Gerda, 1957

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Es ist ein Samstagmorgen im Juni 1957. In einem Dorf im Luzerner Hinterland steht die 23jährige Gerda vor dem Spiegel im Schlafzimmer ihrer Eltern. Sie trägt ein bodenlanges, weisses Kleid mit langen Ärmeln und einer schmalen Taille. Ihre Mutter steht hinter ihr und befestigt vorsichtig den Schleier im Haar.
«So, jetzt schau dich einmal an» sagt sie und tritt einen Schritt zurück.
Gerda betrachtet sich im Spiegel und lächelt glücklich.

In einer Woche wird sie heiraten. Anton, den sie vor drei Jahren an der Kilbi kennengelernt hat. Sie kann es kaum erwarten.
Ihre Mutter streicht eine Falte im Kleid glatt. «Ein wunderschönes, weisses Brautkleid. So soll es sein.»
Gerda nickt. Sie weiss, was ihre Mutter damit meint. Weiss steht für Reinheit und Unschuld. Für eine junge Frau, die unberührt in die Ehe geht.
Darüber spricht man nicht viel, jedenfalls nicht offen. Aber jede junge Frau weiss, was von ihr erwartet wird.

Drei Jahre zuvor, im Herbst 1954, war Gerda mit zwei Freundinnen an die Kilbi im Nachbar-Städtli gegangen. Sie trug ihr schönstes Kleid und hatte die Haare sorgfältig zu einem Zopf frisiert.
Anton stand mit einigen Kollegen beim Tanzboden. Er war drei Jahre älter als Gerda, arbeitete als Schreiner und schaute sie freundlich an.

Als die Musik einsetzte, nahm er seinen all Mut zusammen und fragte sie, ob sie mit ihm tanzen möchte. Gerda wurde rot. Aber sie sagte Ja, denn sie hatte ja insgeheim gehofft, er würde fragen.
Sie tanzten an diesem Abend mehrmals miteinander. Anton erzählte von seiner Arbeit, von seinen Geschwistern und davon, dass er eines Tages eine eigene Schreinerei haben möchte.
Gerda gefiel seine ruhige Art. Er war keiner, der grosse Sprüche machte oder sich am Ende des Abends betrunken mit anderen jungen Männern prügelte.
Als sie sich verabschiedeten, fragte er, ob er sie am nächsten Sonntag wiedersehen dürfe. Von da an trafen sie sich regelmässig. Sie gingen nach der Sonntagsmesse gemeinsam spazieren, besuchten gelegentlich eine Tanzveranstaltung oder sassen an schönen Abenden auf einer Bank am Waldrand. Manchmal nahm Anton zaghaft ihre Hand.
Ihren ersten Kuss bekam Gerda an einem Sonntagabend im Frühling. Sie erinnert sich noch heute daran, wie aufgeregt sie gewesen war.

In der katholisch geprägten Zentralschweiz der 1950er-Jahre gehörte die Vorstellung, dass sexuelle Beziehungen erst in der Ehe stattfinden sollten, zur kirchlichen Morallehre. Diese Forderung galt grundsätzlich für Frauen und Männer, doch die gesellschaftlichen Massstäbe waren häufig unterschiedlich.
Von einer jungen Frau wurde erwartet, dass sie ihre Jungfräulichkeit bis zur Hochzeit bewahrte. Ihre sexuelle Unberührtheit galt als Zeichen von Anstand, Sittsamkeit und guter Erziehung.
Bei jungen Männern wurde voreheliche sexuelle Erfahrung gesellschaftlich oft nachsichtiger beurteilt, obwohl auch sie gegen die kirchliche Lehre verstiess.
Eine Frau, die vor der Ehe schwanger wurde, musste mit erheblichen Vorurteilen und Konsequenzen rechnen. Nicht selten war damit auch die Sorge um den Ruf der ganzen Familie verbunden.
Allerdings waren die Vorstellungen nicht in jeder Familie und in jedem Dorf gleich streng und auch damals hielten sich längst nicht alle Menschen an die kirchlichen Vorgaben.

