keinen Einblick in solche Institutionen, meine Worte sind einfach meinem Vorstellungsvermögen entsprungen und vom Gefühle her würde ich sagen, total unrealistisch sind sie nicht.

Dasselbe tut das Personal in Institutionen, zB für behinderte Menschen. Tagein, tagaus, egal was passiert. Betreuungsarbeit ist soooo viel mehr als nur Arbeit.
Und da spreche ich jetzt in Wir-Form, denn in diesem Bereich arbeite ich. Am Anfang meiner Tätigkeit habe ich mit Jugendlichen gearbeitet (Dissozialität und später mit Jugendlichen mit psychischen Problemen oder Lernschwierigkeiten). Danach zog es mich in ein Kleinkinderheim, wo Kinder wohnten, die aus irgendwelchen Gründen nicht zuhause wohnen konnten oder durften. Später betreute ich psychisch kranke Erwachsene und danach nochmal Jugendliche und seit ein paar Jahren nun erwachsene Männer und Frauen mit einer geistigen Behinderung. Wie es typisch ist im sozialpädagogischen Bereich, habe ich immer im stationären Bereich gearbeitet. Die Menschen, mit denen ich zu tun hatte, haben also dort gewohnt, manchmal für immer, manchmal für eine längere Phase oder einfach für eine Weile.

In meiner Arbeitszeit begleite ich also Menschen, die mit mir sozusagen ihre Freizeit verbringen. Ich arbeite in ihrem Zuhause. Und ich bin eine sehr wichtige Bezugsperson, für einige sogar die wichtigste, die sie momentan haben. Das ist eine grosse Verantwortung, die soll mit Sorgfalt getragen werden wie alles andere in diesem Beruf ebenfalls

Ich bin noch in Kontakt mit zwei, drei Jugendlichen, die ich damals einen Teil auf ihrem etwas holprigen Weg begleitet habe. Unterdessen sind sie natürlich erwachsen und eigentlich gar nicht so viel jünger als ich es bin. Es hat einige dabei, die als Kind fast ausschliesslich in Heimen gelebt und unter den Beziehungsabbrüchen zu ihren Bezugspersonen sehr gelitten haben. Denn wenn eine Betreuerin kündigt, verliert der betreute Mensch unter Umständen eine ihr sehr nahestehende Person. Eine, die ihm zugehört hat, die ihm geholfen hat einige seiner Ziele zu erreichen, eine die konstant immer wieder da war, eine auf die er sich verlassen konnte, eine die ihn in seinen Schwierigkeiten unterstützte und in seinen Fähigkeiten bestätigte und förderte. Und halt einfach Zeit mit ihm verbrachte und zwar in seinem Wohnbereich, was ja etwas sehr privates ist. Es gibt auch Bereiche in unserer Arbeit, wo man dem Klientel körperlich sehr nah kommen muss, z.B. wenn man ihnen beim waschen helfen muss oder sowas. Ich muss das nicht und mir wäre das auch gar nicht gegeben. Ich habe mir mein berufliches Umfeld immer so ausgesucht, dass Pflege da nicht dazu gehört.
(Bei all diesen oft privaten Themen und unserem Aufhalten im Privat- und manchmal sogar im Intimbereich dieser Menschen ist eine professionelle Beziehung und Vorgehensweise neben Fachkenntnissen natürlich sehr wichtig.)

Ich finde es sehr wichtig, dass mit all diesen Menschen gut ausgebildete Fachkräfte arbeiten. Jeder Mensch hat ein Recht darauf und auch ganz bestimmt vor allem im Gesundheits- und Pflegebereich. Und genau da wird am ersten gespart, wenn gespart werden muss. Seit Jahren. Oder seit immer?
Wie wäre es, wenn es im Coiffeurgeschäft zu wenig Angestellte hätte und die Coiffeuse kaum richtig Zeit für euch hätte und deswegen allen die selbe Frisur und Farbe auf den Kopf knallen würde? Oder wie wäre es, wenn der IT-Mann, der gerade arbeitslos ist, beim Bäcker als unausgebildete (Billig-)Arbeitskraft arbeitet und dort Brötchen backt? Sie wären günstig und es gäbe viele, aber sie wären trocken und hart wie Stein. Oder wie wäre es, wenn der Gärtner nicht mehr soooo Bock auf seinen Beruf hat und statt Hecken nun lieber Zehennägel schneidet, davon aber keine Ahnung hat? Oder wie wäre es, wenn die Bundesregierung sparen müsste und überall schlecht qualifizierte Präsidenten die Staaten regieren würden? Wäre das auch in Ordnung?

