
Es ist noch dunkel, als Rosa an diesem Oktobermorgen die Augen öffnet. Draussen hört sie den Wind um das Bauernhaus pfeifen. Draussen im Stall schlägt eine Kuh gegen ihre Futterkrippe.
Rosa bleibt noch einen Moment liegen. Ihre Hand ruht auf ihrem Bauch. Seit einigen Wochen weiss sie, dass sie ein Kind erwartet. Sie ist neunzehn Jahre alt und arbeitet seit bald drei Jahren als Dienstmagd auf einem Bauernhof im Luzerner Hinterland. Sie melkt Kühe, mistet den Stall aus, hilft bei der Heuernte, kocht, putzt und wäscht. An manchen Tagen arbeitet sie vom frühen Morgen bis spät in die Nacht. Dafür erhält sie Kost, Logis und einen bescheidenen Lohn.
Rosa stammt aus einer armen Familie. Ihre Mutter starb, als sie vierzehn Jahre alt war. Ihr Vater lebt mit den beiden jüngeren Geschwistern in einer kleinen Wohnung. Er arbeitet als Taglöhner und verdient kaum genug, um die Familie durchzubringen.
Rosa war froh gewesen, als sie die Stelle auf dem Bauernhof bekam.
Dort begegnete sie Josef.
Josef ist sieben Jahre älter als Rosa. Er ist der älteste Sohn des Bauern und soll eines Tages den Hof übernehmen.
Anfangs waren es nur freundliche Worte gewesen. Ein Lächeln, wenn sie sich im Stall begegneten und manchmal half er ihr, die schweren Milchkannen zu tragen.
Im vergangenen Frühling hatte er sie zum ersten Mal geküsst. Rosa hatte sich verliebt. Josef hatte ihr gesagt, dass er sie gern habe und dass sie ein hübsches Mädchen sei. Er sagte auch, dass sie niemandem von ihnen erzählen dürfe, weil seine Eltern das nicht verstehen würden.
Rosa hatte ihm geglaubt.
Jetzt trägt sie sein Kind. Sie hat es ihm vor drei Tagen gesagt.
Josef war blass geworden. «Bist du sicher, dass es von mir ist?»
Rosa hatte ihn fassungslos angeschaut. «Josef, du weisst doch …»
«Du musst jetzt nicht so tun. Ich kann dich nicht heiraten. Das weisst du.»
Seither hat er kaum noch mit ihr gesprochen, ist ihr ausgewichen.
An diesem Morgen ahnt Rosa noch nicht, dass sie nur wenige Stunden später ihre Stelle verlieren wird.
Die Bäuerin hat von der Schwangerschaft erfahren. Sie steht in der Küche, die Arme vor der Brust verschränkt. «So etwas können wir auf unserem Hof nicht brauchen.»
Rosa steht neben dem Herd. Ihre Hände zittern.
«Aber Josef …»
«Lass unseren Josef aus dem Spiel!» unterbricht sie die Bäuerin. «Du wirst schon wissen, wie du die Männer um den Finger wickelst.»
Rosa möchte widersprechen. Sie möchte erzählen, wie Josef ihr versprochen hat, dass sie eines Tages zusammen sein könnten. Aber sie schweigt.
Noch am selben Abend wird ihr mitgeteilt, dass sie den Hof verlassen muss. Josef ist nicht dabei. Zwei Tage später sitzt Rosa bereits mit ihrem kleinen Koffer im Postauto Richtung Willisau. Sie hat 47 Franken und etwas Kleingeld bei sich. Mehr besitzt sie nicht.
Ihre Tante Marie nimmt sie vorübergehend auf. Marie ist Witwe, die Schwester ihrer Mutter, und lebt in einer kleinen Wohnung mitten im Städtli. Sie näht für andere Leute und verdient damit gerade genug für sich selbst.
«Du kannst vorläufig hierbleiben» sagt sie. «Aber wir müssen schauen, wie es weitergeht.»
Rosa nickt. Sie weiss, dass ihre Tante recht hat und sie weiss auch, dass die Leute reden werden.