Für Gerda und Anton gehören diese Regeln ganz selbstverständlich zu ihrer Welt, beide sind katholisch erzogen worden. Sie gehen sonntags zur Messe, kennen die Gebote der Kirche und möchten einmal eine Familie gründen. Und doch ist da zwischen ihnen eine Zuneigung, die manchmal mehr möchte als Händchenhalten und Küssen. Wenn Anton sie nach einem gemeinsamen Abend nach Hause begleitet, fällt ihnen der Abschied nicht immer leicht. Einmal hat Gerda seine Hand festgehalten und leise gesagt: «Wenn wir doch schon verheiratet wären.»
Anton hat gelächelt. «Es dauert ja nicht mehr ewig.»

Gerda denkt lächelnd an ihre Kennenlern-Geschichte zurück und dreht sich vor dem Spiegel ein wenig zur Seite. Der Schleier fällt weich über ihre Schultern. Ihre Mutter hat ihn sorgfältig aufbewahrt. Sie selbst trug ihn vor fast 25 Jahren bei ihrer Hochzeit.
«Den habe ich damals auch getragen» sagt sie. «Und jetzt trägst du ihn.»
Gerda berührt vorsichtig den feinen Stoff.
«Warst du damals auch so aufgeregt?»
Ihre Mutter lacht. «Natürlich. Ich habe in der Nacht vor der Hochzeit kaum geschlafen.»
Dann wird sie wieder ernst. «Eine Ehe ist etwas fürs ganze Leben, Gerda. Das musst du dir immer vor Augen halten.»
Gerda nickt. Sie liebt Anton und er liebt sie, daran zweifelt sie nicht. Trotzdem spürt sie manchmal eine Unsicherheit, wenn sie an das gemeinsame Leben denkt.

Bisher hat sie bei ihren Eltern gewohnt. Nun wird sie mit Anton einen eigenen Haushalt führen. Sie wird für ihn kochen, seine Wäsche waschen und sich um das Zuhause und den Garten kümmern. Vielleicht werden sie bald Kinder bekommen. So stellt sie sich ihre Zukunft vor.
So haben es ihre Mutter und die meisten Frauen im Dorf gemacht. Und so wird es auch von ihr erwartet.

Woher kommt es eigentlich, dass Bräute einen Schleier tragen?
Der Brautschleier ist wesentlich älter als das Christentum. Bereits in der Antike trugen Bräute bei Hochzeitszeremonien Schleier. Im Laufe der Jahrhunderte erhielt er unterschiedliche Bedeutungen. Er konnte die Feierlichkeit des Übergangs in die Ehe unterstreichen, mit Vorstellungen von Bescheidenheit und Schutz verbunden sein oder die besondere Stellung der Braut während der Trauung sichtbar machen.
In christlichen Traditionen wurde der Schleier auch mit Reinheit und Jungfräulichkeit in Verbindung gebracht. Allerdings wäre es historisch falsch, den Brautschleier ausschliesslich als Zeichen sexueller Unberührtheit zu verstehen.
Auch das weisse Brautkleid hatte nicht von Anfang an diese Bedeutung. Weisse Hochzeitskleider wurden im 19. Jahrhundert zunehmend beliebt, insbesondere in bürgerlichen Kreisen. Dazu trug unter anderem die Hochzeit der britischen Königin Victoria im Jahr 1840 bei.
Erst mit der Zeit entwickelte sich das weisse Brautkleid zum weitverbreiteten Ideal.
In den 1950er-Jahren waren weisse Brautkleider und Schleier in der Schweiz bereits sehr beliebt, doch nicht jede Frau konnte sich ein solches Kleid leisten. Manche heirateten in einem festlichen Kleid, das sie später weiterhin tragen konnten, zum Beispiel auch in einer Tracht.
Für viele katholische Familien war die Symbolik der Reinheit dennoch von Bedeutung und gerade für Frauen konnte diese Vorstellung mit einem erheblichen moralischen Druck verbunden sein.