Den Berufen im Gesundheits- und Sozialbereich wird keine grosse Wichtigkeit, kein grosser Stellenwert zugeschrieben. Noch immer. Obwohl das Dienstleistungen sind, die die meisten von uns irgendmal in unserem Leben in Anspruch nehmen werden müssen.
An der Haltung der breiten Bevölkerung hat auch Corona nichts geändert, das sind Meinungen und Haltungen, die wir Menschen in unserer Gesellschaft seit Jahrzehnten, Jahrhunderten in uns verankert haben. Wertvorstellungen, die wir übernehmen, Generation für Generation. Da wird ein bisschen applaudiert und das war durchaus nett, versteht mich nicht falsch. Aber bringts jemandem etwas? Nein. Es würde all diesen Berufsleuten und den betreuten Personen weitaus mehr helfen, wenn ihr sie auch wertschätzt, wenn ihr gesund seid. Und vor allem, wenn ihr bei Wahlen und Abstimmungen an die Institutionen im Gesundheits- und Betreuungswesen denkt und Parteien wählt, die sich für soziale Anliegen einsetzen.

Wir denken ja, dass wir in einer aufgeklärten Gesellschaft leben. Offen und modern. Und schon recht emanzipiert. Aber das stimmt nicht. Und die vergangenen acht Wochen haben dies sehr deutlich gezeigt, finde ich.
Die Schulen wurden geschlossen und das war bestimmt eine gute Entscheidung. Und da ist man wohl davon ausgegangen, dass eine Familie aus einem Vater, einer Mutter und einem, zwei oder drei Kindern besteht. Ein Elternteil arbeitet, im traditionellen Rollenverständnis wohl der Vater, und die Mutter ist Hausfrau und ist dementsprechend zuhause. Deswegen ist es gut machbar, die Kinder zuhause erstens zu betreuen und zweitens sie beim sogenannten Homeschooling zu begleiten. Mehrere Stunden am Tag.

In dieser Planung wurden ganz viele vergessen und meiner Meinung nach auch ziemlich verheizt. Nämlich die berufstätigen Mütter und auch die alleinerziehenden Mütter, die ja meistens auch berufstätig sind, denn sie müssen Geld verdienen, um eine Familie zu ernähren. Der Arbeitgeber erwartet 100prozentigen Einsatz und in einer Krisenzeit vermutlich noch mehr als das. Zu Recht, denn er ist ja auf diese Fachkraft angewiesen und bezahlt ihr am Ende des Monats ihren Lohn.
Es war ganz selbstverständlich, dass Mütter das alles irgendwie auf die Reihe kriegen. Ich finde, da wurden sie wirklich überhaupt nicht ernst genommen erstens in ihrer beruflichen Tätigkeit und zweitens auch als Mutter. Es war z.B. selbstverständlich, dass eine Frau Homeschooling machen kann mit den Kindern, während sie gleichzeitig Homeoffice machte. Aber Homeoffice bedeutet eigentlich, dass zuhause gearbeitet wird und zwar genau so viele Stunden wie normalerweise am Arbeitsort. Ja, wirklich. Aber wie soll denn das gehen, wenn die Kinder zuhause sind man neben dem eigentlichen Job auch noch Lehrerin sein soll? Andere müssen am Arbeitsort arbeiten, währenddem sie gleichzeitig zuhause die Kinder betreuen sollten. Da entsteht viel Druck, viel Stress, zeitlich und energiemässig, denn alles will gut gemacht werden bzw. alles will gemacht werden.