Im Dezember sitzt Rosa auf einem harten Holzstuhl im Gemeindehaus. Gegenüber sitzt ein ernster Mann in dunklem Anzug. Auf seinem Schreibtisch liegen mehrere Papiere. Der Mann hat sich ihr als Herr Arnold vorgestellt. Er ist Mitglied der örtlichen Fürsorgebehörde.
Er fragt nach ihrem Vater, nach ihrer bisherigen Stelle und nach dem Mann, von dem sie das Kind erwartet.
«Josef Bucher» antwortet Rosa leise.
Der Mann schreibt den Namen auf. «Ist er bereit, die Vaterschaft anzuerkennen?»
Rosa schüttelt den Kopf.
«Das wird man abklären müssen.» Dann legt der Mann den Bleistift zur Seite.
«Sie werden verstehen, Fräulein, dass die Gemeinde nicht einfach für Sie und Ihr Kind aufkommen kann.»
Rosa schaut auf ihre Hände, die Tränen vermag sie gerade noch knapp zurückzuhalten. «Ich möchte ja arbeiten.»
«Mit einem Säugling wird das schwierig werden.»
Er erklärt ihr, dass man eine Unterkunft für die Zeit bis zur Geburt suchen werde. Danach müsse entschieden werden, was mit dem Kind geschehe.
«Was meinen Sie damit?» fragt Rosa.
«Ob es bei Ihnen bleiben kann.»
Zum ersten Mal an diesem Tag hebt Rosa den Kopf. «Natürlich bleibt es bei mir. Es ist doch mein Kind.»
Der Mann seufzt. «So einfach ist das nicht.»
Die letzten Monate ihrer Schwangerschaft verbringt Rosa in einer kirchlich geführten Unterkunft für Frauen in schwierigen Lebenssituationen, das Marthaheim in Luzern. Sie hilft in der Küche, näht und verrichtet kleinere Hausarbeiten.
Die Tage sind streng geregelt. Am Morgen wird gebetet, danach gearbeitet. Die Frauen sprechen wenig über ihre Vergangenheit. Die meisten wissen ohnehin, weshalb die anderen hier sind.
Am 18. März 1943 bringt Rosa in einer Geburtsabteilung des Luzerner Kantonsspitals ein kleines Mädchen zur Welt. Das Kind wiegt etwas mehr als drei Kilogramm und hat dunkle Haare. Rosa nennt es Anna. Als die Hebamme ihr das Kind in die Arme legt, beginnt sie zu weinen. Aber nicht vor Traurigkeit, sondern vor lauter Glück. Zum ersten Mal seit vielen Monaten fühlt sie sich nicht mehr allein.
Anna hat winzige Finger. Wenn Rosa ihren Zeigefinger in die kleine Hand legt, hält das Mädchen ihn fest.
«Du bleibst bei mir» flüstert Rosa. Sie sagt es immer wieder und hielt dabei ihr keines Mädchen ganz fest. Vielleicht, weil sie selbst Angst hat, dass es nicht so sein wird.
Anna ist sieben Wochen alt, als Rosa zu einem Gespräch gerufen wird. Ein Vertreter der Vormundschaftsbehörde erklärt ihr, dass für das Kind ein geeigneter Pflegeplatz gefunden worden sei. Eine Familie auf dem Land sei bereit, Anna aufzunehmen. Rosa versteht zunächst nicht.
«Aber sie hat doch mich.»
Der Mann erklärt ihr, dass sie keine Wohnung, keine feste Arbeit und kein ausreichendes Einkommen habe. Er sagte, dass eine Frau sich nicht allein um ein Kinder kümmern könne, das gehe einfach nicht. Es gehe um das Wohl des Kindes.
Rosa beginnt zu weinen. Sie verspricht, wieder arbeiten zu gehen. Sie sagt, dass ihre Tante helfen könne. Dass sie sparsam sei und nur wenig brauche.
Doch der Mann bleibt bei seiner Einschätzung.
Die Behörde entscheidet schliesslich, Anna vorläufig in einer Pflegefamilie unterzubringen. Rosa darf ihre Tochter noch einige Tage bis dahin bei sich behalten. Am letzten Abend sitzt sie mit Anna auf dem Bett. Sie betrachtet das kleine Gesicht, die geschlossenen Augen und die winzige Nase.