Einige Tage nachdem Gerda das Kleid anprobiert hat, gehen Anton und sie zum Pfarrer ins Pfarrhaus. Sie haben bereits mit ihm über die kirchliche Trauung gesprochen. nun möchte er noch einmal mit ihnen über die Bedeutung der Ehe reden.
Er spricht von Treue, Verantwortung und davon, dass eine katholische Ehe auf Dauer angelegt sei. Er erklärt ihnen, dass sie einander in guten und schlechten Zeiten beistehen sollen und dass Kinder ein wichtiger Bestandteil des gemeinsamen Lebens seien.
Gerda hört aufmerksam zu. Sie möchte Kinder. Vielleicht drei oder vier. Anton hat einmal gesagt, dass er sich eine grosse Familie vorstellen könne, so wie die, in der er aufgewachsen war. Anton hatte sieben Geschwister.
Der Pfarrer spricht auch davon, dass Mann und Frau einander in der Ehe zugetan sein sollen, nicht nur im Alltag, sondern auch in ihrer körperlichen Beziehung.

Gerda senkt kurz den Blick. Über solche Dinge spricht sie nicht gerne mit einem Geistlichen. Sie weiss, dass die körperliche Liebe zur Ehe gehört. Aber was genau sie erwartet, darüber hat bisher kaum jemand mit ihr gesprochen. Ihre Mutter hat ihr lediglich gesagt, sie solle ihrem Mann eine gute Ehefrau sein.
Was das alles bedeutet, wird Gerda wohl erst noch herausfinden.

Die katholische Ehevorstellung war lange von der sogenannten «ehelichen Pflicht» geprägt. Damit war die traditionelle Auffassung verbunden, dass Ehepartner einander den ehelichen Geschlechtsverkehr schuldeten. Nach der klassischen katholischen Lehre war diese Verpflichtung grundsätzlich gegenseitig. Sie galt also nicht ausschliesslich für die Frau.
In der gesellschaftlichen Wirklichkeit konnte daraus jedoch eine sehr einseitige Erwartung entstehen. Frauen wurde vermittelt, dass sie ihrem Mann eine gute Ehefrau sein und seine Bedürfnisse berücksichtigen sollten. Ihre eigenen Wünsche und Grenzen erhielten dabei nicht immer denselben Stellenwert.
Zudem betrachtete die katholische Kirche die Ehe als grundsätzlich auf die Weitergabe des Lebens ausgerichtet. Künstliche Empfängnisverhütung wurde abgelehnt.
Für viele Frauen bedeutete dies, dass sie nur begrenzt selbst bestimmen konnten, wann und wie viele Kinder sie bekommen wollten. Diese Vorstellungen waren auch in den 1950er-Jahren noch sehr präsent.
Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen der kirchlichen Lehre und dem tatsächlichen Leben der Menschen. Nicht jeder Pfarrer vermittelte dieselben Schwerpunkte, und nicht jedes Ehepaar lebte nach denselben Regeln.
Aus der Ehe ergibt sich selbstverständlich kein Recht auf Geschlechtsverkehr gegen den Willen eines Menschen. Wobei ich nicht so sicher bin, ob dieses Bewusstsein auch damals schon herrschte.

Eine Woche später ist es so weit, der grosse Tag ist da. Die Kirchenglocken läuten, als Gerda am Arm ihres Vaters den Weg zur Kirche entlanggeht.
Anton wartet bereits vorne beim Altar. Er trägt einen dunklen Anzug und wirkt ungewohnt ernst. Auch er ist nervös und voller Vorfreude. Als er Gerda sieht, beginnt er zu lächeln. Sie lächelt zurück.
In diesem Augenblick sind all die Vorbereitungen, die Aufregung und die Ermahnungen der vergangenen Wochen vergessen. Sie sieht nur Anton. Den jungen Mann, der sie vor drei Jahren an der Kilbi zum Tanzen aufgefordert hat. Den Mann, mit dem sie ihr Leben verbringen möchte.
Während der Trauung versprechen sie einander die Treue. Gerda hört die vertrauten Worte des Pfarrers und spürt, wie Anton ihre Hand drückt. Sie ist glücklich. Ihren Mädchennamen Meyer hat sie nun abgegeben und heisst ab jetzt Gerda Zumbühl, das ist der Nachname ihres Mannes Anton.