Ich habe jeden Morgen ab 8 Uhr mit dem Kind Schulsachen gemacht. Den ganzen Morgen. Das Kind hat nicht immer gleich gut gearbeitet. Zuhause ist die Ablenkung grösser und die Mama ist irgendwie auch anders als die Lehrerin. Da kann man auch mal bocken und trödeln und frech sein und überhaupt. Wir waren bis Ostern auf uns selbst gestellt, wir haben einen grossen (riesig) Stapel Broschüren und Bücher bekommen mit einer Liste, was die nächsten drei Wochen abgearbeitet werden muss. Danach haben wir nichts mehr von der Schule gehört, wir mussten auch nichts abgeben zum korrigieren oder so. Nach Ostern dasselbe noch einmal, dieses Mal war aufgelistet, welche Aufgaben wir in der ersten und welche in der zweiten Woche erledigen sollten. Es war viel zu viel, wenn ihr mich fragt. Zwei Bastelarbeiten waren dabei, die haben dem Kind Spass gemacht und wir durften der Lehrerin Fotos davon schicken. Leider kam darauf keine Reaktion, was ich traurig fand und auch irgendwie unfreundlich, wenn ich ehrlich bin.

Ich habe immer versucht, während diesen gut drei oder vier Homeschooling-Stunden zwischendurch etwas im Haushalt zu machen, eher so semi-erfolgreich.
Dann gekocht und auch währenddessen von Küche zum Kind am Esstisch hin und her und her und hin, bis es dann alles versorgen durfte und wir assen. Danach ein bisschen spielen und aufs Sofa liegen (ich), durchatmen und dann das Kind bei seinem Vater abliefern und zur Arbeit gehen bis abends um 20 /21 Uhr. Wenn ich dann abends müde nach Hause kam, hatte er das Kind in meiner Wohnung zu Bett gebracht und wartete bis ich kam, um dann selbst in die Nachtschicht zu gehen. Meistens war das Kind noch wach und ich erledigte noch ein paar Sachen (Meerschweinchen überprüfen und eventuell Heu nachfüllen, Wäsche aufhängen, Geschirrspüler leeren oder füllen usw.), bis ich dann erschöpft neben dem Kind lag, ihm den Rücken krabbelte, bis es einschlief. Ich schlief auch ein, obwohl ich noch sooo gerne geduscht hätte. Ich mach das am Morgen… denn um 06.15 klingelt wieder der Wecker.
So war das MI, DO und SA immer. Montags hatten wir am Nachmittag beide frei und Zeit, spazieren oder Radfahren zu gehen. Dienstags arbeitete ich morgens und wir mussten den ganzen Nachmittag für die Schule arbeiten. Freitags hatten wir am Nachmittag auch frei, meistens habe ich da aber dann etwas im Haushalt gemacht, damit ich nicht alles sonntags machen musste.

Also. Wenn eine Mutter sowas dann erzählt, geht das ja sehr schnell unter jammern. Aber es ist nur erzählt. Ich muss sagen, ich bin weit über meine Grenzen hinaus gekommen und ich könnte das nicht noch einmal durchstehen. Ich fand es schön, das Kind zuhause zu haben. Bei mir. Aber durch den ganzen Druck und den ganzen Stress hatten wir zwei zeitweise auch viel Stress, die Nerven lagen zwischendurch recht blank. Es ist ja bitter, dass man sich dann rechtfertigen muss für so etwas oder dass man dann als nicht belastbar angeschaut wird. Aber ist man tatsächlich weniger belastbar als andere, wenn man das alles ganz allein macht und noch viel mehr oder ist man dann vielleicht nicht sogar super-belastbar, aber es ist einfach nicht mehr so richtig im Bereich des möglichen?
Ja, aber dafür müsste man ja die Sichtweise ändern und das können nicht alle. Ich glaube aber, das zeigt ganz klar, dass unsere Länder auch heute noch auf diesem traditionellen Rollenbild funktionieren bzw. versuchen zu funktionieren, obwohl das längst so nicht mehr stimmt. Das geht auf die Kosten der Frauen, ganz ehrlich. Denn ich würde jetzt behaupten, die meisten Mütter machen einen riesigen Spagat und reissen sich den Arsch bis zur extremen Erschöpfung auf, weil die Kinder nicht unter der Situation leiden sollen.

