
Warum haben wir das eigentlich nicht?
Das habe ich gedacht, als ich von einer Funktion auf japanischen Toiletten gelesen habe.
Wer schon einmal in Japan war oder sich mit den berühmten japanischen Toiletten beschäftigt hat, weiss vermutlich, dass diese teilweise einiges mehr können als unsere. Beheizte Toilettensitze (aaaaaaber eine Freundin von mir hat so einen!!!), verschiedene Reinigungsfunktionen, automatische Deckel – und eben auch etwas, das ich persönlich ziemlich genial finde: Geräusche für mehr Privatsphäre.
Eine bekannte Variante heisst Otohime (音姫) und stammt vom japanischen Hersteller TOTO. Das Gerät erzeugt ein Geräusch von fliessendem beziehungsweise spülendem Wasser, damit andere Menschen nicht hören, was man auf der Toilette gerade so macht. Und seien wir ehrlich, wir wissen alle, welche Geräusche damit gemeint sind.
Interessant ist auch die Geschichte dahinter. In Japan war es insbesondere Frauen unangenehm, wenn andere ihre Toilettengeräusche hören konnten. Manche betätigten deshalb während des Toilettengangs immer wieder die Spülung, einfach um ihre eigenen Geräusche zu überdecken. Das verbrauchte natürlich Unmengen an Wasser. Also entwickelte TOTO eine elektronische Lösung. 1988 kam Otohime auf den Markt: Statt tatsächlich Wasser hinunterzuspülen, lässt man einfach das entsprechende Geräusch laufen. Eine ziemlich simple Idee, aber eine gute.
Und dann denke ich an unsere öffentlichen Toiletten … 😫 Ich weiss nicht, wie es euch geht, aber ich finde manche öffentlichen Toiletten wirklich unangenehm. Da geht man in eine Kabine, schliesst die Tür – und von Privatsphäre kann eigentlich keine Rede sein.
Manchmal reichen die Trennwände nicht einmal ganz bis zum Boden oder bis zur Decke. Nebenan sitzt vielleicht jemand. Vor der Kabine stehen Menschen und warten.
Und man hört einfach alles.
Natürlich weiss jeder Mensch, was auf einer Toilette passiert. Wir tun es alle. Müssen ja. Trotzdem möchte ich dabei nicht unbedingt ein Publikum haben. Und irgendwie führt genau dieses Wissen dazu, dass man plötzlich das Gefühl hat, man müsse möglichst geräuschlos auf die Toilette gehen. Biologisch betrachtet, ein ziemlich absurdes Vorhaben.
Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen. Ich finde den japanischen Knopf grossartig, aber ich würde ihn gar nicht brauchen. Von mir aus dürfte auf öffentlichen Toiletten grundsätzlich eine Geräuschkulisse laufen. Musik zum Beispiel. Nicht ohrenbetäubend laut, aber doch so, dass man sich in seiner kleinen Kabine tatsächlich ein bisschen unbeobachtet, oder besser gesagt unbehorcht, fühlen kann.
Musik, Radio, Vogelgezwitscher, ehrlich gesagt ziemlich egal, was. Hauptsache, ich muss nicht darüber nachdenken, ob die Person drei Kabinen weiter gerade akustisch an meinem Toilettengang teilnimmt. Oder ich an ihrem.
Interessanterweise geht selbst TOTO inzwischen in diese Richtung: Neuere Otohime-Versionen können neben Wassergeräuschen auch Vogelstimmen abspielen. Und es gibt sogar Modelle, bei denen man überhaupt keinen Knopf mehr drücken muss. Sie erkennen, dass jemand auf der Toilette sitzt, und starten das Geräusch automatisch. Japan hat meine Idee also offenbar schon zu Ende gedacht.
Privatsphäre ist eben mehr als eine geschlossene Tür. Das ist eigentlich das, was mich an der ganzen Sache beschäftigt. Wir planen öffentliche Toiletten funktional. Eine Kabine. Eine Tür. Ein Schloss. Fertig. Aber Privatsphäre bedeutet für mich nicht nur, dass mich niemand sieht. Sie bedeutet auch, dass ich für einen kurzen Moment nicht das Gefühl haben muss, von völlig fremden Menschen gehört zu werden.
Natürlich könnte man sagen: „Ist doch völlig normal. Jeder Mensch muss aufs WC.“
Stimmt. Aber trotzdem darf etwas, das völlig normal ist, privat bleiben.
So könnten wir uns deshalb von Japan nicht nur beheizte Toilettensitze und technische Spielereien abschauen, sondern diese kleine, eigentlich sehr menschliche Idee: Manchmal kann ein bisschen Geräusch für sehr viel mehr Ruhe sorgen.


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