Nach der Messe stehen die Hochzeitsgäste vor der Kirche. Sie stehen im Spalier, links und rechts, so dass in der Mitte ein Durchgang für das Brautpaar entsteht. Dort gehen Gerda und Anton Hand in Hand entlang und alle freuen sich mit ihnen. Es wird gratuliert, gelacht und fotografiert.

Gerdas Mutter wischt sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel.
«Jetzt bist du eine verheiratete Frau». sagt sie und umarmt ihre Tochter.
Gerda lacht. «Ja, Mutter. Jetzt bin ich das.»
Nicht mehr Fräulein Meyer, sondern Frau Zumbühl… Wie gut das klingt!! Und wie ungewohnt.

Am späten Abend, als das Hochzeitsfest langsam zu Ende geht, sitzen Gerda und Anton für einen kurzen Moment nebeneinander. Es ist das erste Mal an diesem Tag, dass sie beinahe allein sind. Anton nimmt ihre Hand. «Jetzt sind wir also verheiratet.»
Gerda lächelt. «Ja.»
«Bist du glücklich?»
Sie schaut ihn an. «Sehr.»
Er küsst sie auf die Stirn.
Gerda lehnt ihren Kopf an seine Schulter. Sie weiss nicht, was die kommenden Jahre bringen werden. Ob sie Kinder bekommen, ob Anton eines Tages seine eigene Schreinerei eröffnen kann oder welche Schwierigkeiten sie gemeinsam bewältigen müssen.
Sie weiss auch noch nicht, wie es sein wird, mit einem Mann zusammenzuleben und die körperliche Nähe mit ihm zu teilen. Aber sie vertraut Anton und sie hofft, dass sie miteinander über alles werden sprechen können. Auch über Dinge, über die man bisher kaum gesprochen hat.

Wenn wir heute alte Hochzeitsfotografien betrachten, sehen wir häufig junge Frauen in weissen Kleidern mit langen Schleiern. Wir sehen lächelnde Brautpaare, festlich gekleidete Gäste und liebevoll geschmückte Kirchen.
Was wir auf diesen Bildern nicht sehen, sind die gesellschaftlichen Erwartungen, die mit einer solchen Hochzeit verbunden waren. Die Vorstellung, dass eine Frau unberührt in die Ehe gehen sollte. Die unterschiedlichen Massstäbe für Männer und Frauen. Die Erwartungen an eine gute Ehefrau und Mutter.
Und die Tatsache, dass Sexualität über lange Zeit nicht nur als persönliche Angelegenheit betrachtet wurde, sondern auch von religiösen und gesellschaftlichen Regeln geprägt war.
Natürlich gab es auch damals glückliche Ehen, liebevolle Männer und Frauen, die ihre Rolle gerne ausfüllten. Aber Liebe und gesellschaftliche Ungleichheit schlossen sich nicht gegenseitig aus.

Gerda und Anton sind erfunden. Ihre Geschichte steht stellvertretend für eine Generation, in der sich viele junge Menschen innerhalb solcher Vorstellungen bewegten.

Ich glaube, darin liegt etwas, das wir heute nicht vergessen sollten: Auch Menschen, die einander aufrichtig lieben, übernehmen manchmal gesellschaftliche Regeln, ohne sie zu hinterfragen. Manchmal dauert es Generationen, bis sich die Erkenntnis durchsetzt, dass Liebe nicht bedeutet, bestimmte Erwartungen erfüllen zu müssen, sondern einander als gleichberechtigte Menschen zu begegnen.

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● About Me

Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.