Ich habe in den letzten Tagen viel gelesen, wie andere Mütter in der Schweiz und in Deutschland diese Lockdown-Wochen erlebt haben, mit Fokus auf die Schulschliessung und die Doppelbelastung, der viele dann ausgesetzt waren bzw. Dreifachbelastung. Es gab Mütter, die haben ausgerechnet, wieviel Geld der Bund ihnen für die von ihnen wahrgenommene Betreuung schuldet oder schulden würde. Ich persönlich finde das nun schon auch überzogen, auf solche Gedanken wäre ich jetzt nicht gekommen. Aber es ist egal. Es hat z.B. bei Twitter etliche Erfahrungsberichte. Ich denke nicht, dass es dabei ausschliesslich um den finanziellen Aspekt geht, sondern über ganz viel Müdigkeit und Überbelastung und halt nicht zuletzt auch um die unbeachtete Arbeit, die Mehrbelastung, die Mütter leisten. (Wenn ich von Müttern schreibe, betrifft das natürlich all die Väter, die das ebenfalls tun, auch.)
Sehr, sehr krass sind aber dann zum Teil die Kommentare, die auf diese Eltern reagieren. Ich schreibe euch mal einige auf, sie sind unter dem Hashtag CoronaElternRechnenAb und #CoronaEltern zu finden. (Rechtschreib- und Grammatikfehler übernehme ich, wegen zitieren und so):

Euch sollte man die Kinder wegnehmen was stimmt nicht mit euch?????
@EffzehEngel

Ich schreibe übrigens keine Rechnung für meine Arbeit zuhause mit Kindern, Schulaufgaben und Haushalt.
Ich glaube, wenn man Kinder bekommt, gehört es zum Lebensrisiko, dass man sich um sie kümmern muss.
@Parns1

Das italienische Restaurant um die Ecke wird Augen machen, wenn ich ihm in Rechnung stelle, dass ich acht Wochen lang selbst Pasta machen musste.
@DandeloGale

Beim Sex zu blöd für die Verhütung und dann dem Staat die Rechnung für die eigenen Konsequenzen präsentieren. Genau mein Humor.
@AlterSack10

Stell dir vor, du musst während einer weltweiten Pandemie auf DEIN Kind aufpassen! Verrückt oder? Wer will denn bitteschön auf sein eigenes Kind aufpassen?
@Pulkz_

#CoronaElternRechnenAb oder auch:
Ich hatte Sex, will mich aber nicht mit den Konsequenzen konfrontieren und irgendwie sind die Bratzen, trotz des Ratgebers, echt anstrengend, also ab, weg damit, bis ich sie mit 18 vor die Tür setzen kann.
@blckmtlbrbie

Man bekommt mittlerweile den Eindruck, dass das Leben zu Hause zwischen Eltern und Kind einer Kriegsgefangenschaft gleicht. Warum setzt ihr Kinder in die Welt, wenn ihr diese ausschliesslich in der Kita abgeben wollt und nur „Zeit für euch“ benötigt?
@blume_grun

Ich würd ja eher die Kinder dafür bezahlen, das die sich mit ihren scheiss Eltern rumschlagen müssen. Ich will gar nicht wissen, wie die sich fühlen wenn ihre Eltern solche Drecksmesnchen sind.
@itsamehmika

Bevor ihr also in eine derart missliche Lage kommt, kneift die Nudel ab, presst die Knie zusammen. Eure ungeborene Brut wird es Euch danken. Bussi aufs Arschi, ihr Kackbeutel…!
@MannOhneGeduld

#CoronaElternRechnenAb sorry, aber ich kotze gleich im Strahl. Mimimimi ich hab Kinder, mimimi ich muss alles machen. Na und? Mein Mann und ich sind beide Krankenschwester/Pfleger im 3 Schichtsystem. Unser Kind lebt noch. Kommt mal klar. Ihr habt den Schlag nicht gehört.
@Kerstin33001384

Sehr viele Unterstellungen… Ach, und ganz vieles, das tief, tief unter der Gürtellinie ist, das ist mir sogar zu krass, um es zu zitieren. Sowas schreib ich in meinem Blog nicht. Mütter werden so zB Weicheierfotzen genannt und anderes, weil sie erzählen, wie sie es wochenlang schaffen oder fast nicht schaffen, Arbeit, Schule, Erziehung und Haushalt unter ihren Hut zu bringen. Es wird auch ganz deutlich gesagt, dass sie schlechte Mütter sind. Natürlich immer von Leuten, die nicht verstanden haben, worum es ging. Wohl sehr oft auch von Menschen, die gelangweilt zuhause rumhocken und ihr Niveau schon lang nicht mehr gesehen haben. Unterirdisch. Und trotzdem ist das wirklich sehr verletzend und zeigt, dass die Achtung vor Frauen resp. Müttern zum Teil sehr gering ist. Es ist erschreckend.
Leider stechen mir so oft genau diese Kommentare in die Augen. Die Müdigkeit macht mich verletzlicher im Moment, das ist wohl so.