Sie versucht, sich alles ganz genau einzuprägen. Dann küsst sie ihre Tochter auf die Stirn.
«Ich hole dich wieder. Versprochen.» flüstert sie ihr zu.
Am nächsten Morgen wird Anna abgeholt.
Rosa bleibt allein zurück.
1944 hat Rosa inzwischen wieder eine Stelle gefunden. Sie arbeitet als Hausangestellte bei einer Familie in Sursee. Ein vornehmes Haus mit einem kleinen Park rundherum. Sie steht früh auf, kocht, putzt und kümmert sich um die Wäsche.
Einmal im Monat darf sie Anna besuchen. Die Pflegefamilie behandelt das Kind gut. Anna ist gesund und entwickelt sich prächtig. Doch sie kennt Rosa kaum.
Bei einem Besuch beginnt das kleine Mädchen zu weinen, als Rosa sie auf den Arm nehmen möchte. Rosa gibt sie der Pflegemutter zurück. Auf der Heimfahrt im Zug schaut sie aus dem Fenster und weint.
Einige Wochen später wird Rosa erneut auf das Gemeindehaus bestellt. Man ist mit ihrer Arbeitsleistung zufrieden. Sie sei fleissig und zuverlässig, sagt der Fürsorger.
Doch dann kommt er auf ihre Zukunft zu sprechen. «Sie sind noch jung, Rosa. Es muss verhindert werden, dass Sie erneut in eine solche Lage geraten.»
Rosa versteht nicht, worauf er hinaus will.
Der Mann spricht von einer ärztlichen Untersuchung. von ihrer schwierigen Lebenssituation und von der Gefahr weiterer unehelicher Kinder.Er verwendet auch ein Wort, das Rosa noch nie gehört hat. Sterilisation.
«Was bedeutet das?»
«Dass Sie keine weiteren Kinder bekommen können.»
Rosa starrt ihn an. «Aber vielleicht heirate ich einmal.»
Der Mann schaut sie über seine Brille hinweg an.
«Fräulein Rosa, sie müssen Ihre Verhältnisse wirklich realistisch betrachten.»
Rosa schweigt. Sie denkt an Anna, die Besuche, die ihr erlaubt werden und auch an ihren Wunsch, eines Tages wieder mit ihrer Tochter zusammenzuleben.
Der Fürsorger erklärt ihr, dass eine solche Operation aus Sicht der Verantwortlichen vernünftig wäre. Sie müsse beweisen, dass sie künftig ein geordnetes Leben führen könne.
In den folgenden Wochen wird immer wieder darüber gesprochen.
Ein Arzt untersucht Rosa. In seiner Beurteilung werden ihre uneheliche Schwangerschaft, ihre Armut und Zweifel an ihrer Fähigkeit zu einer selbstständigen Lebensführung erwähnt.
Rosa versteht vieles von dem nicht, was über sie geschrieben wird. Sie weiss nur, dass die Männer, die über ihr Leben entscheiden, die Operation für richtig halten und dass sie von ihnen abhängig ist.
Schliesslich unterschreibt sie ein Papier. Sie tut es nicht, weil sie keine weiteren Kinder möchte, sondern weil sie hofft, dass man sie danach endlich in Ruhe lässt und ihr eines Tages Anna zurückgibt.
Im Herbst 1944 liegt Rosa bereitsin einem Spitalbett. Die Operation ist vorbei. Ihr Bauch schmerzt. Sie ist müde und fühlt sich schwach. Eine Krankenschwester bringt ihr Tee. «Jetzt müssen Sie sich gut erholen.»
Rosa nickt. Sie weiss, dass sie nie wieder ein Kind bekommen kann. Was das bedeutet, beginnt sie erst langsam zu begreifen. Sie denkt an die kleine Anna und an die Kinder, die sie vielleicht eines Tages noch bekommen hätte. An einen Mann, den sie vielleicht kennengelernt hätte. An eine Familie, die sie sich immer gewünscht hat.
