
Es ist ein Dienstagmorgen im September 1972. Katharina steht im Badezimmer ihres Hauses in einem kleinen Dorf im Luzerner Hinterland. Sie ist 46 Jahre alt, verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Ihr Sohn Peter ist 14, ihre Tochter Monika 11 Jahre alt.
Katharina hat gerade ihr neues Calida-Nachthemd ausgezogen, als ihre Hand über ihre linke Brust streicht. Sie hält inne. Sie spürt etwas. Da ist ein kleiner, harter Knoten, den sie bisher nicht bemerkt hat. Sie tastet vorsichtig darüber. Weh tut es nicht, aber sie spürt die kleine Verhärtung ganz deutlich.
Vielleicht ist es ja gar nichts, denkt sie. Vielleicht verschwindet es wieder.
Katharina zieht sich an und geht in die Küche, denn die Kinder müssen zur Schule und ihr Mann Kurt zur Arbeit. Das Frühstück steht noch nicht auf dem Tisch. Sie holt Butter, Vollmilch und die selbstgemachte Erdbeer-Konfitüre aus dem Kühlschrank und stellt alles auf den Tisch. Brot und die Ovomaltine-Büchse stehen bereits da.
Für den Moment schiebt sie den Gedanken beiseite. Doch in den folgenden Tagen tastet sie immer wieder nach dem Knoten. Er ist noch da.
Anfang der 1970er-Jahre gab es bereits medizinische Möglichkeiten, Brustkrebs zu erkennen. Ärzte untersuchten die Brust durch Abtasten, verwendeten Röntgenverfahren wie die Mammografie und konnten Gewebeproben entnehmen, um festzustellen, ob eine Geschwulst gutartig oder bösartig war.
Allerdings war die Früherkennung noch längst nicht so entwickelt und verbreitet wie heute. Regelmässige Mammografie-Screenings für Frauen ohne Beschwerden gehörten in der Schweiz damals nicht zur allgemeinen Gesundheitsversorgung. Die meisten Frauen suchten erst einen Arzt auf, wenn sie selbst eine Veränderung bemerkten.
Krebs war eine Krankheit, über die man häufig nur ungern sprach.
Für viele Menschen klang die Diagnose wie ein Todesurteil, obwohl auch damals bereits erfolgreiche Behandlungen möglich waren.
Zwei Wochen später sitzt Katharina im Sprechzimmer ihres Hausarztes. Sie hat lange gezögert, bevor sie den Termin telefonisch vereinbart hat.
Doktor Bucher untersucht ihre Brust sorgfältig. Sein Gesicht wird ernst. «Frau Fischer, das sollten wir genauer untersuchen lassen.»
«Ist es etwas Schlimmes?» fragt sie.
«Das können wir jetzt noch nicht sagen. Es gibt verschiedene Arten von Geschwülsten.»
Er erklärt ihr, dass weitere Untersuchungen nötig seien und organisiert eine Überweisung ans Kantonsspital Luzern.
Katharina nickt. Sie möchte noch etwas fragen, doch der Arzt hat bereits begonnen, einige Zeilen auf ein Formular zu schreiben. Als sie die Praxis verlässt, hält sie den Überweisungsschein fest in der Hand.
Sie hat Angst. Aber sie weiss noch immer nicht, wovor.
1972 verfügte der Kanton Luzern bereits über mehrere Spitäler. Das Bezirksspital Sursee war 1940 eröffnet worden. In Wolhusen nahm im Juni 1972 ein neues Kreisspital seinen Betrieb auf.
Das Kantonsspital Luzern bestand schon seit 1902 und verfügte über eine grössere medizinische Infrastruktur.
Für eine Frau aus dem Luzerner Hinterland war es deshalb durchaus vorstellbar, dass sie zunächst ihren Hausarzt aufsuchte und für weiterführende Untersuchungen oder eine grössere Operation nach Luzern überwiesen wurde.
Die medizinischen Möglichkeiten unterschieden sich damals erheblich von den heutigen. Moderne bildgebende Verfahren, spezialisierte Brustzentren und die heute üblichen interdisziplinären Behandlungskonzepte standen noch nicht in ihrer heutigen Form zur Verfügung. Dennoch war die Krebsmedizin keineswegs hilflos.