Wirklich viele schreiben, dass Mütter, die an ihre Grenzen stossen momentan, hätten abtreiben sollen. Das ist ekelhaft. Und wenn ich mich auf dasselbe Niveau niederlassen würde, würde ich sagen, dass das wohl lieber deren Eltern hätten tun sollen, aber das würde ich nie tun.

Es gibt auch ganz viele andere Kommentare. Es geht vielen Müttern gleich. Viele andere Menschen – Frauen und Männer – verstehen das. Vielleicht geht es da ja auch gar nicht um Geld, um Bezahlung für diese Arbeit, sondern auch sehr, sehr stark um die Anerkennung dieser Leistung. Um das Wissen, dass Familien ganz schön viel mitgetragen und dazu beigetragen haben, diese Krise durchzustehen. Haben ja auch nicht alle verstanden….

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Homeschooling (from hell)

So. Diesen Text schreibe ich mit erhöhtem Blutdruck und Puls bis oben hinaus, er ist also vermutlich nicht sehr objektiv.

Homeschooling. Seit Wochen.
Als die Schulen ja ziemlich plötzlich (und doch erwartet) geschlossen wurden, konnten wir ein paar Tage später in der Schule Aufgaben abholen, die für eine Woche reichten. Eine Woche später bekamen wir dann einen riesigen Stapel Aufgaben, die dann gleich bis zu den Osterferien reichten. Es war wirklich sehr viel und die Eltern mussten das alles selber einteilen und strukturieren. Ich muss sagen, wir haben da wirklich immer sehr fleissig und gewissenhaft dran gearbeitet und zwar mehr als 2 Stunden am Tag, denn sonst hätten wir diese vielen Aufgaben nie im Leben geschafft. Nach den Osterfeiern gabs dann nochmal Aufgaben für zwei Wochen. Die waren in Wochenaufgaben unterteilt und es war wiederum wirklich sehr viel. Letzte Woche haben wir alle obligatorischen Aufgaben geschafft. Knapp. Und mir wirklich grossen Zeitaufwand und Disziplin.
Und diese Woche…. ich weiss es nicht…

Irgendwie ist die Luft raus. Bei mir und beim Kind. Die letzten Wochen waren anstrengend. Ich habe wie immer gearbeitet – naja, eigentlich war ich die Hälfte der Zeit krank, ich hatte eine Nierenbeckenentzündung. Beim ersten Kranksein durfte ich nicht zum Arzt, mir wurden 10 Tage Isolation verschrieben. Danach habe ich eine Woche gearbeitet, obwohl ich mich immer noch nicht soooo gut gefühlt habe. Danach waren die Schmerzen im unteren Rücken unerträglich und ich bestand darauf, in die Praxis zu dürfen. Und dann war das eben eine Nierenbeckenentzündung. Antibiotika 1 schlug nicht an, also drei Tage später Antibiotika 2. Das half dann.
Während der ganzen Zeit habe ich jeden Morgen zwei bis drei Stunden Homeschooling gemacht mit dem Kind, obwohl ich mich hundeelend gefühlt habe. Und während den Arbeitswochen natürlich auch. Das sind morgens zwei bis drei Stunden bzw. eher mehr plus Haushalt und kochen und dann nachmittags arbeiten gehen. Wenn das Kind bei seinem Vater war, habe ich gearbeitet. Ich hatte also jetzt zwei Monate nie eine Minute für mich oder zum Ausruhen.

Ich bin unterdessen wieder gesund. Noch müde von diesen Medikamenten und meine Verdauung ist ganz durcheinander vom Antibiotika.

Wir sollten jetzt gerade an den Aufgaben für die Schule sitzen. Das Kind bockt seit mehr als einer Stunde. Der Morgen war gut, ich habe gearbeitet und sie war gut gelaunt. Der Mittag war auch gut. Und als es dann losgehen sollte mit der Schule, ging es los mit Theater. Total quer gestanden. Das ganze Programm.
Wir hatten in den vergangenen Wochen auch zwischendurch ähnliche Phasen, im grossen und ganzen ging es aber gut. Ich empfand das ganze Homeschooling aber als wahnsinnig viel Druck. Ich will, dass das gut klappt und dass mein Kind nach diesen Lockdown-Wochen kein Defizit hat, nur weil es eine alleinerziehende Mutter hat, die arbeitet und deswegen weniger Zeit für all das hat als eine Mutter, die zuhause ist oder sogar einen Mann zuhause hat, der mithilft, mit dem sie austauschen kann, der mal entlastet usw. Ich weiss, dass man sich als Alleinerziehende immer besonders beweisen muss. Da wird schnell mit dem Finger drauf gezeigt und was bei andern normal ist, ist bei Alleinerziehenden ganz schnell „sie hat es nicht im Griff“.