Sie dreht sich zur Wand. Niemand sieht, dass sie weint.
1951 ist Rosa inzwischen achtundzwanzig Jahre alt.
Sie arbeitet noch immer als Hausangestellte, mittlerweile bei einer älteren Witwe. Sie verdient etwas mehr und hat ein eigenes kleines Zimmer.
Anna ist acht Jahre alt. Rosa besucht sie regelmässig. Manchmal darf sie mit ihr einen Spaziergang machen oder ein paar Stunden verbringen. Sie bringt ihr selbst gestrickte Handschuhe, ein Buch oder ein Stück Schokolade mit.
Anna weiss inzwischen, dass Rosa ihre Mutter ist, doch sie nennt sie Rosa. Das schmerzt jedesmal ein bisschen.
An einem Samstag begegnet Rosa auf dem Markt in Willisau einem Mann, den sie seit Jahren nicht mehr gesehen hat.
Josef.
Er steht vor einem Gemüsestand neben ihm seine Frau. Ein kleiner Junge hält seine Hand, ein zweiter sitzt im Kinderwagen. Josef erkennt Rosa sofort. Für einen Augenblick schauen sie einander an.
Dann nickt er ihr zu. «Grüezi Rosa.»
«Grüezi Josef.»
Mehr sagen sie nicht und Rosa geht hastig weiter. Sie denkt an die Jahre auf dem Bauernhof, an Josefs Versprechungen und an den fürchterlichen Tag, an dem sie gehen musste. Sie denkt an die Operation.
Josef hat inzwischen drei Kinder, wie sie später erfährt. Drei Kinder…
Rosa bleibt vor einem Schaufenster stehen. Sie ist nicht neidisch auf seine Frau. Sie ist nicht mehr in Josef verliebt, aber sie begreift in diesem Moment, wie unterschiedlich ihre Leben verlaufen sind. Josef durfte weitermachen, als wäre nichts geschehen und sie ganz allein, musste die Folgen tragen.
1958 ist Rosa fünfunddreissig Jahre alt, als sie Heinrich kennenlernt. Heinrich arbeitet als Schreiner. Er ist ein ruhiger, freundlicher Mann, fünf Jahre älter als Rosa. Seine erste Frau ist vor einigen Jahren an einer Krankheit gestorben. Kinder hatten sie keine. Die beiden begegnen sich immer wieder bei Bekannten.
Heinrich bringt Rosa manchmal nach Hause. Sie gehen spazieren, trinken Kaffee und sprechen über ihre Arbeit.
Eines Tages erzählt Rosa ihm von Anna. Heinrich hört zu. Er fragt nicht, weshalb sie ein uneheliches Kind bekommen hat. Er fragt, wie alt Anna sei und ob er sie einmal kennenlernen dürfe.
Einige Wochen später erzählt Rosa ihm auch von der Operation. Sie hat Angst vor seiner Reaktion. Heinrich schweigt lange und nimmt dann ihre Hand.
«Das hätten sie nicht mit dir machen dürfen.»
Rosa beginnt zu weinen. Es ist das erste Mal, dass jemand diese Worte zu ihr sagt.
Im folgenden Jahr heiraten sie. Es ist eine kleine Hochzeit. Rosa trägt ein dunkelblaues Kleid und einen Hut. Sie strahlt und ist glücklich, genau so wie Heinrich. Anna ist inzwischen sechzehn Jahre alt und darf bei der Feier dabei sein.
Als Heinrich sie begrüsst, sagt er: «Ich freue mich, dass du gekommen bist.»
Anna lächelt schüchtern.
Rosa schaut die beiden an. Vielleicht, denkt sie, kann doch noch etwas gut werden.
1965 ist Anna zweiundzwanzig Jahre alt. Sie hat eine Ausbildung gemacht und arbeitet in einem Geschäft in Luzern. Sie besucht Rosa und Heinrich inzwischen regelmässig. Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter ist nicht immer einfach. Es gibt vieles, worüber sie nie gesprochen haben.
Anna hat Fragen.
Warum hat Rosa sie damals weggegeben?