Operationen und Strahlentherapien waren bereits wichtige Bestandteile der Behandlung. Auch erste medikamentöse Krebstherapien wurden eingesetzt.
Zehn Tage später sitzt Katharina im Kantonsspital Luzern auf einer schmalen Bank im Wartebereich. Die Überweisung ihres Hausarztes liegt sorgfältig gefaltet in ihrer Handtasche. Seit ihrem letzten Arztbesuch hat sie kaum eine Nacht richtig geschlafen. Immer wieder hat sie den Knoten in ihrer Brust abgetastet. Und immer wieder hat sie sich gefragt, was die Ärzte wohl feststellen werden. Ihrem Mann Kurt hat sie von ihren Sorgen noch nichts erzählt denn er kam abends immer so müde von der Arbeit zurück und sie wollte ihn nicht mit alldem zusätzlich belasten.
Nach weiteren Abklärungen erklärt ihr ein Arzt, dass man die Geschwulst operativ entfernen müsse.
«Ist es Krebs?». fragt Katharina.
Der Arzt legt die Hände auf den Schreibtisch.
«Wir haben einen Befund, den wir ernst nehmen müssen. Entscheidend ist jetzt, dass wir die notwendige Behandlung durchführen.»
Katharina wartet. Aber er sagt nichts Weiteres.
«Muss die ganze Brust weg?»
«Das müssen wir mit Ihnen besprechen. Nach den bisherigen Untersuchungen müssen wir damit rechnen.»
Sie schaut auf ihre Hände. Ihre ganze Brust… Sie hat gewusst, dass etwas nicht stimmt. Aber mit dieser Möglichkeit hat sie nicht gerechnet.
Am Abend, als Peter und Monika in ihren Zimmern sind, erzählt sie Kurt leise davon. Er setzt sich neben sie an den Küchentisch.
«Wenn die Ärzte sagen, dass es sein muss, dann machen wir das» sagt er. Katharina nickt. Sie weiss, dass er es gut meint und sie sieht seinen sorgenvollen Blick. Sie hätte sich gewünscht, dass er sie zuerst einfach in den Arm nimmt.
Noch in den 1960er- und 1970er-Jahren vertraten manche Ärzte die Auffassung, dass es für schwer kranke Menschen besser sei, die ganze Wahrheit nicht zu erfahren. Gerade bei Krebs wurde befürchtet, die Diagnose könnte den Lebensmut zerstören.
Dieses ärztliche Verhalten wird als paternalistisch bezeichnet. Der Arzt entschied aus seiner Sicht zum Wohl des Patienten, welche Informationen dieser erhalten sollte.
Wie weit diese Haltung damals ging, zeigt ein Schweizer Bundesgerichtsurteil von 1979 über eine Operation aus dem Jahr 1973. In diesem Fall war die Ehefrau über die Krebserkrankung ihres Mannes informiert worden. Der Patient selbst hatte die vollständige Diagnose nicht erfahren. Das Bundesgericht akzeptierte damals unter bestimmten Voraussetzungen, dass eine schwerwiegende Diagnose verschwiegen werden durfte.
Eine solche Situation war also auch Anfang der 1970er-Jahre in der Schweiz durchaus denkbar.
Allerdings handelten nicht alle Ärzte so. Die medizinische Aufklärung befand sich bereits im Wandel.
Einige Tage vor der Operation bittet der Arzt Kurt zu einem Gespräch. Er erklärt ihm, dass die Untersuchungen auf einen bösartigen Tumor hindeuten.
«Ihre Frau hat Brustkrebs.»
Kurt sitzt schweigend da. Er hat es befürchtet und trotzdem trifft es ihn unvorbereitet. Der Arzt spricht über die geplante Operation und die weiteren Behandlungsmöglichkeiten. Dann sagt er, Katharina sei bereits sehr verängstigt. Man müsse sorgfältig überlegen, wieviel man ihr zum jetzigen Zeitpunkt zumuten könne.
Kurt nickt. Er vertraut dem Arzt.
Als er am Abend nach Hause kommt, fragt Katharina sofort: «Was hat er gesagt?»
Kurt zieht seine Jacke aus. «Dass sie dich operieren müssen. Und dass wir hoffen sollen, dass alles gut kommt.»
Katharina schaut ihn lange an. «Mehr nicht?»
«Nein, eigentlich nicht.»