Also heute läuft jetzt also nichts mehr. Ich bin heute nicht ruhig und ausgeglichen geblieben, ich habe das Kind lauthals zusammengeschissen, ja tatsächlich. Hilfreich ist sowas ja nicht, ich weiss. Das hat vermutlich den Trotzanfall des Kindes jetzt verdoppelt…
Ich fühle mich deswegen nicht besonders gut, muss ich sagen. Aber ich bin auch nur ein Mensch.

Eigentlich bin ich echt ganz nah dran, das ganze Homeschooling aufzugeben. Ich kann echt nicht mehr….

Wie läuft das wohl bei andern Familien so?

Alleinerziehend

Es wünscht sich wohl niemand oder fast niemand, alleinerziehend zu werden, denn wenn man sich entscheidet, ein Kind zu bekommen, ist man meistens in einer festen Beziehung. Meistens. Und alle wünschen es sich wohl, dass diese hält. Am besten für immer.

Aber es können verschiedene Dinge passieren, dass man dann doch plötzlich alleinerziehend ist. Und es hilft nichts, damit zu hadern oder es nicht zu wollen, denn daran ändert sich deswegen nichts. Und es hilft auch nichts, im Negativ-Sumpf zu versinken, auch wenn man das möchte. Auch wenn es weniger Energie brauchen würde, sich einfach sinken zu lassen. Auch wenn man allen Grund zum Jammern hätte. Es hilft niemandem weiter. Und je tiefer wir uns in den Sumpf sinken gelassen haben, desto mehr Kraft benötigen wir, um uns wieder raus zu befördern.

Also ist es klug, sich aufzufangen und positiv zu denken, die Situation zu akzeptieren.

Es ist nicht immer einfach. Man trägt plötzlich die alleinige Verantwortung für die Familie. Man arbeitet hart, um genügend Geld zu verdienen und trotzdem ist es knapp. Mir gefällt meine Arbeit. Sehr sogar. Es läuft gut. Und doch merke ich, dass ich meistens am Limit laufe. Ich bin müde. Wenn ich arbeite, habe ich keine oder zumindest zuwenig Zeit für das Kind und für soziale Kontakte. Mir fehlt die Zeit, mit ihr Schwimmkurse zu besuchen. Fahrrad fahren zu üben, Soziale Kontakte zu pflegen. Ich mache alles, so gut ich kann und doch ist es von allem zu wenig. Ich habe Angst, dass das Kind darunter leidet. Und das tut es. Das bringt Druck mit sich. Druck, an dem ich manchmal fast kaputt gehe. Druck, mit dem ich allein bin. Genau so, wie mit den Sorgen und Gedanken, die ich mir mache.

Das finde ich das Schwierigste am alleinerziehend sein. Und ein bisschen noch „die soziale Isolation“. Mir fehlt eine Verwandtschaft. Freunde habe ich, das hilft sehr. Und dennoch ist es etwas anderes als Familie. Tage, an denen andere über too much Familie klagen, wie Weihnachten oder Ostern, verbringen wir allein.

Es ist das erste Jahr. Alles findet zum ersten Mal in der neuen Konstellation statt. Ich weiss, dass es normal ist, dass wir uns daran gewöhnen müssen. Und werden. Neue Traditionen werden entstehen.

Es braucht Zeit… Aber ich weiss nicht, ob ich es jemals toll finden werde… Und doch versuche ich es. Jeden Tag. Ich hebe alles Positive hervor und orientiere mich daran, verstärke es und gehe weiter. Negative Gedanken lasse ich zu, aber nicht oft. Mit der Traurigkeit mache ich es genauso.

Es braucht ziemlich viel Kraft, aber es wird schon. Es ist mein Leben und nicht nur meins. Auch das meines Kindes. Und es soll ein wundervolles sein, weil sie es verdient. Und ich auch.