Warum hat sie nicht mehr für sie gekämpft?
Weshalb durfte sie nicht bei ihrer Mutter aufwachsen?
An einem Sonntagnachmittag sitzen die beiden allein in der Küche. Rosa hat Kaffee gekocht. Schliesslich beginnt sie zu erzählen.
Von Josef, vomBauernhof, von der Geburt und auch von den Männern auf dem Gemeindehaus. Rosa erzählte ihr auch von der Operation.
Anna hört lange schweigend zu dann fragt sie: «Hast du das wirklich gewollt, Mutter?»
Rosa schüttelt den Kopf. «Nein.»
«Warum hast du dann unterschrieben?»
Rosa schaut ihre Tochter an. «Weil ich dachte, wenn ich alles mache, was sie von mir verlangen, dann darfst du vielleicht wieder zu mir kommen und weil ich. gar keine andere Möglichkeit hatte.»
Anna beginnt zu weinen. Rosa ebenfalls.
Zum ersten Mal sprechen sie über das, was ihnen beiden genommen wurde.
1983 ist Rosa sechzig Jahre alt. Heinrich ist inzwischen pensioniert. Die beiden leben in einer kleinen Wohnung mit einem Balkon, auf dem Rosa Geranien pflanzt.
Anna ist verheiratet und hat zwei Kinder. Rosa ist Grossmutter geworden. Sie liebt ihre Enkelkinder.
Wenn die beiden zu Besuch kommen, backt sie Kuchen, liest ihnen Geschichten vor und geht mit ihnen auf den Spielplatz. Manchmal, wenn sie das jüngere Kind auf dem Schoss hält, denkt sie daran, was ihr alles genommen wurde und dass sie selbst gerne noch weitere Kinder gehabt hätte. Aber sie spricht selten darüber.
Eines Tages findet Rosa beim Aufräumen eine alte Schachtel. Darin liegen Briefe, Fotografien und einige Dokumente. Auch das Papier, das sie damals unterschrieben hat. Sie setzt sich an den Küchentisch und betrachtet es lange. Ihre Unterschrift ist etwas zittrig.
Rosa erinnert sich noch genau an den Tag. An das Zimmer und den Mann, der ihr den Füllfederhalter reichte. An ihre Angst und Unsicherheit erinnert sie sich auch genau.
Sie faltet das Papier zusammen und legt es zurück. Dann nimmt sie ein Blatt Briefpapier aus der Schublade. Sie möchte Anna etwas schreiben. Rosa möchte, dass ihre Tochter eines Tages etwas in den Händen hält, das von ihr selbst stammt.
Sie beginnt:
Meine liebe Anna
Es gibt etwas, das ich dir noch sagen möchte.
Ich habe dich nie freiwillig weggegeben. Und ich habe auch nie freiwillig darauf verzichtet, weitere Kinder zu bekommen.
Damals haben viele Menschen über mein Leben entschieden. Sie haben gesagt, was richtig und was falsch sei. Sie haben über mich gesprochen, als wäre ich nicht im Zimmer.
Ich war jung und hatte Angst.
Heute weiss ich, dass ich mich für nichts schämen muss. Ich war nicht schlecht. Ich war nicht dumm. Ich war nicht unfähig, eine Mutter zu sein. Ich war einfach eine junge Frau, die ein Kind bekam und keine Hilfe hatte. Und dieses Kind warst du. Bist du. Ich habe dich vom ersten Augenblick an geliebt.
Deine Mutter
Rosa
Sie faltet den Brief sorgfältig zusammen und steckt ihn in einen Umschlag.
Dann geht sie auf den Balkon. Es ist ein warmer Frühlingstag. Die Geranien blühen. Rosa setzt sich auf ihren Stuhl und schaut hinaus. Sie denkt an vieles, was in ihrem Leben geschehen ist.
Nicht alles ist gut geworden. Aber manches schon.
Zum ersten Mal seit langer Zeit hat sie das Gefühl, dass ihre Geschichte nicht nur aus dem besteht, was andere mit ihr gemacht haben, sondern auch aus dem, was sie selbst daraus gemacht hat.


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