Sie weiss, dass er ihr nicht alles erzählt. Aber sie fragt nicht weiter. Noch nicht.
An einem kühlen Oktobermorgen wird Katharina im Kantonsspital Luzern operiert. Die Ärzte entfernen ihre linke Brust und untersuchen beziehungsweise entfernen auch Lymphknoten in der Achselhöhle.
Als Katharina aus der Narkose erwacht, ist sie müde und benommen. Unter dem Verband pocht der Schmerz und sie spürt ein unangenehmes Ziehen. Sie weiss, dass ihre Brust nicht mehr da ist.
Eine Krankenschwester kommt ins Zimmer und fragt, wie es ihr gehe. «Es tut weh» sagt Katharina. Die Schwester hilft ihr behutsam, eine bequemere Lage zu finden.
Später, als Katharina zum ersten Mal vorsichtig unter den Verband schaut, kommen ihr die Tränen. Nicht nur wegen der grossen Wunde und der Narbe, die bleiben wird, sondern weil sie plötzlich begreift, wie sehr sich ihr Körper verändert hat.
Sie ist 46 Jahre alt. Sie ist Ehefrau und Mutter, eine Frau mit einem ganzen Leben vor sich und sie weiss noch immer nicht genau, wie krank sie eigentlich ist.
Über viele Jahrzehnte war die vollständige Entfernung der Brust eine häufige Behandlung bei Brustkrebs. Besonders verbreitet war die sogenannte radikale Mastektomie nach Halsted. Dabei wurden neben der Brust auch die darunterliegenden Brustmuskeln und Lymphknoten entfernt. Man ging lange davon aus, dass eine möglichst ausgedehnte Operation die besten Heilungschancen bieten würde.
In den 1960er- und 1970er-Jahren begann sich dieses Verständnis allmählich zu verändern. Weniger ausgedehnte Operationen wurden zunehmend untersucht und eingesetzt.
Auch die Strahlentherapie spielte eine wichtige Rolle. Chemotherapeutische Behandlungen waren bereits bekannt, wurden aber noch nicht in der heutigen Weise eingesetzt.
Viele der heute verfügbaren Möglichkeiten, darunter moderne zielgerichtete Medikamente und genauere Verfahren zur Bestimmung der Tumoreigenschaften, standen damals noch nicht oder nur sehr eingeschränkt zur Verfügung. Erste hormonelle Behandlungsansätze gab es hingegen bereits. Trotzdem konnten Frauen mit Brustkrebs auch 1972 geheilt werden. Besonders bei früh erkannten Tumoren bestanden durchaus Chancen auf ein langes Leben.
Kurt besucht Katharina jeden Abend im Spital. Er bringt ihr frische Wäsche, eine Zeitschrift und einmal sogar ein kleines Stück Kuchen aus der Bäckerei. Er ist aufmerksam und liebevoll, aber er wirkt auf Katharina verändert. Er spricht viel über die Kinder, über die Arbeit und darüber, was zu Hause noch erledigt werden muss. Nur über Katharinas Krankheit spricht er kaum.
Eines Abends, als sie allein im Zimmer sind, legt Katharina ihre Hand auf seinen Arm. «Kurt, ich möchte dich etwas fragen.»
Er schaut sie an.
«Du weisst doch, was ich habe, oder?»
Kurt antwortet nicht sofort. «Die Ärzte haben dir doch alles erklärt.»
Katharina schüttelt den Kopf. «Nein, Kurt. Sie haben mir gesagt, dass sie die Brust entfernen müssen. Aber niemand sagt mir, was das eigentlich bedeutet.»
Sie macht eine Pause. «Ist es Krebs?»
Kurt senkt den Blick.
Dann nickt er.
Katharina schaut zum Fenster. Draussen ist es bereits dunkel. Eine Weile sagt keiner von beiden etwas.
Schliesslich fragt sie: «Warum hast du mir das nicht gesagt?»
Kurt ringt nach Worten. «Ich wollte nicht, dass du noch mehr Angst bekommst.»
Katharina dreht sich zu ihm. «Aber ich hatte doch die ganze Zeit Angst.» Ihre Stimme ist leise. «Und ich war ganz allein damit.»
Kurt nimmt ihre Hand.
Er weiss nicht, was er darauf antworten soll.