Schicksal? Zufall?

Lebenswege…

Jeder hat seinen eigenen und doch ähneln sie sich. Es gibt Stationen im Leben, die erlebt jeder. Und doch anders. Teile unseres Lebensweges bestimmen wir selbst. Andere meinen wir, selbst zu bestimmen und wieder andere geschehen einfach. Wir wissen nicht, warum und auch nicht wofür. Die Dinge nehmen ihren Lauf, der Mensch nennt es Schicksal oder Zufall.

Es gibt ja Dinge, die wiederholen sich in Familien über Generationen hinweg. Meine Mutter ist zB sehr jung gestorben sowie ihr Vater, also mein Grossvater. Man mag denken, solche Dinge seien Zufälle. Vielleicht haben sie aber auch einen anderen Ursprung. Einen spirituellen. Seelen, die sich viel länger kennen als wir alle uns. Unsere Verbundenheit, unsere Liebe und all die anderen Gefühle und was unser Unterbewusstsein daraus macht.

Nach dem Tod meiner Mutter hatte ich jahrelang Angst, auch früh zu sterben. Und Angst vor Krebs. Und ich habe jahrelang daran gearbeitet. An mir gearbeitet. Um diese Angst hinter mir zu lassen. Erfolgreich.

Meine Mutter und ihre Vorfahren sind die eine Hälfte meiner Wurzeln, die andere Hälfte ist die Familie meines Vaters. In einer systemischen Therapie habe ich vor vielen Jahren einen Stammbaum aufgezeichnet. Alle lebenden und verstorbenen Familienmitglieder, Verbindungen und Beziehungen gekennzeichnet und Familienmuster und Ereignisse genauer angeschaut. Meine Sorge galt immer nur dem Thema „früher Tod“, Vaters Stammbaumseite mass ich nicht sooooo viel Bedeutung zu.

Jetzt, viele Jahre später, stelle ich fest, dass ich den selben Weg gehe wie die Mehrheit der Frauen meiner Verwandtschaft väterlicherseits. Und den der Männer irgendwie auch, wenn ich mir das jetzt gerade genau überlege. Obwohl ich das nie für möglich gehalten hätte. Obwohl mir Familie so unglaublich wichtig ist. Obwohl es das ist, was ich nie, NIE wollte. Und trotzdem führt mein Leben mich nun auf diesen Weg.

Mein Vater hatte vier Schwestern. Er war der Zweitjüngste von mehr als zehn Kindern. Tante J. war geschieden und zog ihr Kind allein auf. Tante M. wurde von ihrem Mann verlassen, als die Kinder gross waren. Er hat noch ein Kind mit einer anderen Frau. Tante H. und Tante A. waren beide alleinerziehend, beide haben ein Kind.

Diese Kinder sind unterdessen alle über 50. Ich glaube, damals war es selten und bestimmt sehr schwierig, Kinder allein gross zu ziehen. Und gesellschaftlich ja bestimmt auch nicht wirklich anerkannt.

Mein Vater hatte fünf Brüder. Soviel ich weiss, sind zwei bereits als Kinder gestorben. Onkel A. ist früh gestorben, ich glaube seine Kinder waren damals noch klein. Onkel F. wurde von seiner Frau verlassen, ebenso Onkel H. Und mein Vater verlor seine Frau relativ früh, wir waren aber erwachsen.

Das war die Generation meines Vaters. Die Generation danach – also meine Cousins und Cousinen – sind zu einem grossen Teil auch alleinerziehend. Ich kenne sie nicht alle, sie sind auf der ganzen Welt verstreut. Zu Cousins habe ich wenig Kontakt, deswegen weiss ich da nichts oder nicht viel über ihre familiären Verhältnisse. Meine Cousinen sind oder waren aber alle früher oder später alleinerziehend, soviel ich weiss.

Und nun ich. Ich werde jetzt auch mit meinem Kind allein sein.

Zufall? Oder Schicksal? Lebenswege, die sich wiederholen? Familienmuster?

Ich weiss es nicht… Und es ist auch irgendwie egal. Der Gedanke, dass sie alle das geschafft haben und schaffen – und meine Tanten vor so vielen Jahren vermutlich unter sehr viel schwierigeren Voraussetzungen als ich – löst in mir sehr viel Respekt und Achtung für sie aus. Und Zuversicht.