Am nächsten Morgen bittet Katharina um ein Gespräch mit dem Arzt. Sie möchte wissen, was bei der Operation festgestellt wurde. Ob der Krebs vollständig entfernt werden konnte. Ob sie weitere Behandlungen benötigt und wie ihre Aussichten sind.
Der zuständige Arzt beantwortet ihre Fragen zunächst zurückhaltend. Katharina hört zu und sagt dann etwas, das sie selbst überrascht: «Herr Doktor, es geht um mich. Ich möchte wissen, was mit mir los ist.»
Der Arzt sieht sie einen Moment lang an und beginnt dann, ihr die Befunde genauer zu erklären. Nicht alles ist bereits sicher, weitere Ergebnisse müssen abgewartet werden. Aber zum ersten Mal hat Katharina das Gefühl, dass man mit ihr spricht und nicht nur über sie. Sie fühlt sich sicherer, weil sie nun mehr über ihre Krankheit und wie es weitergehen kann, weiss.
Katharina bleibt noch einige Zeit im Spital. Die Operationswunde muss heilen und die Beweglichkeit ihres linken Arms ist zunächst eingeschränkt.
Nach ihrer Entlassung benötigt sie Unterstützung im Haushalt. Ihre Tochter Monika hilft beim Kochen, Peter übernimmt kleinere Arbeiten, und Kurt versucht, früher nach Hause zu kommen. Ein- bis zweimal wöchentlich kommt ihre Schwägerin vorbei, um für sie einzukaufen und die Wäsche zu machen. das darf Katharina noch nicht wieder selber tun.
Es ist nicht immer einfach. Katharina ist oft müde und manchmal hat sie Schmerzen. Es gibt Tage, an denen sie vor dem Spiegel steht und ihren veränderten Körper kaum ansehen mag.
Es braucht Zeit, bis sie langsam wieder Vertrauen gewinnt. Sie beginnt, kleine Spaziergänge zu machen, trifft sich mit einer Nachbarin zum Kaffee und irgendwann kann sie wieder selbst die Wäsche aufhängen.
Die ärztlichen Kontrollen bleiben ein Teil ihres Lebens. Ob der Krebs zurückkehren wird, weiss niemand. Aber Katharina beschliesst, sich nicht jeden Tag mit dieser Frage zu beschäftigen, denn es würde sie zermürben.
Eines Sonntags sitzt sie mit Kurt im Garten. Die Kinder sind unterwegs.
Kurt fragt sie, ob sie noch etwas brauche und Katharina schüttelt den Kopf. «Nein. Im Moment nicht.»
Dann schaut sie ihn an. «Aber wenn wieder etwas ist, möchte ich, dass du es mir sagst.»
Kurt nickt. «Das verspreche ich dir.»
Seit den 1970er-Jahren hat sich in der Krebsmedizin unglaublich viel verändert.
Brustkrebs kann heute häufig früher erkannt und wesentlich gezielter behandelt werden. Nicht jede Frau muss ihre Brust verlieren, und die Behandlung wird zunehmend auf die Eigenschaften des einzelnen Tumors abgestimmt.
Auch das Verhältnis zwischen Ärzten und Patientinnen hat sich grundlegend verändert. Die medizinische Aufklärung und die informierte Einwilligung sind heute zentrale Bestandteile der Behandlung. Patientinnen haben das Recht, über ihre Diagnose, ihre Behandlungsmöglichkeiten und die damit verbundenen Risiken informiert zu werden. Sie dürfen Fragen stellen, eine Zweitmeinung einholen und selbst entscheiden, welchen medizinischen Eingriffen sie zustimmen.
Katharina ist eine erfundene Frau. Ihre Geschichte beschreibt aber eine Situation, die Anfang der 1970er-Jahre in der Schweiz durchaus möglich gewesen wäre.
Aus heutiger Sicht finde ich vieles daran erschütternd und auch traurig. Nicht allein die Krankheit, die grosse Operation oder der Verlust einer Brust, sondern die Vorstellung, dass ein erwachsener Mensch schwer krank sein konnte, während andere darüber entschieden, wieviel Wahrheit er erfahren durfte.
Katharina wollte nicht vor der Wahrheit geschützt werden. Sie wollte ernst genommen und umfassend darüber informiert werden. Sie wollte miteinbezogen werden in all das, was auf sie zukommen würde.
Denn es war ihr Körper. Ihre Krankheit. Und ihr Leben.



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